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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.05.2015

UraufführungPollesch voll am Puls der Zeit

Von Roger Cahn

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Der Autor und Regisseur René Pollesch spricht am 5. Mai 2012 in Berlin zur Verleihung des Theaterpreises. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
René Pollesch (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

"Love/No Love" ist ein brillantes Theater-Happening in Orange: Pollesch inszeniert Pollesch in Zürich. Dazu drei Schauspieler und ein 21-köpfiger Sprech- und Bewegungschor. Sie zaubern einen gigantischen Text virtuos auf die Bühne.

Am Anfang war das Bühnenbild von Bert Neumann: ein Raum in Orange und eine Wand mit der Aufschrift "Dead End" – was deutsch auch Einbahnstraße heißen kann. Dann kam Autor und Regisseur René Pollesch, um diesen Raum mit Wörtern und Figuren zu füllen. Zwei Frauen und ein Mann, die sich irgendwie im Leben zu orientieren versuchen, dazu 21 Männer, alle gleich in Orange gekleidet, die ständig Orientierungshilfen zu geben versuchen. Und am Ende eben Dead End – kein Ausweg, vielmehr kann das Stück wieder von vorne beginnen.

Wer versucht, sich an das gesprochene Wort zu klammern, ist von vorneherein auf verlorenem Posten. Wer den immer laut und rasch vorgetragenen Text vorschnell als platt und sinnlos verurteilt, muss wohl ein Bildungsbürger von gestern sein. Denn Pollesch bewegt sich mit "Love/No Love" voll am Puls der Zeit: Man redet über alles und jeden, hat jedoch schnell mal genug von einem Thema, registriert mit Hilfe des meistausgesprochenen Wortes "Scheiße", dass man nun zum nächsten Thema übergehen möchte. Und die Themen sind all jene Befindlichkeiten, die Menschen heute beschäftigen – oder eben auch nicht. Die Figuren zappen von Liebe zur digitalen Überwachung, von ihrer Arbeitswelt zu Kapitalismus und zur Bedeutung von Gefängnissen für unsere Gesellschaft. Letztlich aber drehen sie sich immer im Kreis herum.

Szenisch sind alle immer in Bewegung. Vor allem der Männerchor. Ruhe gibt's höchstens dann, wenn mal die laute Musik von Leonard Bernstein bis Madonna zum Innehalten und Nachdenken auffordert. Faszinierend bei diesem Bewegungschor: Menschen werden zu Möbeln – die drei Individuen möchten sich ja eigentlich eine Wohnung/ihr Leben einrichten. Dann sind sie wieder Ansprechpartner für jene Fragen, die Google nicht zu beantworten weiß, und letztlich bestimmen sie – also die Gesellschaft – das Schicksal der drei Individuen.

Fazit: Theater, das Junge von heute begeistert, weil es so direkt, schnell und keinen Moment langweilig ist. Und letztlich mehr Sinn macht als ein "auf Teufel komm du raus" auf Aktualität getrimmter Klassiker von gestern.

Informationen des Schauspielhauses Zürich zu "Love/No Love"

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