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Zeitfragen | Beitrag vom 14.09.2018

US-Autor Tom DruryGlückssucher in Iowa

Von Michael Hillebrecht

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Der US-amerikanische Schriftsteller Tom Drury am 13.03.2015 auf der Buchmesse Leipzig.  (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
Vor allem ist Tom Drury mit seiner "Grouse County"-Trilogie bekannt geworden. Darin erzählt er mit viel Sympathie vom Leben auf dem Land. (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

In seinen Romanen beschreibt Tom Drury mit lakonischem Humor die surrealen Momente des Alltäglichen. Seine Ortschaften wie "Grouse County" im Mittleren Westen der USA sind klein oder gar winzig. Mittlerweile lebt der Autor in Berlin.

"Woran erinnern Sie sich am intensivsten? Diese Erinnerungen sollten Sie nutzen, auch wenn Sie nicht mehr wissen, weshalb sie sich daran erinnern. Sie sind so wertvoll wie Gold."

"Michael? Hi, I'm Tom. Come on in."

Tom Drury begrüßt den Reporter in seiner Wohnung in Berlin Neukölln. Der 1956 geborene Autor ist vor allem durch die Grouse County-Trilogie bekannt geworden. Drei Romane, die in einem fiktiven ländlichen Bezirk im mittleren Westen der USA angesiedelt sind.

"Wir können uns in die Küche setzen."

In den Grouse County-Romanen beschreibt Drury das Leben auf dem Land mit viel Sympathie, lakonischem Humor und einem besonderen Gespür für die surrealen Momente des Alltags. Drury kennt diese Welt aus eigener Anschauung, er selbst wuchs in einem kleinen Ort in Iowa auf. 

"Ich zeige es Dir."

Drury holt ein altes Foto seines Heimatortes aus dem Nebenraum.

Das ist Swaledale in Iowa. Vier Straßen breit und sieben Straßen lang, das ist alles. Die höchste Einwohnerzahl, die wir je hatten, betrug 221 Leute, also wirklich nicht sehr viele. Als dieses Foto entstand, war ich sieben Jahre alt.

In seinen Romanen fängt Drury die Atmosphäre solch kleiner Orte in der Weite der Prärie sehr genau ein, etwa wenn eine Gruppe junger Frauen einem abendlichen Footballspiel zuschaut und dabei heiße Schokolade mit einem Schuss Alkohol genießt:

"Eine Gruppe Cheerleader rannte aufs Feld, die Fäuste ungeschickt in die Hüften gestemmt. ´Ahh – mach endlich die Mücke, sonst zerkratz ich dir den Rücken!`, brüllten sie. Die Mädchen des Landjugendclubs sahen sich an und schüttelten den Kopf, während aus ihren Tassen der Dampf aufstieg. ´Ich weiß eigentlich gar nicht, warum wir überhaupt etwas trinken müssen, wo doch das Leben selbst schon so faszinierend ist`, sagte Mercedes Wonsmos. Trotz des sarkastischen Tonfalls klang ihre Bemerkung, als sei sie ernst gemeint. Lyris hatte Gefallen gefunden an dem Sportplatz auf dem kalten Hügel und den hoch oben einsam hängenden Batterien des Flutlichts und den weißen Trikots der Heimmannschaft und dem so überaus hellen Spielfeld und dem so überaus dunklen Himmel. Sie nahm alle Einzelheiten des Abends in ihr Herz auf und hatte noch Platz für viel mehr."

Auf dem Foto seines Heimatortes Swaledale aus dem Jahr 1963 findet Drury auch einen Lieblingsort seiner Kindheit.

"Hier drüben war eine Farm mit einem kleinen Wäldchen. Dort habe ich oft unter einem Baum gesessen und gelesen, was ich cool fand. Lesen war mir als Kind sehr wichtig, weil es mir die Möglichkeit bot, mich in andere Welten hinein zu versetzen."

"Es ist gut, weg zu sein"

Swaledale ist für Drurys Schreiben bis heute von großer Bedeutung, auch wenn er den Ort schon lange verlassen hat. Wie viele seiner Romanfiguren zog es auch ihn in die großen Städte.

"Meine Romane über den mittleren Westen habe ich in Connecticut, New York und Los Angeles geschrieben und jetzt schreibe ich darüber in Berlin. Es ist gut, weg zu sein, weil die Erinnerungen dann nicht von der Realität überlagert werden. So fällt es mir leichter, einen imaginären Ort mit imaginären Figuren zu erschaffen."

