Hörspielmagazin, vom 19.12.2020, 21:13 Uhr

Ursula Krechel im Gespräch„Ich bin von der eigenen Unsichtbarkeit ausgegangen…“

Ursula Krechels Hörspiel „Der Kunst in die Arme geworfen” handelt von den Schwierigkeiten, aber auch von der Sehnsucht, zu schreiben. Im Gespräch mit Sabine Küchler berichtet die Schriftstellerin, was sie dazu inspiriert hat, die äußeren und inneren Bedingungen des Schreibens für Frauen des 19. Jahrhundert ins Blickfeld zu rücken.

Porträt von Ursula Krechel. (Imago / Gerhard Leber)
. (Imago / Gerhard Leber)

Sabine Küchler: "Ursula Krechel, lassen Sie uns über Pionierinnen sprechen, lassen Sie uns über Ihr Hörspiel "Der Kunst in die Arme geworfen" sprechen. Am Anfang stand die Begegnung mit einem Lexikon, dem "Lexikon deutscher Frauen der Feder". Was ist das für ein Buch und wie kann ein Lexikon zu einem Hörspiel inspirieren?" 

Ursula Krechel: "Das Lexikon fand ich, es ist von einer Sophie Pataky, die man heute nicht kennt, herausgegeben. Es ist 1998 erschienen, das war eine sehr interessante Zeit, weil das ist ja die Zeit der ersten Frauenbewegung, wo Frauen erstens sich organisierten, zum Beispiel auch als Schriftstellerinnen, auf andere Weise auch als Dienstmädchen - darüber habe ich auch geschrieben. Und indem klar war, wir sind nicht nur vereinzelt, sondern wir sind viele. Also ein sehr interessanter Aspekt, der natürlich dann mit der neuen Frauenbewegung sofort in Verbindung zu bringen war. Und ich habe dieses Riesenwerk, es sind zwei Bände, gelesen eigentlich. Einerseits kann man es wie ein Telefonbuch von Schriftstellerinnen lesen, andererseits eben auch als ein Werkverzeichnis, was über Annette von Droste-Hülshoff dort steht, das ist alles sehr korrekt und ordentlich, aber man kann es eben auch lesen als ein ja, als ein riesiges Memorial von Vergessenen, Verschütteten, von welchen, die ihre Lebensanstrengung in, wie ich es genannt habe, in die Kunst gesteckt haben und von denen eigentlich nur noch ein Häufchen Asche, Papier oder nicht einmal dieses übrig geblieben ist. Jedenfalls kein Name, der bekannt geworden ist. Und in dieser Art von Zwischenhaltung, zwischen einerseits der großen Anstrengung, auch der Schönheit der Texte, und andererseits eben der Traurigkeit, nicht für die so genannte Ewigkeit geschrieben zu haben, in dem ja viele Künstler sich bewegen, in diesem Zwiespalt. Das hat mich angeregt, dieses Hörspiel zu schreiben."

Sabine Küchler: "Das Hörspiel, Sie haben es gerade schon angedeutet, ist das Mittelstück einer Trilogie, den Auftakt macht das Stück mit dem Titel "Das Parkett. Ein spiegelnder See". Ein Stück, das die Situation von Dienstmädchen dokumentiert. Das dritte Stück heißt "Näher am springenden Punkt", erzählt von einem Callgirl. Das ist schon eine bemerkenswerte Galerie weiblicher Rollenbilder: Dienstmädchen, Künstlerin, Hure. Warum dieser Dreiklang?"

