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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.11.2018

Uraufführung "Frankenstein / Homo Deus""Es wird doch immer sehr dunkel"

Jan Bosse im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Der Mensch als Maschine: ein Symbolbild für künstliche Intelligenz aus dem Stück "Frankenstein / Homo Deus" (Armin Smailovic)
In "Frankenstein / Homo Deus" geht es um die Frage: Wird der Mensch bald durch denkende Maschinen ersetzt? (Armin Smailovic)

Der Mensch als Gott, der seine Welt im Digitalen neu erschafft: Diese Vision des israelischen Historikers Yuval Noah Harari kombiniert Regisseur Jan Bosse mit Mary Shelleys "Frankenstein". Bei aller Düsternis: Bosse verspricht skurril-humorvolle Momente.

Für Jan Bosse lag es auf der Hand, beim Thema künstliche Intelligenz zu Yuval Noah Harari und dessen Buch "Homo Deus" zu greifen, wie er sagt. Am meisten habe ihn der Humor des Historikers fasziniert. Er sage nicht: "Achtung, Achtung, die Welt geht zugrunde, wenn wir hier nicht aufpassen! Letztendlich ist es aber der Appell des Buches. Er macht es nur klüger, weil humorvoller." Zu Frankenstein habe Harari selbst die Verbindung hergestellt: In seiner "Kurzen Geschichte der Menschheit" spreche er vom Frankenstein-Phänomen als Urschöpfungsmythos des künstlichen Menschen.

Inszenierung auf vier Bühnen gleichzeitig

Nach einem Jahr Beschäftigung mit dem Stoff und einigen Wochen Theaterproben kann Bosse dem Thema zumindest "skurril-humorvolle" oder sarkastische Momente abgewinnen. Allerdings auch beängstigende: "Es wird doch immer sehr dunkel." Am Ende der Inszenierung, die auf vier Bühnen des Hamburger Thalia Theaters gleichzeitig stattfindet, würden Androiden fragen: "Was geht eigentlich verloren, wenn wir den Menschen ganz hinter uns lassen?" (bth)

Regisseur Jan Bosse im Porträt (picture-alliance/ ZB/ Claudia Esch-Kenkel)Regisseur Jan Bosse (picture-alliance/ ZB/ Claudia Esch-Kenkel)

Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Der israelische Globalhistoriker Yuval Noah Harari war erst 35 Jahre alt, als er 2011 seinen Weltbestseller veröffentlichte: "Die kurze Geschichte der Menschheit". Was für ein Augenöffner! Es folgte "Homo Deus", das zweite Buch, mit einem Blick in die Zukunft des Menschen als Gott, der seine Welt im Digitalen neu erschafft und darin verschwindet. Die Gedanken Hararis kombiniert nun der Theaterregisseur Jan Bosse mit Shelleys Roman "Frankenstein" zu einem neuen Bühnenstück. Herr Bosse, guten Morgen!

Jan Bosse: Guten Morgen!

Karkowsky: Am Sonntag ist die Uraufführung von "Frankenstein / Homo Deus". Wie sind Sie auf diese Verbindung gekommen, lag das denn so auf der Hand?

Bosse: Also, wenn man ein Projekt über künstliche Intelligenz machen will – und das war vielleicht die Uridee –, dann kam man um den Harari nicht drum herum, der sehr aktuell erschienen ist, weil es einfach das populärwissenschaftliche Sachbuch zu dem Thema im Moment ist. Es gibt viel Literatur, aber niemand hat das bisher, finde ich, wie der Harari auf so eine, eben als Historiker sehr überblickende Weise als sozusagen natürliche oder unnatürliche Fortsetzung der menschlichen Evolution beschrieben. Es ist ja auch ein 800-Seiten-Wälzer…

Karkowsky: Wissen Sie noch, was Sie bei der Lektüre besonders fasziniert hat?

Bosse: Eigentlich, um ehrlich zu sein, der Humor, weil ich finde, bei dem Thema wird es sehr schnell sehr düster und sehr schnell sehr dystopisch. Und Dystopien zu dem Thema Science-Fiction, Daten und wir geben die Kontrolle ab gibt es noch und nöcher. Ich fand bei dem Harari so toll, dass man lange eigentlich einem Denker beiwohnt, der das einem versucht, nahezubringen tatsächlich das Thema, der nicht mit dem ersten Satz sagt: Achtung, Achtung, die Welt geht zugrunde, wenn wir hier nicht aufpassen. Letztendlich ist es aber der Appell des Buches, er macht es nur klüger, weil humorvoller, über so eine erstmal ganz affirmative Beschreibung und vielleicht sogar manchmal Anpreisung dieser Themen.