Drurys erster Roman "Das Ende des Vandalismus" aus dem Jahr 1994 beginnt mit einer Szene, in der sich drei der wichtigsten Figuren des Romans begegnen. Dan Norman, der Sheriff von Grouse County, hilft bei der alljährlichen Blutspendenaktion aus. Louise Darling und ihr Mann Tiny haben gerade Blut gespendet.

"Dan bewunderte insgeheim die schmalen weißen Handgelenke von Louise, während er ihr den Wattebausch gegen die Schlagader drückte. ´Ich danke Ihnen, Mrs. Darling`, sagte er. Dann kam Tiny dran. Er hatte rotes Haar und auf einem Handrücken eine Eule tätowiert. ´Ihr solltet das Blut nach Port Gaspar schicken`, sagte er. ´Wohin?`, fragte Dan. ´Nach Port Gaspar`, wiederholte Tiny. ´Die Marine hat den Eskimos dort nämlich eine Ladung Lachs verkauft, und es hat sich herausgestellt, dass der vergiftet war. Deswegen sind die jetzt alle krank. Sie haben Blutvergiftung. Und raten Sie mal, was die Marine macht. Die schickt natürlich ein paar Anwälte hin, um die Eskimogemeinde einzuschüchtern.` ´Wo liegt denn Port Gaspar?`, fragte Dan. ´Am Südpol oder so`, sagte Louise. Sie hatte große grüne Augen und ganz zarte Sommersprossen. ´Wir haben einen Bericht darüber im Radio gehört. Vielleicht war es ja auch gar nicht die Marine.` Louise Darling zog sich die Jacke glatt und warf den Kopf zur Seite. ´Ich bin auch gar nicht sicher, ob es wirklich Eskimos waren.` ´Es war dort jedenfalls so kalt, dass es Eskimos gewesen sein könnten´, sagte Tiny. ´Diese Anwälte haben nämlich gesagt: ´Noch eine einzige Beschwerde, und wir machen die ganze Stadt mit dem Schneepflug platt.` ´Ihre Häuser waren also aus Schnee`, sagte Dan. ´Sieht so aus`, meinte Tiny."

"Nebenfiguren" gibt es für Drury nicht

Bereits hier deutet sich unterschwellig ein Konflikt zwischen Sheriff Dan Norman und Tiny Darling wegen dessen Frau Louise an.

"Für Tiny ist es einfacher, sich über die Marine zu beklagen, und was die den Eskimos angetan hat, als sich direkt mit Dan anzulegen, der ja eine Autoritätsfigur ist und der zu einem Rivalen um die Zuneigung von Louise wird."

Der Sheriff, der sich in die Frau des Taugenichts Tiny Darling verliebt, steht im Mittelpunkt dieses Romans, in dem Drury eine Fülle von kuriosen und schrulligen Figuren auftauchen und wieder verschwinden lässt und man am Ende das Gefühl hat, selbst ein Bewohner von Grouse County zu sein. Ein Markenzeichen von Drury: er betrachtet jede Figur mit der gleichen Sympathie und Hingabe. "Nebenfiguren" gibt es für ihn nicht.

"Wenn man von Nebenfiguren spricht, steckt dahinter eine hierarchische Vorstellung. Für mich aber hat jeder eine Geschichte und ich versuche, alle meine Figuren in ihrer Unverwechselbarkeit darzustellen. Wenn jemand in meinem Buch vorkommt, dann soll er auch interessant sein."

Am Schluss von "Das Ende des Vandalismus" findet sich eine Liste aller Romanfiguren, die etwa 60 Namen umfasst. Sie reicht von Perry Kleeborg, dem Betreiber eines Fotostudios, in dem Louise arbeitet, über Claude Robeshaw, einem einflussreichen Farmer, bis zu Lu Chiang, einer taiwanesischen Austauschschülerin. In gewissen Abstufungen mag für sie alle das Motto aus Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" gelten, das Drury seinem Roman vorangestellt hat:

"Wenn Sie auch nicht zum Glück gelangen, so seien Sie doch stets eingedenk, dass Sie auf dem richtigen Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzuweichen."