Ursula Krechel: "Ich würde nicht sagen, sie ist eine Hure, sondern - sie ist von Jutta Lampe, der wunderbaren Jutta Lampe, gesprochen worden und das hat dann schon einen sehr, sehr hohen, feinen, eleganten Ton - ich würde dann schon in die höhere Kategorie des Callgirls hineingehen, was ja doch ein entschiedener Unterschied ist. Ja, ich habe mich in drei verschiedene Rollensysteme hineinbegeben, die alle ja doch in gewisser Weise auch mit einer Dienstbarkeit zusammenhängen, auf ganz verschiedene Weise. Während die ersten beiden ja mit großen Stoffmassen, mit vielen, vielen Personen umgehen, ist die letzte ganz vereinzelt. Diese junge Frau sitzt da, eine klassische Funk-Situation. Ich wunderte mich, dass noch nie jemand darauf gekommen ist. Sie sitzt da und wartet auf Anrufe und dem Callgirl bleiben die Telefonanrufe weg und das heißt natürlich, dass sie zu monologisieren beginnt. Bei den Dienstmädchen war es so, dass einfach ein Tasten nach einer Solidarität, ein Tasten nach einer Gemeinsamkeit doch herrschte. Die Dienstmädchens-Bewegung ist sehr interessant. Die wurde zerrissen zwischen der bürgerlichen Frauenbewegung, natürlich hatten die bürgerlichen Frauen alle ein Dienstmädchen, und der proletarischen Frauenbewegung. Die Dienstmädchen, da sie vereinzelt in Haushalten waren, waren keine Arbeiterinnen. Und sie standen in dieser Vereinzelung, vielleicht wie heute die sozialen Berufe, die auch nicht organisiert sind, viel zu schlecht organisiert sind, zwischen allem und haben sehr schöne Texte hinterlassen, reizende Texte, schreckliche Texte, wie sie behandelt worden sind im Haushalt. Und diese Texte habe ich lange gesammelt und daraus eben auch etwas gemacht, was mir jetzt im Nachhinein beim Lesen dieses neuen, dieses alten neuen Hörspiels "Der Kunst in die Arme geworfen" wieder aufgefallen ist, dass ich auch damals schon sehr viel mit Montagen gearbeitet habe, dass ich sehr gern Fremdmaterial verarbeitet habe, in fremde Sprachschichten hineingegangen bin, was ich ja heute in den Romanen auch tue."

Sabine Küchler: "Entstanden ist das Hörspiel "Der Kunst in die Arme geworfen" 1982. Und es wirft den Blick zurück ins 19. Jahrhundert. Wir müssen also gewissermaßen gleich zwei historische Brillen aufsetzen, um das Stück im Resonanzraum der Achtzigerjahre zu verstehen und um die Lebenswirklichkeit schreibender Frauen im 19. Jahrhundert zu begreifen. Sie haben mal geschrieben: "So vielfältig wie ihre Lebensverhältnisse waren die Ansichten dieser Frauen über das Schreiben. Ich hörte sie sprechen und sprach mit ihnen - eine Erprobung rituellen Sprechens." Was hat Sie damals besonders angesprungen, vielleicht sogar überrascht, an diesen Lebenswegen und weiblichen Schreibweisen?"

Ursula Krechel: "Im Grunde genommen die Verschiedenheit, die enorme Verschiedenheit, die Bandbreite zwischen einem euphorischen, ja, fast begeistertem Können des begabten jungen Mädchens, sag ich mal. Dann die äußerste Disziplin, von Frauen, die einfach sehr, sehr viel geschrieben haben, zum Teil mit Anerkennung, zum Teil ohne Anerkennung, dann eben die Abhängigkeit von Vätern, von Ehemännern und so weiter, gefangen zu sein in einem System. Dann aber auch die, ja, die verhältnismäßig, eine offene Situation. Viele Frauen zu der Zeit haben zum Beispiel übersetzt und mit dem Übersetzen durchaus auch einen seriösen Beruf gehabt. Schiller hat in den "Horen", in seiner Zeitschrift, viele Frauen, ich sage jetzt mal einfach beschäftigt in Anführungszeichen, oder viele Texte von Frauen gedruckt überraschenderweise, bei allen Schwierigkeiten, sodass einerseits ein enormer Respekt bei mir gewachsen ist, andererseits eben auch eine große Traurigkeit über das Vergessen. Und da ich mich mit dem Vergessen weiblicher Kulturleistungen immer wieder beschäftigt habe im Band "Pionierinnen", von dem Sie gesprochen haben, am Anfang natürlich auch, hat sich da so ein Kontinuum ergeben, das mich weiter sehr beschäftigt."