Urschöpfungsmythos des künstlichen Menschen

Karkowsky: Und wie kam es zu der Verbindung zu "Frankenstein", Mary Shelley mit ihrem Monster?

Bosse: Mir ist erst später aufgefallen, dass der Harari natürlich auf "Frankenstein" Bezug nimmt mitten in seinem Buch und vor allem im ersten Buch, was ich später gelesen hatte, "Kurze Geschichte der Menschheit", vom Frankenstein-Phänomen spricht, weil natürlich das – deswegen heißt der Frankenstein-Roman auch im Untertitel von Shelley "Der moderne Prometheus", sozusagen der Urschöpfungsmythos des künstlichen Menschen ist – analog zum biblischen Schöpfungsmythos des Menschen.

Karkowsky: Nun lässt ja Mary Shelley ihren Professor Frankenstein Leben schaffen aus Toten, und bei Harari wird der Mensch der Zukunft von Algorithmen bestimmt, die sein Leben zwar perfektionieren, aber dabei entgleitet dem Menschen gleichzeitig die Kontrolle über seine Schöpfung und so schafft er mit Nano- und Gentechnik und künstlicher Intelligenz womöglich seine eigenen Nachfolger als Beherrscher einer Erde, die keinen Menschen mehr braucht. Was finden Sie denn gruseliger, die Literatur Shelleys oder Hararis Visionen?

Bosse: Im Horror-Gothic-Bereich die Literatur Shelleys, weil auf Friedhöfe, Schlachthöfe und Galgenstätten zu fahren und Leichen zu klauen erstmal natürlich meine Sehnsucht oder meine Liebe zum Gothic-Film eigentlich sehr kitzelt. Natürlich ist es heute nicht der Punkt, das ist aber einfach eben der erste Moment, wo sich ein Schöpfer Mensch zum Schöpfer Gott macht und sagt, wir besiegen den Tod und wir machen das selber. Wir brauchen keinen Gott mehr – und auch keine Frau mehr übrigens –, um Leben zu schaffen, wir machen das selber. Männlich Forscher hybrid…

Nicht mehr Science-Fiction, sondern Gegenwart

Karkowsky: Nun könnte man ja theoretisch Harari und Ihnen auch als Adapteur dieses Stoffes eine Technikfeindlichkeit oder Kulturpessimismus unterstellen, aber Sie haben ja schon gesagt, es war auch der Humor, der Ihnen gefallen hat. Können Sie der Verbindung von "Frankenstein" und "Homo Deus" tröstliche Augenblicke abgewinnen?

Bosse: Zumindest skurril-humorvolle, also, sagen wir mal, sarkastische. Es ist, ich muss zugeben, nach ein paar Wochen Beschäftigung, also nach einem Jahr Beschäftigung mit den Stoffen und nach ein paar Wochen Beschäftigung mit den Schauspielern auf der Bühne – es wird doch immer sehr dunkel, man kommt fast nicht drum rum.

Ohne die Kassandra spielen zu wollen oder immer gleich vom Schlimmsten auszugehen, ist schon die Entwicklung… Es ist beängstigend und Hararis Appell durch die Blume ist ja eigentlich immer nur: Es passiert, es ist nicht mehr Science-Fiction, es ist Gegenwart, aber beschäftigt euch damit, weil sonst passiert es, ohne dass ihr wisst, was passiert. Man kann ja Dinge lenken, Technologie war immer Freund und Feind des Menschen und der Mensch kann schon selber entscheiden, wie er sie einsetzt, wo er die Grenzen setzt. Wenn er das nicht tut, sind das natürlich schon Konzerne, die es machen, und nicht die Politik – und das ist im Moment mehr denn je. Dann ist so eine Entwicklung nicht aufzuhalten und dann wird sie natürlich auf unsere Kosten gehen.

Im Theater wird der Mensch nicht durch die Maschine ersetzt

Karkowsky: Und das aktuelle Theater macht sich ja ganz offensichtlich Sorgen um eine solche Entwicklung, ich denke da an "Unheimliches Tal" an den Münchener Kammerspielen, im Oktober lief das an, da wird der Schauspieler Thomas Melle durch einen Roboter ersetzt. Ist diese Angst vor der Übernahme der Maschinen gerechtfertigt? Haben Sie Angst davor?

Bosse: Also, als Theatermensch eigentlich nicht. Weil das Theater ist ja in dem Punkt ja genau gar nicht ersetzbar. Da wäre ich schon eher im Filmbereich nervös, wenn ich Filmschauspieler wäre, und auch als Popmusiker, weil im Moment diese perfekten Hologramme, die schon auftreten, sodass ABBA immer noch 30 ist und live spielen kann, dass Michael Jackson gar nicht tot ist, sondern live spielen kann. Oder im Film, was wirklich jetzt die neueste Entwicklung dieses Jahres ist, dass Schauspieler komplett aus anderem Material, aus den 100 Filmen, die sie gemacht haben, generiert werden können für eine Neuverfilmung eines Stoffes, das finde ich schon, also da wird der Mensch wirklich austauschbar. Das kann uns im Theater nicht passieren, dazu sind wir viel zu altmodisch und langsam, weil es eben so liver als live ist.

Aber als Mitglied dieser Gesellschaft schon, ich meine, die Hauptangst besteht ja schon darin, und das sagt der Harari auch so schön: Wenn wir die großen Zugewinne der künstlichen Intelligenz genießen wollen, die es ja wirklich gibt, zum Beispiel im medizinischen Bereich, dass es natürlich Sinn macht, wenn Tausende Nanoroboter in meiner Blutbahn sind, und die gibt es jetzt zum ersten Mal wirklich, also winzige, zellgroße Roboter, die können viel einfacher feststellen, was ich tatsächlich habe aufgrund meiner Symptome – und sie tatsächlich direkt behandeln –, als jeder Arzt, dem ich im Patientengespräch einen kleinen Teil meiner Geschichte erzähle, manches verschweige, und meine Kindheit kennt er schon gar nicht und all meine Wehwehchen. Das bedingt aber, dass ich diesem Arzt alle meine Daten von Geburt an immer geben muss, dann funktioniert das. Und da ist ja die eigentliche Angst und die finde ich total gerechtfertigt.

Sarkastischer Abschied der Androiden

Karkowsky: Auch Harari als Autor von "Homo Deus" kann natürlich nicht wirklich in die Zukunft blicken, aber als der vielleicht beste Globalhistoriker seiner Generation weiß er wie kaum ein anderer darum, dass der Mensch auf der Suche nach Fortschritt die Welt eben nicht immer nur besser gemacht hat, sondern auch schmutziger, unsicherer und viel, viel stressiger. Wie geht die Geschichte denn bei Ihnen aus? Was steht am Ende auf der Bühne?

Bosse: Das Ende proben wir ja diese Woche. Wie bekannt, ist im Theater das Ende immer erst zur Premiere klar. Aber es gibt natürlich schon eine Art, es ist vielleicht ein sehr sarkastischer Abschied der Androiden, die natürlich auch von Schauspielern gespielt werden, von den letzten Menschen. Auch ich kann das im Theater nur mit Humor machen und sehr theatral machen. Es wird bei uns ja verschiedene Stationen geben, wo verschiedene Geschichten gespielt werden.

Man wandert als Zuschauer durch verschiedene Spielstätten, bevor alle zusammenkommen im eigentlichen Zuschauerraum im eigentlichen Theater. Und das sind sehr verschiedene Blickachsen oder Perspektiven auf dieses Thema. Zum Beispiel wird in einem anatomischen Theater auf der Hinterbühne erstmal tatsächlich die Erschaffung des Urmonsters Frankenstein nachgespielt. Und das ist sozusagen wie so ein Reenactment eines 19. Jahrhundert-Gothic-Films. Es gibt einen Vortrag im Foyer, es gibt einen Film im Oberrang und es gibt ein Future-Labor im Zuschauerraum zwischen den Leuten, bevor dann alle zusammen dem Schluss zugucken, wo sich die Androiden eigentlich kurz vor der Entkörperlichung versammeln und noch mal zurückgucken auf die letzten Menschen, die wir sind, nämlich die Zuschauer im Theater, und sich fragen, was geht eigentlich verloren, wenn wir den Menschen ganz hinter sich lassen?

Karkowsky: Ich wäre gern dabei. Sonntagabend ist Uraufführung von "Frankenstein/Homo deus" auf vier Bühnen gleichzeitig im Thalia-Theater Hamburg. Sie hörten den Regisseur, Jan Bosse. Danke für das Gespräch!

Bosse: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Frankenstein /Homo Deus", inspiriert von Mary Shelley und Yuval Noah Harari 
Regie: Jan Bosse
Uraufführung am Thalia Theater Hamburg, 18. November 2018, 19 Uhr

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