Das Glück finden sie nicht, aber sie sind auf dem richtigen Weg

"Das könnte das Motto für alle meine Texte sein. Die Menschen finden das Glück nicht, aber sie sind auf dem richtigen Weg. Das ist auch meine Absicht, es so darzustellen. In dieser Hinsicht ist mein Buch auch irgendwie utopisch, oder optimistisch."

"Utopisch" sind diese Romane auch in einer anderen Hinsicht: Drury verschmilzt in der Grouse County-Trilogie unterschiedliche Zeitebenen, so dass ein Ort entsteht, der so nur in Drurys Romanen existieren kann.

"Meine Literatur ist natürlich nichts anderes als ein Versuch, mich daran zu erinnern, wie es früher einmal war. Aber in meinen Romanen habe ich die Orte von damals in die Gegenwart versetzt und mit Menschen bevölkert."

Das Foto von Swaledale aus dem Jahr 1963, das wir in Drurys Berliner Wohnung betrachten, zeigt seinen Heimatort so, wie der Autor ihn aus seiner Kindheit kennt. Drury empfindet allerdings die Leerstellen sehr stark, die sich seit dem aufgetan haben.

"Viele Dinge, die auf diesem Foto zu sehen sind, gibt es heute nicht mehr. Zum Beispiel die Schule, oder diese Kirche, und auch die Getreidesilos sind nicht mehr da. Als die Getreidesilos abgebaut und die Eisenbahnschienen entfernt wurden, kam einem das sehr endgültig vor, weil das die Stadt ausmachte. Aber so funktioniert die Wirtschaft eben. Größere Anlagen werden gebaut und man benötigt die kleinen nicht mehr."

Seine Karriere begann Drury als Journalist

Drury verließ Swaledale, um in Iowa City Journalismus zu studieren. Anschließend ging er als Journalist nach Connecticut, an die Ostküste. Die Arbeit als Journalist war für Drury vor allem eine Möglichkeit, schreibend seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Fünf Jahre lang arbeitete er für verschiedene regionale Zeitungen, ehe er sich an der der Brown University in Providence, Rhode Island, für Creative Writing einschrieb. Er studierte dort bei Robert Coover, dem Autor von Romanen wie "Die öffentliche Verbrennung" und "Geralds Party".

"Robert Coover war ein außergewöhnlicher Lehrer. Obwohl er ein bekannter postmoderner Autor ist, hatte er kein Problem damit, mit jemandem wie mir zusammen zu arbeiten, der leise, realistische Texte schrieb. Nachdem ich schon zwei Jahr studiert hatte, fragte er mich: ´Ich habe jetzt gesehen, was du kannst – was kannst du sonst noch?` Er wollte mich damit herausfordern. Zuerst hat mich das irritiert, aber mittlerweile halte ich es für den besten Rat, den ich je bekommen habe."

Eine Farm im US-Bundessaat Iowa.  (imago/Danita Delimont)Aufgewachsen ist Tom Drury auf einer Farm im US-Bundesstaat Iowa. (imago/Danita Delimont)
Großen Einfluss auf sein Schreiben hatte in dieser schwierigen Situation auch seine Mutter, die ihm Briefe aus Iowa schrieb.

"Sie hat nie versucht, schön zu schreiben, und sie wollte auch nicht witzig sein. Und dennoch waren ihre Briefe sehr atmosphärisch, und oft hatten sie einen trockenen Humor, gerade weil sie nicht witzig sein wollte. – Vielleicht wollte sie auch witzig sein, keine Ahnung."

Robert Coovers Frage bewirkte, dass sich Drury ein größeres Maß an erzählerischer Freiheit zugesteht.

"Eine Geschichte kann sich in alle möglichen Richtungen entwickeln. Ich versuche ihr, während sie sich entfaltet, zuzuhören und auf die kleinen versteckten Hinweise zu achten, die in ihr verborgen sind. Wenn jemand eine Bemerkung macht, frage ich mich: ´Was steckt dahinter? Warum hat er das gesagt? Was wird als nächstes passieren?`"

Drury ist ein Autor, der beim Schreiben immer auf dem Sprung ist. Einer, der sich vom Fortgang seiner Geschichten auch selbst überraschen lassen will.

"Das ist, als ob du auf Steinen einen Fluss überquerst. Du springst von einem Stein zum nächsten und weißt nicht genau, wo du landen wirst."