Sabine Küchler: "Das Stück beginnt geradezu mit einer Fanfare. "Ich bin eine euphorische, jugendlich begeisterte Liebhaberin der literarischen Kunst." So hebt das Stück an, begeistert, rotwangig, enthusiastisch. Diese unglaubliche Emphase, die in diesem Satz steckt, bringt einen dazu, das Scheitern schon gleich mitzuhören."

Ursula Krechel: "Ja, das mag so sein, aber es ist ein Scheitern auf hohem Niveau, möchte ich mal sagen. Weil ohne diese Begeisterung in einen, ja, in einen damals oder immer noch exotischem Beruf hineinzugehen, geht es ja nun gar nicht. Bei dieser Stimme sind fünf verschiedene Stimmen. Bei dieser ersten Stimme ist es eine Art von ja, ich sag mal, das Glücksbad der Kreativität, was ich darstellen wollte, das natürlich auch das Glück des Beginnens ist. Und das ist immer sehr groß. Und ohne dieses Glück des Beginnens findet auch keine Mitte und kein Ende natürlich statt."

Sabine Küchler: "Welche Chance hatte denn eine Frau im 19.Jahrhundert, sich für eine Karriere als Schriftstellerin zu entscheiden? Waren die Zeiten eigentlich reif oder waren nicht die Rollenbilder für Frauen doch eher Mutter, Ehefrau, womöglich noch Geliebte? Aber selbstständige Künstlerin? Undenkbar."

Ursula Krechel: "Ja, deswegen hat mich das Lexikon so sehr fasziniert. Es sind zwei große Bände a 600 Seiten. Kleingedruckt, wie das so ist. Was haben die Frauen gemacht? Natürlich haben etliche, ja vom Übersetzen hab ich schon gesprochen, andere haben schlicht Lesefutter geschrieben, für die Gartenlaube. Trivialromane... Es ist einfach so, heute leben auch sehr viele von Trivialromanen. Und das andere ist einfach ein Tasten nach Kunst. Deswegen, es ist eben auch Bettina Brentano - später Bettina von Arnim - und Karoline von Günderrode ein kleiner Teil gewidmet. An diesen paradigmatischen Situationen ist vielleicht aufzuzeigen, der Überschwang, der jugendliche Überschwang, den die Bettina hatte, aus der erst im hohen Alter eine richtige große Schriftstellerin geworden ist, als sie ihren jugendlichen Überschwang bearbeitet hat. Und die früh gestorbene, mit 24 Jahren am Rhein sich erdolcht habende Karoline von Günderrode, die mit allem strengen Kunsternst arbeitete und in der Situation eines Stiftsfräuleins einerseits geschützt war, nicht heiraten brauchte, und andererseits eben auch wie ein Geländer hatte, der Moral, über die sie natürlich hinausging, auf gefährliche und auf sehr, sehr selbstbewusste Weise. In diesen Situationen, außenseiterisch, hat sich vielmehr natürlich ergeben als in der Normalsituation Mutter, Ehefrau und so weiter. Bei etlichen Frauen ist klar, sie bleiben bei Eltern, pflegen zum Beispiel einen Vater oder eben sie sind früh verwitwet. Dass also die Situation, wirklich ernsthaft eine solche Karriere durchzufechten, doch heißt eben auch, von bestimmten Zufällen abhängig zu sein, natürlich auch von Vermögen. Dagegen muss man ja gar nichts sagen."

Sabine Küchler: "Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben." Das ist ein Satz von Karoline von Günderrode, der auch im Hörspiel fällt. Sie wusste, wovon sie sprach."

