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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.10.2018

Uralte Obstsorten in BrandenburgDie Arche Noah für Äpfel

Von Vanja Budde

Ein Besucher pflückt am 06.09.2016 Äpfel in einer Plantage der Obstbauversuchsstation in Müncheberg (Brandenburg). (dpa / picture-alliance)
Ein Besucher pflückt am 06.09.2016 Äpfel in einer Plantage der Obstbauversuchsstation in Müncheberg (Brandenburg). (dpa / picture-alliance)

Schafsnase, Pomphelia, Goldgelber Herbststreifling – 1.000 Sorten mit teils bizarren Namen wachsen in Brandenburgs Apfel-Arche-Noah. Teilweise sind es seltene Sorten, die mehrere hunderte Jahre alt sind. Pflücken darf sie jeder.

"Jetzt werde ich Sie mal mit einem verrückten Apfel konfrontieren, das müsste Ihnen eigentlich schmecken!"

"Hmmm, hmmm… Was ist das denn Tolles? Der schmeckt ja wie manches Parfüm duftet."

"Das ist etwas Spitzenmäßiges! Das ist einer der Äpfel mit dem höchsten Säuregehalt, zeitgleich einem sehr hohen Zuckergehalt und einem wunderbaren Aroma. Es ist eine alte Renette, eine Pomphelia."

Pomphelia, Pommerscher Krummstil, Lausitzer Nelkenapfel, Citrinchen, Goldgelber Herbststreifling, Roter Altländer Pfannkuchenapfel oder Ruhm der Welt: Die Namen klingen wie Musik. In den dichten  Spalier-Reihen der Obstbauversuchsanstalt wachsen feste, knackige Äpfel, weiche, sanft mehlige, dunkelrote, fast violette, hellgrüne, gelbe, kleine, große, runde und birnenförmige – 1000 Sorten.

Äpfel als Zeitzeugen

"Das sind original Schafsnasen. Die sind im gesamten deutschsprachigen Raum um die Jahrhundertwende rein ins 20. Jahrhundert überall mit empfohlen worden und gepflanzt worden."

Die Äpfel hier sind Zeitzeugen der vergangenen 250 Anpflanzungsjahre: Hilmar Schwärzel hütet Sorten, die von Bäumen stammen, die 1804 angepflanzt wurden. Er bekommt Fruchtproben aus Polen und vom Baltikum. Und in Brandenburg ist der Agraringenieur im ganzen Land unterwegs, um unbekannte Sorten zu bestimmen.

"Es ist mir eigentlich noch nie so bewusst gewesen wie in diesem Jahr, bei dem zahlreichen Sortenbestimmungen, die im Land durchgeführt wurden, dass wir hier ein Stück europäischer Genbank auf deutschem Boden haben."

Genbank ist Zukunft des Obstbaus

Eine Genbank, die Schwärzel am ehemaligen Standort der Landesanstalt für Gartenbau der DDR immer weiter veredelt. 

"Der Sortengarten ist die Vergangenheit des Obstbaus, die Gegenwart des Obstbaus, und das genetische Potenzial ist die Zukunft des Obstbaus."

Denn die alten Apfelsorten haben der kleinen Eiszeit vom 15. bis ins 19. Jahrhundert getrotzt. Sie trügen damit Antworten auf den heutigen Klimawandel in sich, erklärt der Agraringenieur.

"Es ist den meisten nicht bekannt, es gibt diese Kreuzresistenz zwischen Winterfrosthärte und Dürreresistenz. Das ist eine ganz wichtige Kombination."

Hilmar Schwärzel von der Obstbauversuchsstation in Müncheberg. Allein mehr als 1000 Apfelsorten wachsen im vier Hektar großen Landessortengarten. (dpa / picture-alliance)Hilmar Schwärzel von der Obstbauversuchsstation in Müncheberg. (dpa / picture-alliance)

Den modernen Kultursorten, die auf Erntemasse und Lagerfähigkeit gezüchtet wurden, seien die alten Sorten in vielen Eigenschaften überlegen, schwärmt Schwärzel. Auch biete die Arche einen Rettungsanker für Allergiker, die Supermarktäpfel nicht essen können, manche alte Sorten aber vertragen. Es gilt, den individuell passenden Apfel zu finden.

"Wir haben ein breites Klientel, was hier kommt und durch diesen Sortengarten durchgeht, eben auch Kundschaft, die eine sehr starke Allergie haben und sie haben die Möglichkeit, ich sage es mal ganz einfach, sich über mehrere Wochen durch 1.000 Sorten durchzufressen. Und wir haben mindestens 50 dabei, die jemand, der auf eine gewöhnliche Apfelallergie anspricht, die für diesen Personenkreis verträglich sind."

Plantage steht jedem offen

Nicht nur Allergiker können hier in Müncheberg mit Kisten und Körben durch die Spaliere ziehen: Die Plantage steht jedem offen. Für sechs Euro kann man pflücken, so viel man will. 40 Tonnen nehmen Selbstpflücker jedes Jahr mit, lagern sie im Keller oder in Kisten auf dem Balkon und genießen so bis ins nächste Frühjahr leckere Äpfel. Derzeit beobachte er eine Rückbesinnung auf die alten Sorten freut sich Schwärzel. Für ihn kein Wunder: Für Supermarktware hat Brandenburgs Apfel-Guru nur Verachtung übrig:

"Wenn ich jetzt diese Äpfel sehe, die von der Stange kommen, diese Industrieäpfel, dann ist das nichts anderes als eine Form von Fastfood. Ich möchte Slowfood haben. Und wenn man die Inhaltsstoffe nehmen wollte und würde sagen, ‚wir gehen rein und nehmen das moderne Sortiment‘, und gehen wirklich mal nach der Zucker-Säure-Balance und dann nachher auch noch nach den Aroma, fragen mal nach Vitamin-C-Gehalt oder ähnlichem, dann werden wir sehen, dass wir dort ganz, ganz traurig aussehen."

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