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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.12.2014

UrheberrechtIllegale Angebote eindämmen

Bundesverband Musikindustrie findet Umsonst-Mentalität "obszön"

Florian Drücke im Gespräch mit Nana Brink

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Verschiedene Musik-Apps sind auf einem iPad zu sehen. (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Streamingdienste sind für Künstler und die Musikindustrie eine Chance, sagt Florian Drücke. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Angesichts der Vielfalt legaler Angebote für Musikdownloads oder Streamingdienste sei klar, "dass das auch Geld kosten sollte", sagt Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie. Illegale Angebote ohne Lizensierung führten zu einem "gestörten Markt".

Wenn ein Künstler seine Musik vollständig ohne Bezahlung ins Netz stelle, sei dies natürlich seine eigene Entscheidung, sagte Drücke im Deutschlandradio Kultur im Vorfeld des heute in Berlin beginnenden Kongresses zur Urheberrechtspolitik. Für den Wert der Musik sei ein solcher Schritt allerdings "schwierig". Auch die Debatte darüber, ob man Musiklabel überhaupt noch brauche, hält Drücke für problematisch: "Ich meine, alle in der Kreativwirtschaft Tätigen sollten ein Interesse daran haben, dass die Wertigkeit ihrer Tätigkeit geachtet wird."

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie äußerte sich auch zu der von der EU geforderten Reform zum Urheberrecht. Der Prozess rund um das Weißbuch zum Urheberrecht sei "sehr interessant" gewesen, sagte Drücke. Nun komme es darauf an, dass "die Frage der Durchsetzbarkeit von Rechten nicht hinten runter fällt". Natürlich ließen sich die Rechtsverletzungen im Internet nicht auf "Null zurückzufahren". Aber: "Das Bewusstsein für eine digitale Ökonomie in Deutschland, aber auch in Europa, zeigt, wie wichtig es ist, diesen Rechtsraum so ernst zu nehmen, dass man dann auch wirtschaften kann."


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Ist geistiges Eigentum das Öl des 21. Jahrhunderts? So sieht es zumindest Mark Getty, das ist der Chef der legendären Fotoagentur Getty Images und Sprößling des ebenso legendären Ölimperiums. Die Frage, wie gehen wir mit dem geistigen Eigentum um, ist im digitalen Zeitalter ja brisant wie nie. Seit zehn Jahren schon gibt es in Deutschland diverse Bemühungen, das Urheberrecht zu reformieren, weil es vielen Künstlern, Verbänden, aber auch uns Verbrauchern zu antiquiert erscheint. Was sind die Rechte der Urheber, wenn man mit ein paar Mausklicken jedes Werk kopieren oder versenden kann? Heute nun treffen sich führende Köpfe aus Politik, Justiz und Wirtschaft zu einem Kongress zum Thema Urheberrecht in Berlin, und eine EU-Richtlinie gibt es ja bereits schon. Thomas Otto hat die Details.

Und wir wollen uns dann jetzt auch anschauen, wie so eine Reform aussehen könnte. Heute findet ja der Kongress zum Thema Urheberrecht in Berlin statt, und mit dabei ist auch Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. und jetzt bei mir hier im Studio. Guten Morgen, Herr Drücke!

Florian Drücke: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Sie als Verband vertreten ja die Interessen von rund 280 Musikunternehmen, rund 85 Prozent des deutschen Musikmarktes. Was muss in Ihrer Reform drinstehen?

Drücke: In unserer Reform ist vor allem wichtig, dass alle Beteiligten transparent einbezogen werden in die Diskussion über die Reform, denn ich denke, wir sind in einer Phase, wo sehr viel vorgearbeitet wurde, gerade dieser Weißbuchprozess der EU ist angesprochen worden, das ist etwas, was sehr interessant war, wo sehr viel auch schon abgearbeitet wurde. Für uns ist wichtig, dass wir einbezogen werden, und für uns ist auch wichtig, dass die Frage der Durchsetzbarkeit von Rechten nicht hinten runterfällt.

Brink: Dazu will ich gleich kommen. Noch mal: Sie sind ja ein Lobbyverein, vertreten also ganz bestimmte Interessen. Können Sie noch mal ein bisschen präzisieren, wo Ihre Forderungen liegen bezüglich dieser Reform?

Drücke: Na, unsere Forderungen sind, dass die Rechte unserer Mitglieder, also der Tonträgerhersteller, nicht gekürzt werden, ...

Brink: Das sind die Labels.

Drücke: ... ganz genau, der Labels, klassisch, der Plattenfirmen, würde man sagen, dass die nicht beschnitten werden und dass wir in einer Phase, wo wir gerade auch im Lizenzgeschäft zeigen, wie gut das funktioniert europaweit mit den legalen Angeboten, nicht zusätzlich in Schwierigkeiten kommen, denn nach wie vor gibt es sehr viele illegale Angebote.