Ursula Krechel: "Ja, ganz gewiss. Deswegen zitiere ich ihn auch immer wieder gerne. Balsam heißt ja nicht Trost. Es ist ja doch ein sehr eigenwilliges Wort, was ja doch eben auch die, ja die Beweglichkeit, das Flüssige eben auch bedeutet, das Fließende auch, was in Reimen ist. Sondern ich glaube, sie hat damit etwas sehr Schönes - auch der Geruch von Balsam natürlich - sie hat damit ein sehr sinnliches Wort gewählt, was über diese Idee vom Trostbüchlein, gerade jetzt sind viele Menschen trostbedürftig, ja weit hinausgeht."

Sabine Küchler: "Sie haben ihr tragisches Ende bereits erwähnt. Karoline von Günderrode, 1780 geboren, nimmt sich das Leben und eigentlich hat man ihr Leben und Werk, wie Sie es an anderer Stelle einmal schreiben, immer von diesem rabiaten Ende her interpretiert und so als Märtyrerin, Opfer einer Liebes-Katastrophe, legt man sie eigentlich wieder auf die typische weibliche Opferrolle fest. Sie gehen durchaus so weit zu sagen, in ihr steckte so etwas wie ein weiblicher Heinrich von Kleist."

Ursula Krechel: "Ja, das ist ganz zweifellos so. Es ist ja genau dieselbe Zeit. Sie geht natürlich an vielem zugrunde, an den Beschränkungen ihrer Zeit, am Leiden an dieser Zeit, aber auch an dem weiblichen Entwurf, der überhaupt nicht lebbar war zu dieser Zeit. Sie hat Theaterstücke geschrieben. Ich bin nicht die einzige, die darauf besteht, dass es hervorragende Theaterstücke sind. Ich glaube, es gab auch diesen oder jenen Versuch, sie aufzuführen in den letzten Jahren. Aber es ist ein ganz hoher Anspruch, den sie stellt und dem sie auch gewachsen ist in gewisser Weise. Sie nennt sich Tian, sie nimmt ein Pseudonym, ein männlich klingendes Pseudonym, das vielleicht auch heißt: Nehmt mich bloß nicht in die Frauen Schiene, sondern ich bin, ja ich bin... Sie ist von ihrer eigenen Bedeutsamkeit einfach von Anfang an durchdrungen. Und damit hat sie recht." 

Sabine Küchler: "Die andere berühmte Schriftstellerin haben Sie schon erwähnt, Bettina von Arnim, die auch als solche kenntlich wird im Stück. Sonst sind ja viele Stimmen sozusagen zu hören. Auch so ein Fall. Erst müssen die Kinder geboren werden, ihr Mann, wenngleich es eine unkonventionelle Ehe für die Zeit ist, Achim von Arnim, stirbt 1831. Und erst dann nimmt ihre eigentliche Karriere als Schriftstellerin Fahrt auf."

Ursula Krechel: "Ja, es gibt ja das Jugendwerk. Es gibt ja den "Frühlingskranz", die Briefe an den Bruder. Es gibt das wunderbare Buch, "Die Günderrode". Das heißt, sie hat quasi ihren jugendlichen Elan im Alter fruchtbar gemacht, Dinge ausgearbeitet, die sie jung, ich sag mal einfach hingegefeuert hat, das wäre vielleicht der richtigte Ausdruck dafür, und ist aber am Ende doch eine immens politische Schriftstellerin geworden, eine 48erin, so muss man sagen, eine radikale mit Kommunisten, mit Studenten zusammenarbeitende Frau, eine immens mutige Person. Das hat vielleicht damit zu tun, dass sie einfach diesen jugendlichen Elan doch viele, viele Jahre zurückhalten musste. Und plötzlich flammte davon, als sie allein war, als ihre Kinder aus dem Haus waren, wieder etwas auf."

