Montag, 25.03.2019
 

Zeitfragen | Beitrag vom 12.03.2019

Unternehmenskultur in Zeiten des RechtspopulismusHaltung als Geschäftsrisiko

Von Thomas Klug

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Die Geschäftsführerin der Uhrenfirma Nomos aus Glashütte in Sachsen, Judith Borowski, steht hinter eine Scheibe und lächelt in die Kamera. (NOMOS Glashütte / Hartmut Naegele)
"Für uns war diese Bundestagswahl ´17 ein Weckruf", sagt Judith Borowski, Geschäftsführerin von Nomos Glashütte in Sachsen. (NOMOS Glashütte / Hartmut Naegele)

Unternehmen sind oft umtriebig, wenn es um ihre wirtschaftlichen Interessen geht. Wenn es sich um ein öffentliches Bekenntnis gegen Rassismus handelt, sind sie aber oft recht leise. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie der Uhrenhersteller Nomos Glashütte zeigt.

Glashütte, ein kleiner Ort mit viel Vergangenheit, etwas Folklore und ein bisschen Weltruhm. Ein Ort, mit viel Zeit. Schließlich wird die Zeit hier gemacht. Die Zeit in Form von Uhren. Der Markt dafür ist nicht regional, sondern international. Glashütte ist Globalisierungsgewinner. Aber Glashütte liegt in Sachsen.

"Glashütte ist ein kleiner Ort, eine winzig kleine Stadt im Osterzgebirge, südlich von Dresden, ungefähr eine halbe Stunde südlich von Dresden, wenn man mit dem Auto fährt. Und in diesem Glashütte werden seit über 170 Jahren feine Armbanduhren gefertigt."
 
Judith Borowski, Geschäftsführerin von Nomos Glashütte:

"Ich glaube, es gibt Situationen, in denen auch Unternehmer sich politisch artikulieren dürfen, können, vielleicht sogar auch müssen und in denen wir uns auch erinnern sollten an das "Nie wieder" vor 70 Jahren. Für uns war diese Bundestagswahl ´17 ein Weckruf. Wir waren entsetzt, denn die Rechtspopulisten haben, wenn ich mich recht entsinne, 27 Prozent bei den Bundestagswahlen in Sachsen erhalten, in Glashütte sogar knapp 40 Prozent. Naja, das ist schon eine Situation gewesen, die uns sehr zu denken gegeben hat."

Die Manufaktur des Uhrenherstellers Nomos Glashütte in Sachsen. (imago/DATA73)Die Manufaktur des Uhrenherstellers Nomos Glashütte in Sachsen. (imago/DATA73)
Wie tickt Glashütte, wie tickt die Welt in Sachsen? Soll, wer für die Welt produziert, weltoffen sein? Vielleicht ein Vorteil. Weltoffen, tolerant, gegen Rassismus und für Gleichberechtigung? Das könnte das Leben leichter machen. Es könnte selbstverständlich sein. Tradition trifft Zukunft. Eine Region trifft die Welt. Nur irgendetwas tickt nicht ganz richtig. Ein paar unschöne, schrille Töne stören die Weltoffenheit. Es hört sich nicht gut an. Und es stellt sich wenigstens eine Frage: Sollen sich Unternehmen äußern, wenn es um große gesellschaftliche Fragen geht. Wenn es vielleicht fünf vor zwölf ist und die Uhr tickt?

"Aus vielen Ländern haben wir Post bekommen"

"Es gab auch viele Kunden, die sich bei uns gemeldet hatten damals, nicht nur aus Deutschland, sondern eben auch aus den Staaten, aus Israel, aus Frankreich, Skandinavien. Aus vielen Ländern haben wir Post bekommen von Menschen, die eben wissen wollten, wie unsere Haltung ist zu der Situation, zu dem Stimmenbild in Sachsen, weil eine Uhr, glaube ich, eine Armbanduhr, ist ein spezielles Produkt. Das ist etwas, es ist ein Gegenstand, den man sehr nah am Körper trägt, man hat die Uhr ständig am Handgelenk in aller Regel, man guckt vielfach am Tag darauf. Für viele Menschen ist eine Armbanduhr auch sowas wie ein Ausweis, vielleicht für die Haltung, die sie selbst vertreten."
 
