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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.05.2018

US-Forschung Neue Ideen bei der Pille für den Mann

Reinhard Spiegelhauer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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(imago/emil umdorf)
Die richtige Verhütung ist für Paare ein Dauerthema, aber die Pille für den Mann wird noch Jahre brauchen (imago/emil umdorf)

In den USA erzielen Forscher neue Erkenntnisse bei der Entwicklung einer Pille für den Mann. Aber das Verhütungsmittel lässt weiter auf sich warten, denn die großen Pharmafirmen verdienen gutes Geld mit der Pille für die Frau und sind deshalb wenig engagiert.

Trotz langer Forschung über Jahrzehnte gibt es bisher noch keine marktreife Pille für den Mann. Aber mehrere Forschergruppen von der US-Westküste melden Erfolge bei der Entwicklung eines solchen neuen Verhütungsmittels. "Wenn wir den Wissenschaftlern glauben, dann sind die ziemlich weit", sagte unser US-Korrespondent in Los Angeles, Reinhard Spiegelhauer, im Deutschlandfunk Kultur. Spiegelhauer hat such die bisherigen Forschungsergebnisse einmal genauer angesehen. Allerdings werde es noch dauern.

Pharmafirmen halten sich zurück

Bisher sei es vor allem die Grundlagenforschung, die sich mit der Pille für den Mann beschäftige. "Aber die großen Pharmakonzerne, die sind nicht besonders daran interessiert, in die Verhütung für den Mann zu investieren", sagte Spiegelhauer. Die Pille für die Frau sei sehr etabliert, sicher und preiswert. "Warum also Geld in etwas Neues stecken, wenn man mit dem Vorhandenen gutes Geld verdient." Das sei so ähnlich wir mit manchen Impfstoffen oder Medikamenten gegen seltene Krankheiten.  


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Trotz jahrzehntelanger Forschung an der Pille für den Mann gibt es noch immer kein marktreifes Mittel. Was bleibt also? Kondome, Vasektomie. Aber was wäre, wenn? Wenn es jetzt ein Präparat gäbe, wären die Männer bereit, die Pille zu schlucken? Würden sie die Nebenwirkungen in Kauf nehmen, wie Frauen das seit über 50 Jahren tun?

Wohl ja, jedenfalls etwa die Hälfte, besonders die Männer, die in festen Beziehungen sind. So habe ich es gelesen in einer Zeitung, und nun melden gleich mehrere Forschergruppen von der US-Westküste Erfolge bei der Erforschung der Pille für den Mann. Reinhard Spiegelhauer ist unser USA-Korrespondent in Los Angeles. Er hat sich diese Forschungsergebnisse mal angesehen. Herr Spiegelhauer, was sind das für Erfolge? Steht die Pille für den Mann kurz vor der Einführung?

Reinhard Spiegelhauer: Ja, Frau von Billerbeck, wenn Sie das Gespräch jetzt nicht sofort abbrechen, die Leitung kappen, dann verrate ich Ihnen, nein. In diesem Jahr können wir das nicht kaufen, auch nicht im nächsten Jahr.

von Billerbeck: Okay, Schluss!

Spiegelhauer: Es gibt neue Ideen, aber die müssen natürlich noch zu Ende getestet werden, und klinische Studien sind einfach eine relativ langwierige Sache, wenn es denn so weit ist, dass es die Studien gibt und die Zulassung. Also nicht dieses Jahr, auch nicht nächstes Jahr.

von Billerbeck: Trotzdem, es gibt ja so Nachrichten, die sagen, da ist was Erfolgversprechendes unterwegs. Wie weit sind die Forscher denn?

Spiegelhauer: Wenn wir den Wissenschaftlern glauben, dann sind die ziemlich weit. Ich gehe mal auf zwei dieser recht neuen Forschungsergebnisse ein vielleicht. Zum einen gibt es halt einen relativ frischen Bericht von Forschern aus Kalifornien und dem Bundesstaat Washington. Die sagen, sie haben möglicherweise doch eine Substanz gefunden, die eine Hormonpille für den Mann bringen könnte, ohne große Nebenwirkungen. Es geht da um eine Substanz, die die Testosteronproduktion in den Hoden sehr stark runterfährt.

Ohne Testosteron werden keine Spermien mehr gebildet, und – schwupp – kann der Mann nicht mehr zeugen. Das ist die Theorie. Aber die Forscher haben leider noch gar nicht kontrolliert, ob denn wirklich keine Spermien mehr gebildet werden. Sie haben nicht nachgesehen, sie haben nicht gezählt. Sie haben einfach nur gesagt, bei dem Testosteronlevel im Blut, das wir nachweisen können, wenn wir das Präparat geben, dann können theoretisch keine Spermien mehr gebildet werden. Da spricht vieles dafür. Aber das ist eben nicht wirklich ein Nachweis. Und dann waren es nur knapp hundert Probanden, an denen die das ausprobiert haben, nur über einen Monat.