Sabine Küchler: "Ich bin regelrecht zusammengezuckt, als ich Ihren Essay über das Paar Bettina von Arnim, Achim von Arnim gelesen habe, in dem sie an den historischen Hintergrund dieser beiden Menschen erinnert haben. Ich darf mal zwei Zeilen zitieren aus dem Buch "Pionierinnen": "Am 31. Januar 1831 stirbt Arnim an einem Schlaganfall. In Berlin bricht die Cholera aus und Preußen reagiert dara0uf, wie es zu reagieren gewohnt war militärisch, es zieht einen Cordon sanitaire um die Stadt, der bis zur Oder reicht. Von Osten ist vieles gekommen, auch die Cholera, mutmaßt man. Als Preußen aufatmet, als die Pandemie schon abklingt, fällt Hegel ihr im November 1831 zum Opfer." Schreiben in Zeiten der Cholera, das kommt uns irgendwie bekannt vor."

Ursula Krechel: "Ja, aber auch in der Dramatik, der damaligen Dramatik, dass nun wirklich es kein Mittel gab, außer wirklich dem absoluten Abschließen, was natürlich eben in einem bürgerlichen Haushalt möglich war, aber nicht für arme Menschen natürlich. Es gab enorm viele Opfer."

Sabine Küchler: "Lassen Sie uns auf das Hörspiel zurückkommen, "Der Kunst in die Arme geworfen", das Jutta Brückner 1982 inszeniert hat. Und dieses Stück ist heute noch so ein Ereignis, auch wegen der hochkarätigen Besetzung. Da sind unter anderem zu hören Ilse Ritter, Lore Brunner, Ortrud Beginnen, Franziska Walser, Magdalena Montezuma, um nur wirklich einige zu nennen. Ich weiß nicht, ob sie damals Gelegenheit hatten, bei der Produktion anwesend zu sein, aber ich hätte schon gerne gelauscht, was diese starken Frauen zu diesem Frauenstück zu sagen hatten."

Ursula Krechel: "Ich war nicht bei der Produktion anwesend, aber ich habe mit Jutta Brückner viel Kontakt gehalten, und dass das Hörspiel ganz hochrangig, Sie wissen es ja aus der eigenen Praxis, dass die Besetzung mit wunderbaren Stimmen, mit eigenwilligen Stimmen ganz wichtig ist, an der Suche der Schauspielerinnen oder an der Idee, wer welche Rolle spielen könnte, war ich beteiligt, vor allen Dingen an der Stimme oder an der Suche nach Magdalena Montezuma, die ganz außerordentlich darin ist. Man kennt sie heute kaum mehr. Sie hat bei Werner Schroeter viel gespielt. Sie hat bei Rosa von Praunheim gespielt. Und sie ist eigentlich immer eine Kunstfigur geblieben, eine zarte ätherische Kunstfigur, die glaube ich, soweit ich mich erinnere, gar keine Schauspielausbildung hatte im konventionellen Sinn, aber gerade für die Rolle der Lexikografin, die ja gebeugt ist vom A bis zum B bis zum Z. In Lexika sind ja diese winzigen, lächerlichen Abkürzungen immer, die sie spricht, als wären es kleine Tortenstücke, an der hab ich sehr viel Freude gehabt. Und die anderen Schauspielerinnen sind einfach ein Chorus von enormen Potenzialitäten und eben auch Stimmfärbungen. Die Stimmfärbung war in diesem Fall bei so vielen Frauen natürlich auch sehr wichtig."

Sabine Küchler: "Es dauert ziemlich lange, bis im Hörspiel die erste männliche Stimme erklingt. Unverkennbar der wunderbare Ernst Jakobi, der auf seine unverwechselbare, feine, fast ziselierte Weise mit dem Satz beginnt: "Nun Schluss mit den Sturzbächen!"; wir hörende den Dichter Friedrich Hebbel, der seine schluchzende Geliebte Elise Lensing beruhigen will. Hebbel, so schreiben Sie an anderer Stelle einmal, war ein Nutznießer der weiblichen Unterwerfungsliebe. Der Satz hat es in sich."