Wollen Kunden wissen, ob Hornbach gerne bei der CDU werkelt? Oder ob Fielmann Brillen der SPD zum Durchblick verhelfen? Ob Netto sich nur von der FDP mehr Brutto wünscht?

Will man wissen, was die Vorstände von Daimler oder Adidas politisch so denken? Sollen sie sich bekennen – wozu auch immer? Es steht ihnen frei. Aber da ist etwas, was man Haltung nennt. Ist das den Wirtschaftsbossen zu banal? Oder hat Wirtschaft so gar nichts mit Politik zu tun?

"Die Wirtschaft ist als System natürlich von bestimmten Interessen getrieben und das ist in erster Linie das Interesse, für das eigene Wohl zu wirtschaften. Natürlich hat das auch weitere volkswirtschaftliche Auswirkungen, aber von einem Unternehmen kann man das auch als allererstes ´nur` erwarten. Insofern glaube ich, wenn Unternehmen erkennen, dass etwas in ihrem eigenen Interesse liegt und Dinge passieren, die sie betreffen, dass sie sich dann auch dazu äußern."

Stefanie Molthagen-Schnöring, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und Autorin in des Buches "Gesellschaftspolitisches Engagement in Zeiten von Trump & Co".

"Ich glaube, dass sich in dem Bereich sehr viele auch viele Gedanken machen. Das ist vielleicht auch ein Problem unserer Zeit, dass man sehr genau abwägt, was sind die Vorteile, die Nachteile so einer Aktion, dass man sich vielleicht nicht auf eine Seite stellen möchte, weil man selber noch unsicher ist im Umgang mit dem ganzen Thema. Diese Unsicherheit zeigt sich ja auch an anderen Stellen.

Die Frage, lädt man Vertreter der AfD in die Medien ein oder auf Podien ein, wo es ja sehr unterschiedliche Meinungen gibt, einfach noch aus einer gewissen Unsicherheit resultierend. Und ich denke, dass das bei Unternehmen, die dann eben auch ökonomisch kalkulieren, bringt ihnen das was oder bringt es ihnen nichts, die dann entsprechend auch zögerlich sind mit solchen Positionierungen und dann sagen, dass ist jetzt nicht unsere allererste Aufgabe, so etwas zu tun und uns da zu äußern."

Unternehmen sind nicht leise – wenn es ihnen nützt

Debatten um den Mindestlohn, paritätische Finanzierung der Krankenkassenbeiträge oder das Renteneintrittsalter – die Ansichten der Unternehmen dröhnen durch die Republik. Sie haben Interessen, die sie auch kundtun – über Lobbyverbände, über Stiftungen, über Abgeordnete – und durch Kampagnen. Unternehmen sind nicht unpolitisch und auch nicht leise – wenn es ihnen nützt oder wenn sie eine Mission haben.

Deutschland 2005. Im Januar liegt die Arbeitslosenzahl bei über fünf Millionen – so hoch wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte. Hartz IV wird eingeführt. Und die Nummer 1-Hits stammen von Tokio-Hotel und Schnappi, dem kleinen Krokodil. Und dann auch noch das:

"Du bist Deutschland".

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Gunter Thielen sitzt am 21.02.2006 während einer Pressekonferenz in Berlin vor dem Schriftzug der Kampagne "Du bist Deutschland".  (picture alliance/dpa/Foto: Wolfgang Kumm)Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Gunter Thielen, 2006 während einer Pressekonferenz in Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: Wolfgang Kumm)
Niemand konnte der Kampagne entkommen. Viele Firmen und Organisationen haben sich beteiligt, allen voran das Bertelsmann-Imperium. Auch ARD und ZDF waren dabei, als es galt, der unterkomplex geratenen Kampagne Zuschauer zuzuführen. Wirtschaftlich lief es für die Arbeitnehmer und Arbeitslosen gerade nicht so gut, also wollten alle Du-bist-Deutschland-Beteiligten etwas erzeugen, was sie "positives Nationalgefühl" nannten. Was als Wohlfühlpropaganda daherkam, sollte eine neue "Machermentalität" begründen. Arbeitslose sollten Ich-AGs werden.

