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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2010

Urkomisch, ironisch, wütend

Leila Marouane: "Das Sexleben eines Islamisten in Paris", Verlag Edition Nautilus, Hamburg 2010, 220 Seiten

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Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois: Hier könnte Mohammed Ben Mokhtar leben. (AP Archiv)
Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois: Hier könnte Mohammed Ben Mokhtar leben. (AP Archiv)

Obwohl er bereits vierzig Jahre alt ist und als erfolgreicher Banker ein astronomisch hohes Gehalt bezieht, lebt Mohammed Ben Mokhtar – ein Franzose algerischer Herkunft – noch immer bei seiner Mutter in einer kleinen engen Wohnung in einer der vielen tristen Pariser Banlieues.

Doch eines Tages beschließt Mokthar, sein Leben von Grund auf zu ändern: Er mietet sich eine sündhaft teure Wohnung im feinen 16. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Mokhtar hofft, auf diese Weise der erstickenden Liebe seiner Mutter zu entkommen – und endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren.

Lange schon verloren hat er hingegen seinen Glauben. Auch seinen algerischen Namen hatte er bereits vor Abschluss des Studiums französisiert. Denn er weiß: als Araber – selbst als gebildeter - hätte er in Frankreich keine Chance.

So scheinen für Mokhtar nun alle Voraussetzungen geschaffen, das Glück mit Händen zu greifen. Doch anstelle weißer Frauen, die ihm als Verheißung ungetrübter sexueller Lust ohne eheliche Pflicht und Bindung erscheinen, lassen sich von ihm nur Frauen aus dem Maghreb erobern - die sich ihm letztlich alle verweigern. Und dann ist da immer noch seine Mutter, die ihn jedes Wochenende mit Anrufen bedrängt und sich unerbittlich zurück in sein Leben drängt.

All das liest sich urkomisch, ist aber zugleich eine provokante Abrechnung der selbst von algerischen Eltern abstammenden und seit 1990 im Pariser Exil lebenden Autorin Leila Marouane. Sie nimmt die sexuelle Bigotterie und Doppelmoral der muslimischen Kultur ebenso aufs Korn wie die dominante Rolle der Mütter. Zugleich demontiert sie – mit Blick vor allem auf die reale gesellschaftliche Diskriminierung speziell maghrebinischer Einwanderer – die Parole von Freiheit und Gleichheit, die Frankreich sich stolz auf seine Fahne geschrieben hat.

All das gelingt in "Das Sexleben eines Islamisten" – in Frankreich bereits 2007 erschienen – mit großer Leichtigkeit. Marouane spielt gekonnt mit der Form, brilliert mit dem Ton. Von süffisanter Ironie getränkt, verhehlt der Text nicht eine leise Wut, die unter der Oberfläche des geistreichen Witzes pocht.

Es ist nicht zuletzt die Wut einer Autorin, die auch im französischen Exil aufgrund ihrer schonungslosen Auseinandersetzung mit der Gewalt ihrer Heimat Anfeindungen seitens ihrer Landsmänner – wie etwa dem bekannten Schriftsteller Yasmina Khadra – ausgesetzt war. Darauf spielt eine innerliterarische Ebene des Romans an.

Alle Frauen, die Mokhtar – der als Romanfigur selbst an einem Roman schreibt – begegnen, erweisen sich als Figuren aus den Romanen einer algerischen Schriftstellerin namens Loubna Minar, sprich Leila Marouane. Dass sie sich und wie sie sich hier literarisch dem Mann und Schriftsteller entziehen, ist Leila Marouanes ganz persönlicher Triumph - den sie mit diesem so unterhaltsamen wie scharfsinnigen Roman kunstvoll zelebriert.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Leila Marouane: Das Sexleben eines Islamisten in Paris
Aus dem Französischen übersetzt von Marlene Frucht
Verlag Edition Nautilus, Hamburg 2010
220 Seiten, 17,90 Euro

Das Buch steht auf der litprom-Bestenliste "Weltempfänger"

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