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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.05.2020

Urlaub ohne ReiseMacht was draus!

Überlegungen von Hans Rusinek

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Eine Frau liegt auf einem Handtuch zwischen Kühen auf einer grünen Wiese. (Illustration) (Imago / fStop Images / Malte Müller)
Urlaub lässt sich auch auf der grünen Wiese machen. (Imago / fStop Images / Malte Müller)

Für die Deutschen, Weltmeister im Reisen, ist der Fernurlaub Selbstverwirklichung und Alltagsflucht zugleich. Dieses Jahr fällt die Auszeit für viele weg. Der Philosoph Hans Rusinek schlägt originelle Alternativen vor.

Ein roter Reisebus steht wie ein riesiger Käfer im Deutschen Museum Bonn. Der Setra von 1951 steht wie kaum etwas anderes für die deutsche Urlaubsbegeisterung. Se-Tra heißt Selbstragend. Diese Bauweise ermöglichte es erstmals, weite Strecken preiswert zurückzulegen. Sie kam aus dem Krieg, von Luftwaffe und Marine. Nun diente sie dem Gegenteil: Die Reisegäste schwebten in einem Omnibus über die alten Schlachtfelder und machten in den bisherigen Feindesländern Urlaub.

Wenige Jahre nach dem Untergang war es der Urlaub, der uns half, die Distanz zu den Nachbarn zu überwinden. Wir Urlaubsweltmeister – keiner verreist länger und kostspieliger – haben diese Distanz wohl erfolgreich überwunden. Aber wuchsen zeitgleich nicht die Distanzen innerhalb unserer Gesellschaft, etwa zwischen Stadt und Land, oder zwischen Akademikern und Niedrigqualifizierten?

Die Arbeit macht den Urlaub möglich

Urlaub kommt aus dem althochdeutschen Urlob und heißt nichts anderes als Erlaubnis. Urlaub muss man erlaubt bekommen, sprich: Erst die Arbeit macht den Urlaub überhaupt möglich. Damit entpuppt sich die deutsche Urlaubsobsession als Gegenwicht zur Arbeitsobsession, die sich im Zuge des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders ebenfalls tief in unsere Kultur eingebrannt hat.

Coronavirus-NewsletterSo binär leben viele von uns: Deshalb schleppt man sich von Urlaub zu Urlaub, als vermeintliche einzige Freiheit von der Arbeit und macht, so zumindest 70 Prozent, nur Dienst nach Vorschrift im Job. Urlaub und Nicht-Urlaub sind zwei Welten mit einer großen Mauer dazwischen.

Unsere Wohn- und Arbeitsorte werden immer mehr der instrumentellen Vernunft der Verwertung untergeordnet, nichts was hier nicht optimiert wird, wo nicht Leistung abgerufen wird, wo sich nicht Zeichen einer Müdigkeitsgesellschaft zeigen, wie der Philosoph Byung Chul Han schreibt. Alltagsleben ist einen Chef haben und Miete zahlen, und so rasen wir voller Know-How aber ohne Know-Why durch dieses Zuhause.

Mir ist beispielweise nie aufgefallen, dass an der Kreuzung, an der ich jahrelang zur Arbeit gefahren bin, ein Meilenstein aus dem alten Rom steht. Der Schritt aus dem Hamsterrad geht nur direkt in den Urlaub, wo wir dann die stille Sehnsucht haben, doch nur ein bisschen von dem, wie man dort ist - achtsam und ruhig - auch ins Zuhause retten zu können. 

Reisen erlaubt Selbstentgrenzung

Der Wunsch, aus seiner Rolle herauszutreten und in eine andere Identität einzutauchen: Das sind nach Ansicht der Anthropologin Naomi Leite Kernmotive für den Tourismus. Eine Managerin möchte einen Monat lang ausschließlich durch die Natur reisen. Ein Arbeiter will eine Kreuzfahrt machen und sich eine Woche lang bedienen lassen. Ein anderer will ich in diesen besonderen Wochen sein: Deswegen ist es mir auch peinlich, wenn ich in der Toskana doch nicht als der Winzer aus San Donato durchgehe.

Dieses Ausprobieren anderer Rollen nennen wir Selbstverwirklichung, doch der Soziologe Andreas Reckwitz meint, dass Selbstentgrenzung passender wäre. Es geht nicht mehr darum, dass man sein ureigenes Selbst entfaltet und dieses dann einfach auslebt, wie es etwa bei den Hippies war, sondern immer neue Selbste probiert, immer neue Steigerungen erlebt und immer mehr positive Emotionen sammelt.

Diese angesagte Kultur der Selbstentgrenzung ist dann gleichzeitig Motor negativer Emotionen: Werden wir doch zu Hause immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen, haben wir doch alles andere nur angetastet.

Zuhause auf Entdeckungsreise gehen

Wenn der Fernurlaub dieses Jahr ausfallen muss, ist das eine Chance: Entschleunigen Sie sich zuhause, indem Sie eine Straßenkreuzung auf sich wirken lassen, als wäre es mediterraner Sonnenuntergang. Kaufen Sie eine Dreiersteckdose und erfinden Sie eine abenteuerliche Geschichte, als wäre es das Souvenir aus Bali. Fahren Sie mit der Buslinie Nr. 9 zur 9. Station und gehen Sie neun Mal abwechselnd nach links und rechts. Es sind solche Unorte, abseits von Postkartenmotiven, an denen sie sich selbst und andere entdecken können. Schönen Urlaub also und kommen Sie gut zurück!

Transformationsberater Hans Rusinek. Ein Mann mit kurzen Haaren und einer Brille steht an eine Mauer gelehnt. (Ulrike Schacht)Hans Rusinek (Ulrike Schacht)Hans Rusinek ist Transformationsberater und Autor. Zusätzlich engagiert sich der Volkswirt und Philosoph beim thinktank 30 des Club of Rome, wo er sich mit wirtschaftsethischen Fragen auseinandersetzt. Daneben verfast er regelmäßig Beiträge zum "Politischen Feuilleton" im Deutschlandfunk Kultur.

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