Fehlt so eine Kampagne heute? Fehlt es, Haltung zu zeigen, in Zeiten, in denen der Beifall nicht ungeteilt ist? Müssten sich deutsche Firmen äußern, wenn am rechten Rand gerade die Geschichte neu sortiert werden soll? Soll die Wirtschaftselite politisch Farbe bekennen, wenn es einmal nicht um Rot oder Schwarz geht?

Firmen könnten sagen: Wir finden Rassismus nicht so toll

"Ich glaube, dass der Abstand zwischen Politik und Wirtschaft in Deutschland traditionell ein großer ist. Es gibt Studien dazu, dass eben wenig Unternehmer sich wirklich auch z.B. in politischen Ämtern wiederfinden."

Firmen könnten sagen: Wir finden Rassismus nicht so toll. Wir wollen keine Ausgrenzung. Wir möchten ein tolerantes Deutschland. Könnte ja sein, dass sich Unternehmen so äußern. Dann, wenn es um etwas geht. Und wenn Verantwortung gefragt ist.

Prof. Stefanie Molthagen-Schnöring:

"Da haben wir eine andere Kultur, die eher von einer gewissen Zurückhaltung und auch einer gewissen Distanz geprägt ist, was auch wiederrum Vorteile hat. Auch wenn man sich jetzt überlegt, welche Unternehmen in Deutschland tätig sind und wem gegenüber die auch wieder verpflichtet sind. Wenn ich jetzt ein DAX-Unternehmen führe und ich habe auch Shareholder-Interessen zu vertreten, dann ist es vielleicht auch nicht meine Aufgabe oder sehe es nicht so sehr als meine Aufgabe, da an der Stelle dann gesellschaftlich-politisch mich an der Stelle stark aus dem Fenster zu lehnen."

Vielfalt wird auch als Bevormundung gesehen

Video: "Ein Nordafrikaner vielleicht oder aus der Karibik. Jedenfalls ein gutgelaunter neuer Deutscher. Oder ist vielleicht auch kein Deutscher. Aber jedenfalls ist es kein weißer Mann und eine Asiatin, wieder eine Frau. Wir haben hier also eins, zwei, drei, vier Frauen, drei Männer, die die Vielfalt symbolisieren und von denen ist keiner blond. Die Deutschen sehen alle grau aus, alle sind sie grau hinterlegt. Aber alle sehen sie eigentlich ganz in Ordnung aus, muss man sagen."

Ein Berliner Lehrer studiert eine Verlagsbeilage des Berliner Tagesspiegels. Anlass für die Beilage ist eine Fachkonferenz zur Vielfalt in der Arbeitswelt.

Christina Schulte-Kutsch, Deutsche Telekom AG Berlin, hält eine Rede auf der Tagung "Diversity 2016" im Verlagshaus des Tagesspiegels. (picture alliance/dpa/Foto: Kai-Uwe Heinrich)Der Tagesspiegel wurde im Internet für eine Verlagsbeilage, die zu einer Diversity-Tagung erschien, massiv angegriffen. (picture alliance/dpa/Foto: Kai-Uwe Heinrich)
Die Verlagsveröffentlichung hat es dem Lehrer angetan. Er dreht ein Video über seine Lektüre und stellt es ins Netz. Er will seine Empörung teilen, denn es sind nicht nur Menschen verschiedener Kulturen zu sehen. Es gibt auch eine Stellenanzeige, die ganz furchtbar zu sein scheint:

Video: "Oder hier Deutsche Bahn Du suchst was Festes, aber nicht jeden Tag das Gleiche. Willkommen. Du passt zu uns. Als Ingenieurin. (w/m). Also sonst war es immer Ingenieur, männlich, weiblich. Jetzt Ingenieurin. Das ist Vielfalt, Leute. Denn Männer haben ja im Job eigentlich nichts zu suchen."

