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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.10.2015

Uraufführung am Deutschen Theater BerlinWofür wir leben - und sterben

Von André Mumot

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Wiebke Mollenhauer bei der Uraufführung von "100 Sekunde (wofür leben)" am Deutschen Theater Berlin am 18.09.2015. (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)
Wiebke Mollenhauer bei der Uraufführung von "100 Sekunde (wofür leben)" am Deutschen Theater Berlin am 18.09.2015. (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)

Berührende Geschichten vom Leben und Sterben inszeniert Regisseur Christopher Rüping in "100 Sekunden (wofür wir leben)" am Deutschen Theater Berlin. Große Pathos- und kleine Verzweiflungsgesten gelingen sensibel und dabei nie zu ernst.

Es scheint ein allzu enges Korsett. 48 Geschichten von Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven in den Tod gegangen sind oder ihn zumindest als Risiko in Kauf genommen haben, und für jede von ihnen bleibt gerade einmal 100 Sekunden Zeit. Eine scharfe Stimme kommt aus dem Off, gibt das Startsignal für die vier Darsteller und zählt erbarmungslos den Countdown herunter, während sie versuchen, all diese Menschen zum Leben zu erwecken: Ein RAF-Mitglied im Hungerstreik, eine Al-Jazeera-Reporterin im Irak, japanische Kamikaze-Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg und die IS-Attentäter von heute.

Nein, die Zeit genügt nicht, die Hektik ist zu groß, und die Darsteller begehren auf, legen sich mit der Off-Stimme an, fordern mehr Zeit, mehr Freiheit für ihre existentiellen Spielversuche. Zum Glück bekommen sie sie dann auch, wohl weil Regisseur Christopher Rüping selbst klargeworden ist, dass hier ein großer Schatz zu bergen ist, dass das zusammengetragene Material über reale und fiktive Menschen zu reich ist, um es in ein enges inszenatorisches System zu pressen. So teilt er seinen wahrlich bemerkenswerten Abend in drei Teile und in drei Perspektiven, wobei die Titelfrage "wofür wir leben" im Grunde nichts anderes bedeutet als "wofür wir sterben".

Das Publikum wird auf die Hinterbühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin geführt, wo es auf beliebig verteilten Stühlen Platz nimmt. Michael Goldberg, Camill Jamall, Wiebke Mollenhauer und die 85-jährige Grand Dame Katharina Matz lassen hier Märtyrer sprechen, lassen die große Rhetorik der politischen und religiösen Überzeugungstäter zu Wort kommen: Ein Papst wettert gegen die Türken, Goebbels geifert, Johanna von Orleans leidet, und dazu gesellt sich auch noch Mel Gibsons Motivationsrede aus "Braveheart", mit der mittelalterliche Schotten in die Schlacht geschickt werden sollen – all das unterlegt von haarsträubend kitschiger Hollywood-Musik, die aufs Großartigste versinnbildlicht, wie nah das alles bei einander ist, wie empfänglich die Menschheit schon immer gewesen ist für das Blut-und-Boden-und-Glaubensheldentum.

Anrührend, ohne rührselig zu sein

Dann ein scharfer Schnitt: Der Vorhang öffnet sich, und die vier eifrigen Gestaltenwandler treten auf die Vorbühne, besetzen die eigentlichen Publikumsreihen, spielen Klavier, albern äußerst entspannt herum, singen "Life is Life" und erzählen Geschichten vom Sterben, die tragisch, aber auch komisch sind: Da ist zum Beispiel das Pornosternchen, das bei der x-ten Brustvergrößerung das Zeitliche segnet und dem Wiebke Mollenhauer noch einmal eine herzergreifend traurige Version von "I’m a Barbie-Girl in a Barbie-World" gönnt.

Gekrönt werden die zwei Stunden schließlich von sehr ernsten Liebesgeschichten, von Teenagerselbstmorden vor dem Hintergrund von Zwangsehen und Transgenderausgrenzung. Außerdem lassen Camill Jamall und Katharina Matz den tragischen Doppelselbstmord des Philosophen André Gorz und seiner Frau anklingen, die sich nach ihrer langen Ehe auch im Tod nicht von einander trennen wollten. Rüpings Abend schreitet all diese Preziosen in gemessener Geschwindigkeit ab, mit einer ungewöhnlich sensiblen Menschenliebe, einem Rhythmus, der den behutsam kombinierten Lebensschnipseln, all den großen Pathos- und den kleinen Verzweiflungsgesten ein Höchstmaß an theatraler Würde zugesteht, ohne dabei verkniffen ernst oder gar anklägerisch zu werden.

Mit großer Leichtigkeit gelingt es dem 30-jährigen Rüping, zusammen mit seinem fabelhaft sanften Ensemble, die spirituelle Dimensionen seiner Stoffvielfalt ernst zu nehmen, sie anrührend, aber doch nicht rührselig zu machen – und dabei auch die Art und Weise in Frage zu stellen, wie das Publikum über die eigenen Lebens- und Sterbensperspektiven nachdenkt. Am Ende nämlich steigt es hinauf in die Reihen, blickt auf die Plätze hinab, auf denen es eben noch gesessen hat und auf dem nun traurige Trauerkerzen flackern. Unsere eigenen Geschichten als kleine Flammen, aus einem freundlichen, andächtigen Theaterjenseits aus betrachtet. Ja, so ist der ganze Abend: ein stiller, kluger, kostbarer Triumph. 

"100 Sekunden "wofür wir leben" am Deutschen Theater Berlin

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