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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.07.2020

Urlaub in CoronazeitenWo liegen die Grenzen der Freiheit?

Rainer Erlinger im Gespräch mit Axel Rahmlow

Dichtgedrängt schieben sich Touristen durch die sogenannte Bierstraße auf Mallorca. (imago / Chris Emil Janßen)
Sollte so Urlaub in Coronazeiten aussehen? (imago / Chris Emil Janßen)

Wer sich trotz Coronakrise am Strand tummelt, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, ein gewissenloser Egoist zu sein. Doch ist Urlaub wirklich eine Frage der Moral? Rainer Erlinger, Experte für moralische Alltagsfragen, plädiert für ein Abwägen.

"Ist doch mein Risiko", ist häufig von Menschen zu hören, die trotz Corona nicht auf Urlaubsreisen in Gebiete mit hohen Infektionszahlen verzichten wollen. Und: "Ich kann machen, was ich will."

Doch kann – oder darf – man das wirklich, wenn sich dadurch die Gefahr erhöht, dass man nicht nur sich selbst mit dem Coronavirus infiziert, sondern auch andere ansteckt? Sind Menschen, die auch in der Coronakrise nicht auf ihren gewohnten Urlaubsspaß verzichten wollen, einfach gewissenlose Egoisten, die auf Kosten der Gemeinschaft leben, die dann möglicherweise auch noch für die Kosten des Corona-Pflichttests bei der Rückkehr aufkommen soll?

Der Arzt und langjährige Autor der SZ-Kolumne "Die Gewissensfrage", Rainer Erlinger, findet die Frage durchaus berechtigt, ob unter den gegenwärtigen Umständen ein Urlaub unbedingt sein muss. "Aber das ist, glaube ich, schon irgendwie ein Grad an Freiheit, den jeder Mensch hat", sagt er. Er plädiert insofern dafür, weniger über das "Ob" der Urlaubsreise als über das "Wie" zu reden, also welche Art von Reise jemand macht und wie er sich im Urlaub verhält.

Auf die Art des Urlaubs kommt es an

So habe jemand, der beispielsweise mit seinem Wohnmobil in die Pyrenäen fährt, dort einsame Bergwanderungen macht und sich selbst in seinem Wohnmobil verköstigt, ein "extrem geringes" Risiko, sich auf der Reise zu infizieren. Aber:

"Wer meint, dass er oder sie jetzt ein Party- oder Barwochenende in Barcelona verbringen möchte und dann nächste Woche mit der gesamten Großfamilie den 90. Geburtstag der Großmutter feiern und dabei laut ihr ein Ständchen singen" – der könne sich durchaus schämen, findet Erlinger. 

Damit kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel: "Wie verhalte ich mich, wenn ich aus dem Urlaub zurückkehre? Man kann zum Beispiel, auch ohne dass eine behördliche Quarantäne angeordnet ist, sich ein paar Tage zurückziehen und sagen: Da gehe ich besser nicht raus."

Auch in der Frage, wer die Kosten eventueller Pflichttests bei der Rückkehr zu tragen hat, plädiert Erlinger für ein Abwägen: Zwar sei es im Prinzip "logisch", wenn derjenige, der durch sein Verhalten ein erhöhtes Risiko verursacht hat, auch die daraus entstehenden Kosten tragen müsse. Aber neben diesem Aspekt gebe es eben auch einen politischen: etwa den, eine Kostenübernahme durch die Gemeinschaft als "Gefahrenabwehr für den Rest der Bevölkerung" zu betrachten.

(uko)

 

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