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Studio 9 | Beitrag vom 24.08.2018

Unterwegs mit einem Promenadologen"Spazierengehen schafft Schönheit"

Von Kolja Unger

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Ein Paar läuft Händchen haltend in der Abendsonne durch den Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg (imago/Olaf Selchow)
"Die Wahrnehmung beim Spazierengehen ist wie ein Film", sagt der Promenadologe Martin Schmitz. (imago/Olaf Selchow)

Stadtplaner und Architekten sind zu Schreibtischtätern geworden, beklagt der Professor für Spaziergangswissenschaften Martin Schmitz. Dabei könne nur gestalten, wer seine Außenwelt genau beobachte, erzählt er bei einem Rundgang durch Berlin-Kreuzberg.

"Wo gehen wir hin?"

"Wir tun das, dass wir mal ein bisschen rumstrolchen. Ich hab natürlich ein paar Dinge, die ich schon seit Jahren hier beobachte und ich bin gespannt, ob Sie solche Zusammenhänge sehen, an den Orten, die wir gleich mal aufsuchen."

Martin Schmitz und ich sind auf einem Sprung. Wir wollen durch sein Wohnviertel spazieren, durch Berlin-Kreuzberg. Endlich habe ich jemanden gefunden, der noch länger braucht, sich die Schuhe anzuziehen als ich.

Schmitz ist Professor für Spaziergangswissenschaften. An der Universität Kassel unterrichtet er Promenadologie oder wie es auf Englisch heißt Strollology. Das klingt erstmal lustig. Nach Elfenbeinturm, nach einer kuriosen Disziplin, die eigentlich keiner braucht. Dabei verhält es sich genau andersherum. Denn das Problem ist ja, "dass Gestaltung, Stadtplanung, Architektur zu Schreibtischwissenschaften geworden sind. Es gibt Architekten, die noch nie an dem Ort waren, den sie geplant haben".

Ein Wald aus Straßenschildern

Ob das Spazierengehen wirklich tiefschürfende Erkenntnisse über Stadtplanung bringt? Wir lassen es auf einen Versuch ankommen und treten vor die Tür. Schmitz genießt die Frühlingsbrise, die durch sein schlohweißes Haar weht. Die Hände in den Taschen seiner Jeans, mit den Daumen spielt er an seinen Hosenträgern herum.

Die Straße macht eine Kurve, in die eine weitere Straße einmündet. Dahinter ein verkehrsberuhigter Bereich, wo Kinder das Pflaster mit Kreide bemalen. Martin Schmitz hebt den Finger und in seiner John-Lennon-Sonnenbrille spiegeln sich zahlreiche Verkehrsschilder:

"Wenn man sich jetzt alle Schilder mal anguckt, tock, tock, tock. Hier wurde jeden Tag ein neues Schild aufgestellt."

"Ich zähle mal die Straßenschilder nur an dieser Ecke. Ich komme auf zwölf."

"Die Freiraumplaner, die sind mit Sicherheit nicht zufrieden mit dieser Gestaltung. Wir sind ja hier in Kreuzberg. Hier sind ganz viele verschiedene Verkehrsmittel unterwegs. Vorrang planerisch ganz klar: das Auto."

Laut Schmitz fahren die meisten Verkehrsplaner stets mit dem Auto und denken dementsprechend wie Autofahrer. Das Problem daran:

"Das Automobil als individuelles Verkehrsmittel ist einfach an seine Grenze gestoßen. Mehr geht nicht und mehr soll auch nicht sein. Im Grunde genommen kann man das nur mit dem öffentlichen Nahverkehr regeln."

Ohne Smartphone und Kopfhörer

Aber die Spaziergangswissenschaft beschränkt sich nicht auf Logistikkritik. Sie setzt viel mehr ganz allgemein an unserer Wahrnehmung an und hinterfragt, während wir uns durch eine Landschaft bewegen, wie wir diese wahrnehmen.

"Die Wahrnehmung beim Spazierengehen ist wie ein Film."

Wir gehen über einen Platz. Menschen stehen um einen Brunnen. Schauen auf ihre Smartphones. Wir gehören zu den wenigen Fußgängern, die keine Kopfhörer in den Ohren haben. Denn das Ideal der Spaziergangswissenschaft ist, "dass wir mal ohne professionelle Vorkenntnis und jedes Hilfsmittel losgehen und tatsächlich mal gucken, was ist denn da jetzt".

Die Schere zwischen Realität und Vorstellung

Wir gehen durch eine Unterführung, über einen Kiesweg, über uns beginnen Laubengänge. Martin Schmitz schiebt den Immergrün zur Seite und zeigt auf einen angelegten Teich. "Das ist eine schöne Stelle hier. Hier gibt es übrigens Schildkröten."

Der Spaziergangswissenschaftler Martin Schmitz unterwegs in Berlin (Unger)Beobachten und gehen... unterwegs mit dem Spaziergangswissenschaftler Martin Schmitz (Unger)

Wenn man mit Martin Schmitz spazieren geht, fallen mehrere Ebenen ineinander. Einerseits nehme ich ganz bewusst Schönheit wahr: "Orte, die sich wie Perlen auf einer Schnur aufreihen." – Andererseits interpretiere ich meine Wahrnehmung. Ich hinterfrage die Sequenzen, die ich als schön wahrnehme. Frage also: Warum haben wir den Teich als schön empfunden? Vielleicht, weil alles so hässlich geworden ist.

"Die Schere zwischen Realität und Vorstellung, den Idyllen, die wir gerne haben, weil sie auch schön sind, die geht immer weiter auseinander. Also Ferien auf dem Bauernhof ist eigentlich Frühstück mit 50.000 Mastschweinen."

Alles ist menschengemacht

Sein Credo: Alles ist menschengemacht. Und eben die Menschen, die uns in Zukunft die verloren geglaubte Schönheit zurückgeben sollen, indem sie Häuser bauen, Landschaften und Städte planen, diese Menschen sitzen heute bei Martin Schmitz in den Seminaren. Sie studieren Gestaltung und sollen durch das Spazierengehen eine bewusstere Wahrnehmung für die Bedürfnisse von Fußgängern entwickeln. Denn: "Spazierengehen schafft Schönheit. In dem Moment, wo wir unsere Außenwelt interpretieren und genau beobachten, da kann man erst gestalten."

Meistens fällt ihm Fehlplanung auf, wie der Schilderwald vor seiner Tür oder benachbarte Gebäude, die von der Form, dem Material oder schlicht farblich nicht zusammenzupassen scheinen.

Auf den letzten Metern findet der Promenadologe aber auch eine Planung, die ihm gut gefällt: einen durchschreitbaren Hinterhof.

"Für mich ist das eine ganz sinnvolle Abkürzung. Also, da hat offensichtlich auch jemand an Fußgänger gedacht. Und jetzt sind wir zu Hause."

"Ist doch erstaunlich: Irgendwie kommt man beim Spazierengehen dann doch immer wieder zu Hause an.

"Insofern man denn nach Hause möchte."

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