Das Ergebnis ist ein zauberhaft umherflackerndes, in seiner Lakonie stellenweise hochkomisches Erzählen, das, wie ein Kritiker einmal feststellte, ohne Idyllisierung und Spott vom Leben auf dem Land erzählt. Die Leichtigkeit, für die Drury häufig gepriesen wird, ist hart erarbeitet. Seine spontanen ersten Entwürfe überarbeitet er intensiv.

"Ich muss sehr viel wieder streichen. Ich überarbeite meine Texte sehr oft, um sie mühelos wirken zu lassen."

Nächtliche Szenen erinnern an Bilder von Edward Hopper

Im Lauf der drei Grouse-County-Romane hat Tom Druy das Spektrum seiner imaginären Welten kontinuierlich erweitert. Im zweiten Teil der Trilogie –  "Die Traumjäger" – erinnern nächtliche Szenen und Träume der Protagonisten manchmal an Bilder von Edward Hopper.

"Ich mag Träume, sie sind genauso real wie die Realität. Es spricht also nichts dagegen, sie zu verwenden."

So verschwimmen in "Die Traumjäger" oft die Grenzen zwischen Traum und Realität. Etwa wenn Micah, der siebenjährige Sohn von Tiny Darling, einmal bei seiner Großmutter Colette übernachtet und ein Poster, das an seiner Schule zu heftigen Diskussionen geführt hatte, plötzlich lebendig wird. Auf dem Poster wurde die Entwicklung des Menschen evolutionsbiologisch dargestellt.

"Das alles erklärt vielleicht, was Micah sah, als er in Colettes Haus aufwachte. Die Gestalten von dem Poster waren lebendig geworden und marschierten durch ihr Wohnzimmer. Der Heidelberg-, der Peking-, der Broken Hill-, der Java- und der Swanscombe-Mensch. Sie sangen und trugen Reibhölzer und Schaber aus Feuerstein bei sich. Sie bewegten sich schwerfällig und bedächtig, so als müssten sie noch meilenweit gehen. Natürlich würden sie selbst dafür nicht den Begriff ´meilenweit` verwenden. Der Javamenasch stieß gegen einen Standaschenbecher aus Messing, und Micah sprang von der Couch, um ihn aufzufangen, aber zu spät. Der Swanscombe-Mensch blickte auf den umgestürzten Aschenbecher, stieg über ihn hinweg und folgte den anderen zur Tür hinaus. Da betrat Micahs Großmutter das Zimmer und drehte ebenfalls ihre Runde, als wäre sie in dieser menschlichen Entwicklungsgeschichte das neueste Modell."

"Die Großmutter sagt: ´Das sind Geister, so was kommt vor.` Und dann erklärt sie ihm, was es für verschiedene Geister gibt, und sie selber wird auch ein bisschen wie eine Hexe beschrieben. In ´Die Traumjäger` tauchen also magische Elemente auf. Mir kommt der Roman beinahe wie ein Märchen vor."

Das "Tempelhofer Feld" ist ein idealer Ort

Unweit von Drurys Wohnung befindet sich das ehemalige Flugfeld des mittlerweile geschlossenen Flughafens Berlin Tempelhof. Für Drury ist das sogenannte "Tempelhofer Feld" ein idealer Ort, um sich an seine Kindheit zu erinnern, bietet sich hier doch für eine Stadt ein eher ungewöhnlicher Blick auf die Weite des Himmels.

"In meiner Kindheit konnte man eigentlich nur den Himmel anschauen. Nachts legten wir uns auf den Rücken und betrachteten die Sterne. Man sah auch Satelliten und Flugzeuge, – entfernte Objekte und Menschen, die sich irgendwohin bewegten, das mochte ich sehr. Es war eine Art Vision von einem anderen Leben."

Kurz vor dem Besuch auf dem "Tempelhofer Feld" war das Sturmtief "Xavier" über Berlin gezogen. Ein umstürzender Baum hatte sogar ein Todesopfer gefordert. Drury erinnert das an die wesentliche heftigeren Stürme, die er als Kind in Iowa erlebte.

"Ein Tornado wurde durch ein eigenartiges grünes Schimmern am Himmel angekündigt, wie bei einem alten Fernseher, der nach dem Abschalten nachglüht. Ich rannte dann mit meinen Geschwistern und meiner Mutter in den Keller und alles war dunkel, weil der Strom abgeschaltet wurde. Als Kind war das aufregend, aber auch beängstigend."