Samenuntersuchung - Spermien (picture-alliance/dpa/Lehtikuva Martti Kainulainen)Die Pille für den Mann soll auf die Spermien einwirken (picture-alliance/dpa/Lehtikuva Martti Kainulainen)

Da sagen Kritiker natürlich, so kann man nicht wirklich rausfinden, ob und welche Nebenwirkungen das Medikament hat. Es laufen jetzt inzwischen langfristige Studien. Aber bisher, muss man sagen, ähnliche Ansätze haben immer die Leber schwer belastet, haben, Sie haben es angesprochen, Nebenwirkungen gehabt. Die haben wir auch bei der Pille für die Frau. Allerdings ging es da zum Teil so weit, dass die Männer wirklich in die Psychiatrie mussten, weil die Nebenwirkungen so stark waren. Das ist der eine Ansatz, wo man hoffen kann, dass vielleicht was dran ist. Und dann würde ich einen zweiten noch kurz vorstellen, der auch recht frisch ist, vom April.

Da geht es darum, die Spermien einfach auszubremsen, sodass sie es nicht bis zur Eizelle schaffen. Das machen Forscher mit einem Molekül, das an die Oberfläche andockt, das den Antrieb blockiert. Und die Wissenschaftler haben das tatsächlich an einem Primatenzentrum in Oregon getestet, also bei Rhesusaffen hat das funktioniert. Und wenn die Substanz nicht mehr gegeben wird, dann erholen sich die Spermien nach einiger Zeit wieder. Der Mann wird also wieder zeugungsfähig. Das soll auch weiterentwickelt und getestet werden.

Forscher gründen Firmen

von Billerbeck: Interessant, weil ich erinnere mich, dass es doch viele Berichte gab, dass die männlichen Spermien der Gegenwart ohnehin zu langsam sind. Nun fragt man sich natürlich, wer forscht daran? Sind es vor allem Universitäten, oder sind da doch die berühmten Pharmakonzerne dabei, die erst mal das große Geschäft wittern, wenn sie nicht bloß die Frauen versorgen können, sondern auch die Männer?

Spiegelhauer: Man muss fast sagen, es wäre schön, wenn die das wittern würden. Tatsächlich ist es zunächst mal meistens Grundlagenforschung, wobei ab einem bestimmten Punkt dann eigentlich immer Unternehmen mit im Boot sind. Aber das sind dann gern Ausgründungen zum Beispiel. EP055, das was ich gerade vorgestellt habe, dieses Medikament, das die Spermien bremsen soll, das ist so ein Beispiel.

Da haben Forscher von der Universität von North Carolina jahrelang dran geforscht und vor ein paar Jahren dann ein Unternehmen gegründet, Epin Pharma, mit dem Ziel eben, diese Forschungen dann in ein marktreifes Medikament umzusetzen.

Kein Interesse bei den Konzernen

Aber die großen Pharmakonzerne sind nicht besonders dran interessiert, in die Verhütung für den Mann zu investieren, denn die Pille für die Frau ist sehr etabliert, die ist sehr sicher, die ist preiswert. Die Nebenwirkungen sind über die Weiterentwicklungen doch erheblich geringer geworden. Die Widerstände sind relativ gering. Warum also Geld in etwas Neues stecken, wenn man mit dem Vorhandenen gutes Geld verdient?

Das ist so ähnlich wie mit den "Orphan Drugs" oder mit manchen Impfstoffen. Medikamente gegen seltene Krankheiten sind finanziell nicht attraktiv, wenig gebrauchte Impfstoffe auch nicht, und deswegen ist es schwer, die zu bekommen. Deswegen wird daran von den großen Konzernen relativ wenig geforscht.

von Billerbeck: Das finde ich lustig, dass Sie jetzt die Verhütung für den Mann mit seltenen Krankheiten vergleichen. Das ist vermutlich auch ein Grund, warum es bei der Pille für den Mann bisher so zäh voranging. Nun wissen wir ja, dass bekanntlich die Frau immer schwanger wird. Wenn sie verhütet, kann sie sicher sein, wenn der Mann das tut, kann sie das nicht. Ergo, wollen Frauen das eigentlich, dass Männer verhüten?

Studie: ugendliche achten heute beim Sex mehr auf Verhütung als vorherige Generationen. (picture alliance/dpa/Rolf Kremming)Auch Männer wollen sicher gehen, dass wirklich verhütet wird und zeigen mehr Bereitschaft als früher, die Pille für den Mann zu nehmen - wenn sie denn eines Tages kommt (picture alliance/dpa/Rolf Kremming)

Spiegelhauer: Das kommt wahrscheinlich auch auf den Beziehungsstatus an. In einer vertrauensvollen Beziehung sollte man meinen, dass sich die Partner aufeinander verlassen können und auch wollen. Interessanterweise zeigen Studien, dass heute auch mehr Männer als früher gern sicher sein wollen, dass auch wirklich verhütet wird. Am Ende ist das, glaube ich, eine sehr individuelle Sache. Es gibt ja auch neben der Pille absolut praktikable mechanische Möglichkeiten für Mann und Frau, zuverlässig zu verhüten. Kondome, Pessare sind seit Jahrzehnten in Gebrauch und sicher, wenn man sie richtig anwendet. Und eine Verhütungspille, die muss man ja auch richtig anwenden, die muss man auch tatsächlich nehmen, ob Mann oder Frau.

von Billerbeck: Reinhard Spiegelhauer war das über neueste Forschungen an der Pille für den Mann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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