Der Lehrer hat seinem Video den Titel gegeben: "Der rassistische Tagesspiegel – antigermanistische Propaganda in Beilage zu ‚Diversity‘ *würg*"

Video: "Denn Männer haben ja im Job eigentlich nichts zu suchen."

Eine Verlagsbeilage, in der es um Vielfalt geht und eine Stellenanzeige mit dem Begriff Ingenieurin genügen schon, um Leser zu verwirren. Oder zu erregen. Vielfalt – das wird als politisches Bekenntnis gesehen und als Bevormundung. Darin möchte manch einer schon den Untergang des Abendlandes erkennen. Der Untergang – vorangetrieben durch eine Ingenieurin bei der Deutschen Bahn. Erstaunlich, was im 21. Jahrhundert noch Erregungspotential besitzt.

Haltung muss man durchhalten

Eine Firma setzt auf Vielfalt – sicherlich auch, weil Arbeitskräfte und Sachverstand aus der ganzen Welt gebraucht werden. Eine Firma sucht eine Ingenieurin oder einen Ingenieur. Weil technische Berufe eben nicht nur für Männer reserviert sind. Zeiten ändern sich. Und Firmen gehen mit der Zeit – Hautfarbe und Geschlecht sind keine Einstellungskriterien mehr. Kann man von Unternehmen mehr verlangen?

Der Konsument ist anspruchsvoll. Und schnell genervt. Er will nicht belehrt werden, er will aber auch vertrauen dürfen. Und vor allem Er möchte nicht angelogen werden. Wenn die Firma, die da lauthals verkündet, für den Weltfrieden zu sein, ein rheinischer Waffenhersteller ist, wirkt das wenig überzeugend.

Molthagen-Schnöring: "Die Haltung ist noch nicht, dass ich jetzt mal ein Schild irgendwo dranklebe und sage, ich bin dafür oder dagegen. Sondern die Haltung ist dann in den weiteren Diskussionen das auch durchzuhalten, zu begründen und dann nicht davon abzuweichen und das nicht zu so einer kurzfristigen Aktion zu machen."

Firmen wollen ungern politisch auf sich aufmerksam machen

Sie schweigen. Sie sind schüchtern. Sie möchten nicht öffentlich sprechen. Sie wollen ungern auf sich aufmerksam machen. Sie haben keine Meinung. Oder?

"Leider muss ich Ihnen nach eingehender Prüfung absagen... Vor allem... ist es die Thematik, zu der wir als BDA wenig bis gar nichts beitragen können."

Lässt die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitergeberverbände verlauten und hofft auf Verständnis. 

Molthagen-Schnöring: "In den Gesprächen, die ich geführt habe, wo ich ja viel mit Leitern Unternehmenskommunikation gesprochen habe, da wurde deutlich, dass das eigentlich bei allen ein Thema ist und das alle darüber nachdenken. Aber dass sie es eher bis jetzt in einer eher defensiven Art und Weise tun."

Hiltrud Werner vom VW-Vorstand ist besorgt.

"In Ostdeutschland wird die AfD zunehmend zum Problem, auch in den Betrieben."

Das sagt sie im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Problem erkannt. Dann spricht sie noch über die Fehler der Wiedervereinigung, die Treuhand und etwas, was sie "Deindustriealisierung" nennt. Sie spricht über die Verantwortung der Politik. Über VW spricht sie nicht.

Joe Kaeser versucht es offensiv. Der Vorstandsvorsitzender der Siemens AG hat sich auf Twitter mit Alice Weidel angelegt. "Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel" schrieb er und "Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt. Da, wo die Hauptquelle des deutschen Wohlstands liegt". Zwei Kleinaktionäre von Siemens stellten sich klar auf die Seite von Weidel und kritisierten Kaeser.

München: Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, nimmt an einer Pressekonferenz vor Beginn der Hauptversammlung in der Olympiahalle teil. (dpa/Sven Hoppe)Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, bezog öffentlich Stellung gegen die AfD. (dpa/Sven Hoppe)
"Damit gefährdet der Vorstand das Vertrauensverhältnis zu seinen industriellen und privaten Partnern sowie gewählten politischen Repräsentanten und betreibt ohne Mandat der Aktionäre Parteipolitik auf dem Rücken des Unternehmens."