Manche Figuren in der Grouse County Trilogie begleitet Drury von Roman zu Roman: man kann ihnen beim älter werden zusehen. So ist etwa Micah, der in "Die Traumjäger" noch ein kleiner Junge ist, in "Pazifik", dem dritten Roman des Zyklus, ein junger Mann, der sich anschickt, die Provinz zu verlassen. Auch er folgt dem Sog der großen Städte und zieht nach Los Angeles. Kaum ist Micah weg, taucht in Grouse County eine Frau auf, die bald alles durcheinander wirbeln wird. Louise begegnet ihr als erste. Louise ist mittlerweile mit Dan Norman, dem früheren Sheriff, verheiratet und betreibt einen Trödelladen.

"Eine Kundin stand im Laden – groß, dünn und bleich, zwischen zwanzig und dreißig, ganz in schwarz gekleidet, mit glänzendem weißen Haar und sehr kurzen Ponyfransen. ´Ich heiße Sandra Zulma`, sagte sie. ´Ich suche einen Stein.` Sie presste ihre Fäuste aneinander, um die Größe zu zeigen. ´Wir haben da ein schönes Exemplar`, erwiderte Louise. ´Man sieht Kristalle im Innern.` ´Nein. Es ist ein … ganz bestimmter Stein.` ´Ist er etwas Besonderes?` Die Frau sah Louise mit ihren hellen blauen Augen an. ´Es heißt, er sei ein Stück des Lia Fáil. Oder er könnte auch der Stein sein, den Cúchulainn warf, um den Wagen von Conall daran zu hindern, ihm nach Loch Echtra zu folgen. Oder der Stein eines Hügelgrabs, der von den Grabräubern des Wirtshauses von Leinster zurückgelassen wurde.` ´Wow`, sagte Louise. ´Ich bezweifle, dass wir so etwas hier haben.`"

Drury hat einen Sinn für trockenen Humor

Sandra Zulma ist auf der Suche nach einem sagenumwobenen Stein der keltischen Mythologie. Sie kommt nach Grouse County, weil sie hofft, diesen Stein bei ihrem Jugendfreund Jack Snow zu finden, der dort einen Versandhandel mit keltischen Fundstücken betreibt. Tom Drury hat einen Sinn für trockenen Humor.

"Sandra hat alle keltischen Epen gelesen. Als Kind hat sie mit Jack Snow oft die keltischen Heldensagen nachgespielt. Aber er hat sich davon gelöst und sie nicht. Deshalb ist sie nun als Erwachsene ziemlich unberechenbar und manchmal sogar gefährlich."

Eine Frau, die sich für eine keltische Kriegerin hält, und die behauptet, in einem Unterwasser-Tunnel von Irland nach Amerika zurück gekehrt zu sein. Eine Frau, die so besessen ist von ihrer Imagination, dass die Begegnung mit der alltäglichen Welt der Menschen in Grouse County nur zu Konfrontationen führen kann. So schlägt sie beispielsweise den Wirt in der örtlichen Kneipe mit einer Holzlatte nieder, die sie als ihr Schwert bezeichnet.

"Vielleicht ist sie ja wirklich durch einen Tunnel unter dem Ozean in die Vereinigten Staaten gekommen. Ich wollte das offen lassen, weil ich die Vorstellung mag, dass sie vielleicht genau das war, was sie vorgab zu sein. Oder dass sie wenigstens durch ihre Einbildungskraft zu dem wurde: zu einer Inkarnation einer keltischen Heldenfigur."

"Ich versuche mit jedem Buch etwas Neues"

In "Die Traumjäger" verbindet Drury traumverlorene und märchenhafte Szenen mit trockenem Humor und teils schrägen Dialogen. In "Pazifik", dem Nachfolgeband, spielt er mit Motiven aus der keltischen Epik.

"Ich versuche mit jedem Buch etwas Neues. Ich stelle mir immer wieder die Frage: ´Was kannst du noch?`"

Besonders wichtig ist für Drury dabei immer ein Moment der Überraschung.

"Wenn ich auf etwas stoße, das mir seltsam oder interessant vorkommt, dann verwende ich es, auch wenn ich noch gar nicht verstehe, weshalb es mich interessiert. Es ist ja alles Fiktion, die Welt ist hier drin."

Und als erfahrener Journalist beschreibt Drury gleich selbst, dass er sich gerade mit dem Finger an den Kopf getippt hat.

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