Ursula Krechel: "Ja, ja, es ist ja doch, das Werk von Hebbel ist ja makellos. Aber es ist sozusagen aufgebaut oder es gründet auf einer absoluten Ausbeutung; Elise Lenzing sorgt für den Unterhalt des jungen Mannes in Hamburg. Als er dann eben soweit ist, in die Welt zu gehen ist, ist Schluss mit dieser Liebe. Und in München, wo er dann, es muss eben anders wie gesorgt werden für das Auskommen und das ist eine Situation, die sich natürlich eben bei Männern sehr häufig herausgestellt hatte, dass zu diesem System eine Liebende gehört, auf der das männliche Genie heraufsteigen kann wie auf einer Leiter."

Sabine Küchler: "Ich muss weiter, ohne dass mich jemand inkommodiert." So zitieren Sie Friedrich Hebbel. Und natürlich muss man auch daran erinnern, dass diese Menschen verschlingende Egomanie gesellschaftlich zu der Zeit durchaus in Ordnung war. Kunst braucht Opfer. Da kann man sich mit jammernden Weibern nicht aufhalten."

Ursula Krechel: "So ungefähr, ja. Aber man muss auch ein bisschen gerecht sein. Zum Beispiel, es gibt auch das Gegenstück. Zum Beispiel der Kindstod oder, mir fällt das gerade ein, als Clemens Brentanos Frau Sophie Mereau starb. Die Vorstellung einfach, in jedem Kind, in jeder Schwangerschaft steckt ja immer auch der mögliche Verlust der geliebten Frau. Also, ich möchte jetzt nicht das große Geschrei und Gejammer über Männer, die Frauen ausbeuten, anfangen. Das ist ja bekannt. Aber es ist eben auch in der Geliebten, in der Ungewissheit, der biologischen Ungewissheit zu dieser Zeit der weiblichen Existenz, ja auch der frühe Kindstod, der Tod, der Tod der Geliebten bei der Geburt. Das sind ja doch Elemente, die auch wiederum in vielen Künstlerleben eingeschrieben sind."

Sabine Küchler: "Zum Beispiel in dem Porträt von Bettina von Arnim und ihrem Mann Achim tun sie auch beiden sozusagen Gerechtigkeit an, indem sie eigentlich auch deutlich zeigen, dass auch Achim von Arnim befangen ist in einem Rollenbild seinerzeit, dem er nicht entsprechen kann?"

Ursula Krechel: "Ja, absolut. Er muss diese vielen Kinder ernähren. Er muss Gutsherr sein, obwohl er Dichter ist. Und er ist sicher kein besonders begabter Gutsherr, so dass Bettina mit den Kindern vielfach in der Stadt in Berlin bleibt und er, ich sag jetzt mal, auf seiner Klitsche in Wiepersdorf das Geld verdienen muss. Und deswegen ist eben dieser sehr, sehr schöne Briefwechsel entstanden, durch die viele Entfernung und natürlich auch mit Enttäuschungen voneinander. Sie findet doch, er sollte gefälligst dichten. Aber er weiß natürlich, dass das mit Matsch an den Stiefeln auch nicht so gut geht. Und es ist eine wirklich schwierige, aber doch auch sehr, sehr nahe Beziehung, die man in ja, ich habe den Essay geschrieben, doch auch sehr schön nachvollziehen kann."

Sabine Küchler: "Sie haben die Rolle der Lexikografin im Hörspiel erwähnt, die gesprochen wird von Magdalena Montezuma, die an einer Stelle sagt: "Auf meinen Schultern trage ich das Alphabet." Sie wählt aus, sie zitiert, sie rettet die Vorgängerin vor dem Vergessen. "Schreiben ist Überschreiten", haben Sie an anderer Stelle einmal geschrieben. Wie darf ich mir das vorstellen? Ursula Krechel im Jahr 1982, fünf Jahre zuvor ist der erste Gedichtband erschienen, "Nach Mainz". Wie sicher waren Sie sich damals in Ihrer Rolle als junge Autoren? Welche Zukunft als schreibende Frau im 20. Jahrhundert haben Sie sich ausgemalt damals?"