Brink: Also es gibt eine interessante Studie: Jeder unter 30 findet es ja geradezu obzön, dass Musik was kostet und lädt sich runter.

Drücke: Die Tatsache, dass das so sein soll, finde ich obszön. Wir sind in einer Phase, in der wir alleine in Deutschland 60 legale Angebote haben, bei denen man teilweise sogar kostenlos Musik nutzen kann und wir an anderen Stellen für ein geringes Entgelt bis zu 43 Millionen Songs verfügbar haben. Ich denke, das ist eine Vielfalt, bei der niemand ernsthaft hinterfragt, dass das auch Geld kosten sollte.

Streaming bietet der Musikindustrie neue Chancen

Brink: Nun, Sie haben es gesagt, es gibt viele legale Möglichkeiten, sich das auch runterzuladen, wir können ja mal eines nennen, Spotify zum Beispiel, das ist ein Streaming-Dienst, da kann man Musik übers Internet hören, also man lädt sich das nicht mehr runter, sondern man hört sozusagen im Internet, das ist die neue Form. Da sind Sie ja auch beteiligt. Das heißt, ist das auch eine Chance für Sie?

Drücke: Das ist auf jeden Fall eine Chance, denn die Nutzung, das Streaming ist ja immer stärker im Kommen, nicht nur bei Musik, sondern auch im Film, jetzt jüngst ja stark diskutiert. Das ist eine Facette des legalen Angebots, die gerade sehr stark nachgefragt wird, die auch sehr stark wächst. Wenn wir uns aber anschauen, wie breit die „range" des legalen Angebotes ist, dann befinden wir uns hier in einer Phase, wo zwischen Vinyl und der Cloudnutzung für den Fan, für den Konsumenten, für den User alles verfügbar ist, und da findet auch jeder das, was zu ihm passt.

Brink: Es geht ja immer noch um diese Legalisierung, das ist ja eins der Hauptprobleme, und wie man das durchsetzen kann. Ich habe Spotify deshalb genannt, weil es da ja klare Tarife gibt. Also GEMA, die Verwertungsgesellschaft für die Künstler und der IT-Branchenverband BITKOM haben ja klare Tarife ausgemacht 2012. Ist das der Weg?

Drücke: Das ist ein Weg. Das ist der Weg, wie zum Beispiel unsere Mitglieder dann auch über Lizenzvereinbarungen ein legales Modell lizensieren und jeder daran beteiligt wird. Die Frage, wer in welcher Form beteiligt wird, ist dann in Teilen diskutiert, das wissen wir auch, die Diskussion läuft. Manche Künstler sind auch von sich aus nicht dabei und sehen das für sich noch nicht. Das kennen wir auch aus der Geschichte. Wir wissen, dass gerade die Frage der individuellen Strategie, wie ich meinen Fan erreiche, schon immer sehr spannend war und da hat so jeder seine eigene Idee.

Brink: Sie haben gesagt, es geht um die Durchsetzungsfähigkeit dieser Reform der Legalisierung. Wo ist da das Problem? Ist das Problem, dass man das im Internet nicht wirklich immer durchsetzen kann, also nicht immer diese Bezahlbarkeit eines Songs, den ich mir runterlade?

Drücke: Na ja, was die letzten zehn Jahre zeigen, ist, dass wir sehr stark in einem gestörten Markt agieren, wo wir eben nicht über Lizenzgeschäfte und am Markt ausgehandelte Tarife dann ein gutes Angebot oder viele gute Angebote etablieren können, sondern dass es immer einen Klick nebendran ein illegales Umsonst-Angebot gibt, und die müssen wir eindämmen. Das machen wir auch erfolgreich, aber...

Brink: Wie machen Sie das, nur mal kurze Frage?

Drücke: Durch Verfahren, das läuft in der Tat dann durch rechtliche Verfahren gegen die Anbieter, die leider nicht immer erreichbar sind, das muss man an der Stelle auch sagen. Und wir müssen natürlich – das ist ganz wichtig – die Dienste auch in der Pflicht haben, in der Verantwortung haben, das heißt also, jemand, der ein Angebot etabliert, ohne zu lizensieren, und hier die Rechtsverletzung ermöglicht, der ist aus unserer Sicht dann unter bestimmten Umständen, die auch dann von den Gerichten diskutiert werden, haftbar für das, was läuft, und muss sich darum kümmern, dass solche illegalen Angebote auf seiner Plattform nicht zu finden sind.

Brink: Das ist ja eine hehre Absicht, auch sofort plausibel aus Ihrer Sicht der Musikbranche, der großen Labels, die ja damit Geld verdienen wollen. Aber ist es realistisch? Ist es wirklich realistisch, dass man das Internet steuern kann oder dass man so etwas in den Griff bekommt?

