Klangkunst, vom 02.09.2016

Ursendungthe (dia)grammatology of space

Von Marcin Pietruszewski

Haben Sie schon einmal von Xenofeminismus gehört? Das Manifest des Autorinnenkollektivs Laboria Cubonics plädiert für die Empfänglichkeit für alles Fremde, Neue und Andere - und übersetzt das in Klang.

Marcin Pietruszewski beim CTM Festival 2016. (Camille Blake)
Marcin Pietruszewski beim CTM Festival 2016. (Camille Blake)

Entfremdung als Chance - das ist eine zentrale Botschaft im 2015 veröffentlichten Xenofeministischen Manifest des Autorinnenkollektivs Laboria Cubonics: "Anstatt […] von einer Rückkehr in eine idealisierte natürlicher Authentizität zu träumen, begreift Xenofeminismus die Entfremdung als erzeugenden Anstoß. Wir sind alle entfremdet." Der Xenofeminismus setzt auf größtmögliche Offenheit und Beweglichkeit, auf die Empfänglichkeit für alles Fremde, Neue und Andere.

Durch Technologie unterliegt alles radikaler Veränderung: Natur, materielle Bedingungen, Identitäten und gesellschaftliche Formen. Der Ungerechtigkeiten produzierende Determinismus der natürlichen Ordnung soll so zugunsten einer radikalen Vielfalt der Geschlechter und Freiheit der Identitäten überwunden werden. Jeder hat das Recht, "als niemand Bestimmtes zu sprechen".

Der polnische Klangkünstler Marcin Pietruszewski sucht in seinem Stück nach einer klanglichen Entsprechung dieser Ideen. Auf der Basis eines Librettos von Helen Hester und Katrina Burch von Laboria Cubonics sowie von Virginia Barratt, einem Mitglied des Kollektivs VNS Matrix, formt er mittels Computermusik, Psychoakustik und Sprachsynthese eine Reihe abstrakter Klangartikulationen, die poetische und technologische Vektoren komplex verschalten. Eine Suche nach neuen klanglichen, konzeptuellen, sozialen und politischen Räumen.

"To glitch, sound space forks discontinuously in overlapping tendencies (matter). Our memory functions through discontinuity, by necessity fragmentation makes navigation conceivable as an act of trust, a rolling game. As pigment particularity. As thinking (as) no one in particular. Living as erratum, reconstituting as the glitch. Xenopoetic breakdown. The dissolving bestiary; the beasts have been freed from their pages.” – Auszug aus dem Libretto.

Das Libretto zum Mitlesen (in englischer Sprache) finden Sie hier.

Ursendung
Libretto: Virginia Barratt, Katrina Burch (aka yonneda.lemma) und Helen Hester
Komposition und Produktion: Marcin Pietruszewski
Artikulatorische Synthese: Paul Boersma und David Weenink
Sprachsynthese-Design: Marcin Pietruszewski in Zusammenarbeit mit dem Centre for Speech Technology Design (Universität Edinburgh)
Produktion: DISK-CTM/ Deutschlandradio Kultur 2016

Länge: ca. 38’28

Marcin Pietruszewski ist Komponist und Performer. Seine Schwerpunkte sind Computer Musik, algorithmische Kompositionen, neue Musik und Laptop Improvisationen. Aktuell Promotionsstudium "Creative Music Practice" bei Florian Hecker und Michael Edwards an der Universität Edinburgh.

Anschließend:
2-Channel Extended Sieve Synthesis
von Marcin Pietruszewski
Autorenproduktion / Gap in the Air Festival Edinburgh 2015

Länge: 08’08