Ursula Krechel: "Ich habe sicher dieselben Bedenken gehabt und dieselben Befürchtungen gehabt, die ich für das 19. Jahrhundert ebenso beschreibe. Ich bin ja eine gelernte Literaturwissenschaftlerin und die Vorstellung, dass vieles einfach hinunter sinkt, ob aus Qualitätsgründen oder aus mangelndem Interesse oder aus markttechnischen Gründen. Das war mir vollkommen klar. Das heißt, ich bin von der eigenen - ich sage nicht vom Scheitern - vom eigenen Unsichtbarwerden ausgegangen. Und wenn ich mir heute überlege, im Vorfeld unseres Gesprächs hab ich das auch wieder gemacht, wer denn aus der Zeit, als ich meine ersten Bücher geschrieben habe, übrig geblieben ist, wie viele Autorinnen es damals gab und wie wenige von denen noch publizieren - von manchen weiß ich gar nicht, was aus ihnen geworden ist - so macht mir das natürlich auch Gedanken. Die Frage, hat sie etwas eingeschüchtert? Hat sie der Mut verlassen? Gab es Optionen für andere Berufe, die interessanter waren, wurden? Ich weiß es nicht. Für mich war eigentlich immer klar Es gibt keinen anderen Weg als den beschriebenen und geschriebenen und zu Schreibenden."

Sabine Küchler: "Es gibt keinen anderen Weg. Das hätte vielleicht auch eine andere Autorin über sich gesagt. Ich denk an Ingeborg Bachmann, der Sie natürlich auch einen Text widmen in Ihrem Essayband "Stark und leise". Es gibt wohl kaum im Werk einer deutschsprachigen Schriftstellerin im 20. Jahrhundert Texte, die so über Verletzungen, Traumatisierungen geprägt sind, die geradezu tätowiert dadurch sind, über das krankmachende gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie haben, wie ich dort gelernt habe, Ursula Krechel, eine ganz besondere persönliche Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Sie haben in ihrer Wohnung gewohnt und sogar einen Kronleuchter und ihren Schrank geerbt."

Ursula Krechel: "Ich habe nicht in ihrer Wohnung gelebt. Sondern, ich war in einer Wohnung, in der sie... Bevor sie nach Rom aufbrach, hat sie Dinge in Berlin an Freunde und Freundinnen weitergegeben. Und in einer solchen Wohnung, in der eben solche Dinge, man hätte damals schon sagen können geparkt waren, weil es war ja nicht sicher, ob sie zurückkäme, habe ich gewohnt, sodass ich in der Tat lange unter ihrem Kronleuchter geschrieben habe, dann, als ich aus dieser Wohnung auszog, doch nicht den Mut oder vielleicht die Chuzpe hatte, diesen Kronleuchter mitzunehmen, zumal in meinem inneren ästhetischen Haushalt auch der Kronleuchter doch eine mindere Rolle spielt. Aber der Kronleuchter wurde dann sozusagen zum Agens dieses Essays."

Sabine Küchler: "Was gab's denn sonst für Sie zu erben - wenn ich mal in dem Bild bleiben darf - von Ingeborg Bachmann an ästhetischen Konzepten, an Stoffen, an Unbedingtheit vielleicht?"

Ursula Krechel: "Was es zu erben gab, ist sicher eine Unbedingtheit, auch das Melodiöse, die Vorstellung vom Gedicht als einem Abgeschlossenen in sich, ja, doch zum Teil vollendeten Gebilde, so ganz vage möchte ich sagen, es gibt auch in mir  ein großes Abstossen und ein großes Michabstoßenmüssen und zwar wohl über diese extreme Leidensmetapher. Weil, es tut dem Schreiben nicht gut, ein Schmerz, der erkannt worden ist. Und sie war ja eine Meisterin, doch auch des Erkennens des Schmerzes, in ihm zu bleiben. In wie in "Malina", im Romankomplex "Malina" nach allen Seiten auszudehnen. Ich hatte eine vielleicht eine Art von rettender Idee, dass Gesundheit, ich möchte es wirklich so allgemein sagen, Gesundheit vielleicht doch etwas ist, was dem Schreiben dienlich wäre und ich suchte eben auch Möglichkeiten, die angetane Unterdrückungssituation, den angetanen Schmerz auf irgendeine weise so in mir zu - in meinem inneren Haushalt so zu gruppieren, dass er sich nicht vor alle anderen Wahrnehmungen stellte. So ganz allgemein versuche ich es mal auszudrücken."

