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Fazit | Beitrag vom 27.09.2019

Ursula Werner in "Mutter Courage""Unerschütterlich und unverbesserlich"

Eberhard Spreng im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Das Foto ist eine Einzelaufnahme von Ursula Werner in der Rolle der Mutter Courage, in der sie in ihrer linken Hand einen Schuh mit der Schuhsohle in Richtung Kamera hochhält.  (Sebastian Hoppe)
Ursula Werner spiele die Mutter Courage wunderbar maliziös, erklärt Theaterkritiker Eberhard Spreng, und ende als alte, gebrochene Frau. (Sebastian Hoppe)

Bertolt Brechts "Mutter Courage" gehört zu den meistgespielten Stücken überhaupt. Die berühmte Hauptrolle übernahm in Armin Petras Version am Dresdner Staatsschauspiel Ursula Werner. Eberhard Spreng sah eine Titelfigur in der Tradition von Helene Weigel.

Die Frage am Anfang einer "Mutter Courage"-Aufführung sei immer: "Ist es eher die Therese Giese artige Courage, also die mütterliche Figur, die in der Züricher Uraufführung 1941 die Aufführung geprägt hat, oder ist es eher die unerbittliche Helene Weigel in der Aufführung am Deutschen Theater 1949?", meint Fazit-Kritiker Eberhard Spreng. Brecht habe zwischen den beiden Inszenierungen die Figur noch einmal überarbeitet und härter gemacht. "Sie sollte auch wirklich ein bisschen unsympathisch sein", so Spreng. 

Ein starres Bühnenbild ohne Stereotype

Ursula Werner sei dort ganz eindeutig in der Tradition von Helene Weigel. "Sie hat so ein maliziöses In-sich-hinein-Lächeln." Unterstützend für die Rolle der Mutter Courage sei auch das Bühnenbild von Olaf Altmann gewesen, das ganz auf Stereotype wie Planwagen verzichtet hat. Außerdem hat es keine Drehbühne gegeben, was den Eindruck, den das Stück hinterlassen habe, massgeblich beeinflusst hätte. "Die dramaturgische Vorstellung ist hier: Die zentrale Figur bleibt eigentlich bewegungslos. Sie ist auch mental unerschütterlich und unverbesserlich."

Die Inszenierung von Armin Petras sei zweigeteilt gewesen, erklärt Spreng. Ein erster Teil, "der uns wirklich relativ kalt lässt", während der zweite Teil eine "emotionale Verhaftung" biete, ohne die das Publikum nach Jahrzehnten der Hollywooddramaturgie nicht auskäme. Der Zuschauer sei so "verseucht, dass wir uns eigentlich nur noch für das interessieren können, was uns irgendwie auch emotional bewegt", so Spreng. Und der zweite Teil sei "ganz eindeutig und sehr klug gebaut von Armin Petras", der in letzter Konsequenz doch vielleicht der Regisseur der melodramatischen Sozialkritik sei.

Ursula Werner als Dreh- und Angelpunkt

Über die gesamte Länge des Stückes sei trotzdem Ursula Werner ihrer Rolle gerecht geworden. "Also ich fand das Maliziöse am Anfang sehr schön. Und: Sie ist wirklich am Ende eine absolut gebrochene, alte Frau. Sie wird zur Greisin vor unseren Augen in der letzten Szenen." Das Ensemble um sie herum hätte jedoch enttäuscht - bis auf Maria Tomoiagă in der Rolle der stummen Tochter Kattrin. "Deswegen bleibt Ursula Werner natürlich der Dreh- und Angelpunkt, und ich finde, dass sie dieser Aufgabe sehr gut gerecht geworden ist", bilanziert Spreng.

(kpa) 

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