Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 21.06.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.08.2019

Unterricht via InternetWir brauchen endlich sichere Schul-Clouds!

Ein Kommentar von Christian Füller

Menschen kommunizieren mit drahtlosen Technologien  (imago / Icon Images)
Kommunikation übers drahtlose Netz: Auch für den Schulunterricht könnte das produktiv sein. Doch die Umsetzung ist bislang im großen Stil gescheitert. (imago / Icon Images)

Unterricht via Cloud, vernetztes Lernen: Alle wollen das, doch in der Umsetzung hapert es gewaltig - insbesondere aus Datenschutzgründen. Dabei gibt es längst Lösungen: "Open Source" schlägt die IT-Konzerne, meint Journalist Christian Füller.

Die Bildungsrepublik steckt in der Zwickmühle. Wieder Mal. Obwohl der Digitalpakt mit all seinen Milliarden für die Länder endlich unter Dach und Fach ist, hakt es wieder. Es geht um das Zaubermittel, das digitale Bildung erst wirksam macht: eine Cloud, aus der die Schüler von überall her Zugriff auf ihre Schularbeiten haben.

Bislang finden sich allerdings vor allem unfertige, kaputte oder unsichere Schulclouds auf dem Markt.

Die Cloud muss sicher sein

Eine Lernwolke eröffnet die Potenziale digitalen Lernens: Neben dem realen Klassenzimmer wird ein virtuelles eröffnet. Dort treffen sich Schüler und Lehrer nicht physisch, sondern tauschen Dokumente aus, kommunizieren und arbeiten parallel an Essays, oder Videoprojekten. Im Idealfall unterbrechen sie eine Schulaufgabe im Unterricht und setzen sie später genau an der gespeicherten Stelle fort – von irgendwo anders.

Die Schulcloud muss auch einer geschützter Ort sein: So wie nicht jedermann ein Schulhaus betreten darf, sollen Schüler online abgeschirmt miteinander arbeiten können.

Die Umsetzung zieht sich hin

Soweit die Theorie. In der Praxis ist die Lage ein bisschen komplizierter. Zwei große Bundesländer sind gescheitert, eigene sichere Clouds aufzubauen.

Aber auch die zentrale Cloud, die das Bundesbildungsministerium mit viel Geld entwickeln lässt, ist noch lange nicht fertig. 2016 begann das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam eine Cloud zu entwickeln, die ihr Erfinder einst als Riesenwolke über allen Kindergärten, Schulen und Universitäten der Republik gedacht hatte. Das HPI hat den sympathischen Versuch unternommen, in seiner Cloud alles neu erfinden zu wollen. Das zieht sich.

Nun schreiben wir das Jahr 2019, der Digitalpakt geht los, aber es sind erst 120 Schulen angeschlossen - 120 von insgesamt 33.000 deutschen Schulen. Mit anderen Worten: Eine nationale Schulcloud mit ein Promille der Lehranstalten ist keine nationale Cloud, sondern ein Absturz von Wolke 7.

Die NSA liest mit

Die Verwirrung perfekt machte kurz vor den Sommerferien der hessische Datenschutzbeauftragte. Michael Ronellenfitsch bemängelte, wie der heimliche Marktführer Microsoft Schülerdaten verarbeitet. Der Professor erklärte die Cloud von MS Office 365 für "datenschutzrechtlich unzulässig" – und schloss in sein Verdikt zugleich die Clouds von Apple und Google ein.

Zurecht: Wenn nicht klar ist, ob und welche Daten die USA von Zöglingen deutscher Staatsschulen extrahieren, darf dieses System nicht angewandt werden. Die Schulen machten sich sonst zum Datenhehler.

Inzwischen hat Ronellenfitsch sein Urteil zwar abgeschwächt. Das Dilemma für die Schulen aber bleibt: Wer, verflixt, stellt denn nun eine Cloud zur Verfügung, die a) funktioniert und b) in der die Schüler frei arbeiten können, ohne dass die NSA mitliest?

Es geht auch anders - nämlich "Open Source"

Die Antwort ist einfacher als gedacht. Es gibt eine Reihe von Schulclouds, die beides sind - schlüsselfertig und sicher. Der einzige Nachteil, den sie haben: Kaum eine Schule kennt sie, denn ihnen fehlt die PR-Power, welche die Schulcloud des Bildungsministeriums oder die US-Giganten haben.

Es sind Mittelständler oder "Open Source"-getriebene Entwicklungen mit Namen wie Moodle, Mebis, iServ, itslearning oder Webweaver. Bei denen können sich Schulen binnen 24 Stunden an eine Cloud anstöpseln lassen. Und deren Daten verbleiben in Deutschland.

Irrungen und Wirrungen der Clouds

Übrigens lässt sich aus der Malaise mit den Staats- und den Profitclouds Kapital schlagen: Warum sollte man das Geflecht von Interessen, Macht und Geld nicht mit Schülern im Politikunterricht thematisieren?

Wer die Irrungen und Wirrungen um die Clouds verstanden hat, ist auf die digitale Welt ganz gut vorbereitet.

(Quelle: privat)Der Autor (Quelle: privat)Christian Füller, 55, ist Buchautor (unter anderem "Muss mein Kind aufs Gymnasium?", Duden 2018, und ""Die Revolution missbraucht ihre Kinder", Hanser 2015) und Journalist. Er schreibt unter anderem für "Spiegel Online", "FAZ", "Welt am Sonntag" und bloggt als Pisaversteher. Für unsere Sendereihe "Politisches Feuilleton" kommentiert er regelmäßig bildungspolitische Themen.

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Glück des ReisensIn der Schule des Staunens
Mann mit Rucksack schaut aus dem Zugfenster (Illustration). (imago / Ikon Images / Sam Brewster)

Schon vor der Pandemie hatten wir zu reisen verlernt, meint der Philosoph und Publizist Christian Schüle. Denn Reisen bedeutet, sich auf Unbekanntes einzulassen, zu irren und zu staunen. Doch wer vom Fremden nichts wisse, wisse auch nichts von sich.Mehr

Adé HomeofficeDie Chefs sind wieder da
Ein wütender Chef schüttelt die Faust in Richtung eines schlafenden Angestellten am Schreibtisch (Illustration).  (imago / fStop Images / Malte Müller)

Rund um den Pandemie-Hype ums Homeoffice blieb das Aussterben einer dominanten Spezies weitgehend unbeachtet: Der Chef und die Chefin wurden nicht mehr gebraucht. Das meint zumindest Journalist Nils Minkmar. Doch nun kommen die Führungskräfte zurück.Mehr

CoronapandemieImpfstoffpatente müssen ausgesetzt werden
Illustration einer Spritze die die Welt in Form eines Coronavirus impft. (imago / Marcus Butt)

Während die Corona-Bedrohung in reichen Ländern abnimmt, bleibt der Impfstoff weltweit knapp. Nur eine Aussetzung der Patente kann die Impfstoffproduktion weltweit ausweiten und so die Pandemie stoppen, meint Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur