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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.03.2012

Unverbrüchlicher Glaube an die Kraft der Menschen

Ngugi wa Thiong'o: "Verbrannte Blüten", Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2011, 590 Seiten

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Ngugi wa Thiong'os Buch ist auch ein Porträt der Geschichte Kenias. (Lucy Murunga, World Vision)
Ngugi wa Thiong'os Buch ist auch ein Porträt der Geschichte Kenias. (Lucy Murunga, World Vision)

Werden Geheimtipps für die Wahl des Literaturnobelpreisträgers abgegeben, so fällt immer wieder der Name Ngugi wa Thiong'o. Und so haben die Verlage nicht nur das Alterswerk des 74-jährigen Kenianers auf Deutsch herausgebracht, sondern widmen sich auch Neufassungen seiner frühen Romanen. "Verbrannte Blüten" erschien erstmals 1977 in Großbritannien und gilt bis heute als eines der Meisterwerke des Schriftstellers.

In dem kenianischen Dorf Ilmorog sind bei einem Brandanschlag die drei Direktoren der örtlichen Brauerei, die parallel einflussreiche Ämter in der Politik und im Schulwesen bekleiden, ums Leben gekommen. Mehrere Verdächtige werden inhaftiert, zu ihnen gehört der Dorflehrer Geoffrey Munira. Vor 12 Jahren war er nach Ilmorog gekommen. In seinen Aufzeichnungen für den ermittelnden Inspektor erinnert sich Munira an diese Zeit und die Entwicklung Ilmorogs von einem rückständigen, von dauernder Trockenheit bedrohten Dorf zu einer kleinen, modernen Industriestadt an der panafrikanischen Autobahn.

Neben den Dorfbewohnern gehören zu den handelnden Personen die Neuankömmlinge Abdulla, der Händler des Dorfes, Wanja, die sich von einem Barmädchen zur einflussreichen Geschäftsfrau heraufarbeitet und der Lehrer Karega, der später als Arbeiterführer den Streik gegen die Brauereibesitzer organisiert. Sie alle verbindet die Suche nach dem Sinn des Lebens, ihrem persönlichen und politischen Einsatz für Veränderungen und den Handlungsmöglichkeiten im Kenia der beginnenden Unabhängigkeit. Damit erweist sich das Dorf Ilmorog als Mikrokosmos, der sehr eindrücklich die wechselvolle Geschichte Kenias widerspiegelt: vom Kampf gegen den Kolonialismus hin zu einer Entwicklung, in der sich die Mehrheit wieder betrogen sieht und nur wenige Reiche die Früchte des Kampfes genießen können.

Ngugi wa Thiong'o erzählt sehr detailreich und präzise wie Menschen, die sich unter Einsatz ihres Lebens für den Kampf um die Freiheit Kenias eingesetzt haben, an den neokolonialen Strukturen scheitern. Immer wieder schimmert in seinen Romanen der damaligen Zeit die Hoffnung durch, dass sich die Gesellschaft zu einem gerechteren und sozialen System ändern könnte, wenn nicht einige wenige, aufstrebende Afrikaner sich korrumpieren lassen würden. Für das zu der Zeit regierende diktatorische Regime unter Präsident Arap Moi waren die Analysen in seinen Romanen und gesellschaftskritischen Theaterstücken so bedrohlich, dass Ngugi wa Thiong'o 1977 ohne Gerichtsverfahren inhaftiert wurde.

Für heutige Leser liegt der Reiz des Romans noch immer in der messerscharfen Analyse der damaligen Zeit, der kenntnisreichen Darstellung der traditionellen Strukturen Kenias sowie in der facettenreichen und fantasievollen Erzählkunst des Autors. Nicht zuletzt ist der unverbrüchliche Glaube Ngugi wa Thiong'os an die Kraft der Menschen zur Veränderung der Verhältnisse zum Wohle der Mehrheit imponierend. Für diese Glauben hat der Autor selber einen hohen Preis gezahlt.

Besprochen von Birgit Koß

Ngugi wa Thiong'o: Verbrannte Blüten
Aus dem Englischen von Susanne Koehler
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2011
590 Seiten, 26,00 Euro

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