Drücke: Es geht ja nie darum, die Rechtsverletzungen ganz auf null zurückzufahren. Das hat man auch in der echten Welt, in Anführungszeichen, nicht geschafft. Aber wir können an der Stelle ja nicht die Flinte ins Korn werfen und so tun, als könnte man im Internet überhaupt nichts regulieren, denn das würde ja dann konsequenterweise auch für alle anderen Rechte gelten, die wir uns als Staat, als Gesellschaft gegeben haben. Und insofern, das ist etwas – es ist sicher ein Ziel, das uns jetzt schon einige Kraft kostet, aber ich denke, gerade das Bewusstsein für eine digitale Ökonomie in Deutschland – aber auch in Europa – zeigt, wie wichtig es ist, diesen Rechtsraum so ernstzunehmen, dass man dann auch wirtschaften kann, denn das ist auch eine wichtige Grundlage unserer Gesellschaft.

Brink: Und in dieser Reform soll dann was drinstehen, um das zu verhindern?

Drücke: In der Reform auf europäischer Ebene werden erst mal ganz viele verschiedene Aspekte, die sehr detailliert sind – teilweise geht es um Privatkopie, teilweise geht es um territoriale Lizenzen –, diskutiert werden. Aus unserer Sicht ist ganz wichtig, dass dabei eben auch die Frage, wer haftet für was, nicht hinten runterfällt. Das heißt also, dass sowohl die Dienstebetreiber als auch die Rechteinhaber dann wissen, wer für was auch verantwortlich ist.

Freie Lizenzen bedrohen Wert der Musik

Brink: Und dann auch sozusagen das Geld dann einstreicht. Sie selber haben es auch erwähnt: Es gibt ja Kritik auch von Künstlern, das heißt, Sie sind ja auch keine homogene Branche. Viele Künstler sagen auch, ich nutze das Internet, die Vorteile, das heißt, ich bestimme, ob jemand etwas bezahlen muss oder nicht, und stellen dann ihre Produkte ins Internet. Da gibt es sogenannte Creative-Commons-Lizenzen, also sie sagen, ihr dürft das nutzen, ihr müsst dafür nicht bezahlen. Können Sie das berücksichtigen?

Drücke: Na, wir können erst mal feststellen, dass jeder so seinen eigenen Umgang, seinen eigenen strategischen Umgang mit diesem neuen Vertriebskanal findet, das heißt also, wenn jemand seine Musik vollständig ohne Bezahlung ins Netz stellt, dann ist das seine Entscheidung.

Brink: Das hintertreibt eigentlich Ihre Bemühungen, oder?

Drücke: Ja, das ist etwas, was generell auch für das Bewusstsein für den Wert von Musik schwierig ist. Allerdings ist das immer noch eine freie Entscheidung und es mag auch Künstler geben, die CDs verschenken. Insofern ist das erst mal der Schritt, den der Künstler vollziehen kann. Jedoch ist die Diskussion darüber, nämlich, dass das ja teilweise so geführt wird, dass man zum Beispiel ein Label nicht mehr bräuchte, wenn man das in Zukunft alles selber machen könnte, das ist etwas, was dann viel schwieriger wird, denn das widerspricht auch dem arbeitsteiligen Handeln, dass wir in der Gesellschaft gewohnt sind, und insofern wird da leider durch solche Diskussionen sehr viel vermischt. Ich meine, alle in der Kreativwirtschaft Tätigen sollten ein Interesse daran haben, dass die Wertigkeit ihrer Tätigkeit geachtet wird, und das ist ein wesentliches Anliegen für uns.

Brink: Ganz kurz noch mal zu dem Nutzer: Also für mich ist es ja ganz wichtig, dass ich etwas illegal mir besorgen kann und dass es schnell und einfach geht, ...

Drücke: Hoffentlich nicht – legal hoffe ich!

Brink: ... legal, oh Gott, natürlich, legal, und dass es vor allen Dingen dann auch einfach ist.

Drücke: Ja, ich denke, diese Einfachkeit ist heute wirklich gewährleistet. Wir reden über das Jahr 2014, das heißt, es ist wirklich für jeden etwas dabei, sei es Streaming, sei es Download, sei es Internetradio, sei es auch die Frage, was will ich besitzen oder was will ich nur nutzen. Auch die Genres, wenn man sich da umschaut, ich hatte es schon gesagt, bis zu 43 Millionen Titel online verfügbar – das ist einfach unfassbar viel. Wir haben jetzt letztes Jahr ein Portal gelauncht, das nennt sich playfair.org zur Orientierung der Nutzer, dort sind Bezahldienste für Musik gezeigt und da kann sich jeder auch orientieren.

Brink: Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie e.V. Danke, dass Sie bei uns zu Besuch waren.

Drücke: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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