Sabine Küchler: "Anlass für unser Gespräch ist das Hörspiel "Der Kunst in die Arme geworfen", das den Blick ins 19. Jahrhundert wirft. Schauen wir mal in die Gegenwart, Ursula Krechel, da taugt der Titel vermutlich nicht mehr als Motto weiblichen Schreibens. Es hat sich viel geändert. Die gesellschaftlichen Bedingungen und Zwänge für schreibende Frauen und Männer sind andere geworden. Ja, aber sind sie es wirklich bei den Frauen? Gibt's nicht immer noch das leise Ressentiment gegen die kluge Frau, die sogar wissenschaftlich arbeitet, die sogar dicke Romane schreibt, die sich nicht abfindet mit Geschlechterklischees? Es ist noch gar nicht so furchtbar lange her, dass es noch möglich war, im deutschen Feuilleton Debütantinnen als Fräuleinwunder zu titulieren."

Ursula Krechel: "Ja, das ist bitter genug. Und diejenigen, die es getan haben, sind ja auch mit Hohn und Spott überschüttet worden. Und ich hoffe doch, dass sie daraus auch endlich auch gelernt haben, dass es irgendwie doch vorbei ist mit bestimmten Redensarten. Ich glaube aber, was ich so sehe und ich habe ja doch viele jüngere Autorinnen betreut in Seminaren, es ist doch sehr viel mehr geworden, sie sind selbstgewisser geworden. Es gibt also vielfältigere Rollen. Und ich habe allerdings auch manchmal leidvoll als ältere Autorin gemerkt, dass Frauen, Schriftstellerinnen gar nicht merken oder gar nicht reagieren, wenn sie gefördert werden, wenn man sie lobt. Als käme das gar nicht richtig an. Und da dachte ich mir, was für ein inneres Loch, sag ich mal, was für eine innere Höhle von Dunkelheit, Unsicherheit da doch sein muss, dass man so viel Lob, so viel Anerkennung hineinstopfen kann und das es irgendwie doch nicht reicht. Ich merke es an manchen Stellen auch manchmal, dass einfach eine Art von negativer Wahrnehmung sich ungeheuer viel enger in die Person einschreibt, als das Positive und da denke ich auch, es ist quasi eine Art von Defizit, was sich sehr, sehr schwer auffüllt. Das ist vielleicht ein genetisches Defizit, ein über Frauengenerationen hinweg getragenes Defizit, wo man sagt, ich müsste doch gar nicht mehr, ich müsste doch gar nicht mehr mich benachteiligt fühlen. Aber etwas ist drin, was ich noch brauche, was die Benachteiligung nachvollzieht und nachspürt."

Sabine Küchler: "Nun sind Sie im vergangenen Monat zur Ehrenpräsidentin des Deutschen PEN Zentrums gewählt worden, Ursula Krechel, damit wäre doch eine weitere männliche Domäne genommen. Es hat sich also tatsächlich sehr viel geändert. Sind Sie angekommen?"

Ursula Krechel: "Ja. Ich bin angekommen. Ja. Der erste Satz, der erste Satz des Romans "Landgericht" hieß: "Er ist angekommen. Aber wo?" Das handelt vom Migranten, der aus Kuba, aus der Emigration kommt, und das ist angekommen. Aber wo spielt vielleicht auch immer eine Rolle? Das Ankommen sieht natürlich immer anders aus, als die Vorstellung, anzukommen. Es ist ein ganz anderer Ort aus der Entfernung als der Nähe."

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