"Im Falle von Siemens ist es natürlich nochmal ein besonderes Thema und auch bei Joe Kaeser, weil er eben vor zwei Jahren, als er in Davos war und direkt neben Donald Trump saß und man so das Gefühl hatte, dass er sich eng an Trump hält – das wurde sehr kritisch dargestellt. Und jetzt äußert er sich eben in den Medien anders und bezieht eben Stellung beispielsweise gegen die AfD. Er hat da, glaube ich, schon persönlich eine sehr harsche Kritik erfahren – bis hin auch zu Drohungen gegen ihn, seine Familie, seine Person. Insofern würde ich jetzt nicht sagen, das ist nichts oder es wird nur von Wenigen wahrgenommen."

Man kann nur Fehler machen

Es ist schwierig, sich zu äußern. Potentielle Kunden sollen nicht verschreckt werden. Man kann nur Fehler machen. Also lieber schweigen und darauf hoffen, nicht aufzufallen? Auch das kann schiefgehen.

Köln im April 2017. Die AfD möchte einen Parteitag abhalten. Das Hotel Maritim hat kein Problem damit und vermietet an die Partei. Es ist nicht die erste Veranstaltung der AfD in den Maritim-Hotels. Es gibt Proteste. In Köln ist ein großes Polizeiaufgebot im Einsatz. Derweil kursieren Boykottaufrufe gegen die Hotelkette. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Hotel nur ein Hausverbot für Björn Höcke verhängt, Vorsitzender des stramm rechten Flügels der AfD, der allerdings gar nicht am Kölner Parteitag teilnimmt. Das Maritim teilt in einer Presseerklärung mit:

"Wir haben bislang die Politik vertreten, allen Parteien und Organisationen, die sich im demokratisch legitimierten Spektrum bewegen, als Veranstaltungsort zur Verfügung zu stehen. Jedoch haben wir unter anderem dort Grenzen gezogen, wo andere wegen ihrer Herkunft, Rasse oder Religion diskriminiert wurden, wo der Holocaust geleugnet oder sonst die Gräuel des NS-Regimes in Abrede gestellt oder verharmlost wurden. Bei der AfD haben wir diese Grenzen bislang nicht als überschritten angesehen. Das gilt jedoch nicht für die Äußerungen von Herrn Höcke am 17.01.2017 in Dresden."

Zwei Jahre später möchte sich die Hotelkette Maritim nicht mehr äußern, sondern verweist auf alte Pressemitteilungen. Wegducken als Strategie?

Muss man es hinnehmen?

In Dresden und anderswo ist man einmal wöchentlich besorgt. Das Abendland, es scheint ihm schlecht zu gehen. Etwas läuft schief. Die Bilder und Töne, die dort entstehen, klingen wenig freundlich. Die Botschaft ist schwer zu entschlüsseln. Eines aber ist klar Diejenigen, die sich für das Volk halten sind dagegen. Vielfalt ist ihnen nicht wichtig, offene Grenzen sind ihnen ein Graus und Menschen aus anderen Gegenden der Welt wollen sie nicht hier.

Weiterhin sind sie gegen Klimawandel, alles, was irgendwie mit Gender zusammenhängt und die Ehe für alle wollen sie auch nicht. Sie wollen eigentlich nichts, was für alle ist und Medien mögen sie gar nicht. Es ist schwierig. Vielleicht muss man das aushalten. Aber muss man es hinnehmen, wenn die deutsche Geschichte umgedeutet und Menschen in Rassen eingeteilt werden sollen? Falko Pietsch sagt: Nein.

"Das bedeutet, dass wir bei uns nicht nur einladen, Kaffee und Kuchen zu trinken oder irgendwas zu Mittag zu futtern, sondern auch darüber hinaus zu denken, in dem wir Kampagnen und Demonstrationen unterstützen, die für eine weltoffene und friedliche Gesellschaft eintreten, indem wir selbst Veranstaltungen machen, die politischer Natur sind und wir uns abends am aufgebauten Kamin zusammensetzen über Themen des Humanismus im weitesten Sinne."

Kunden lassen sich mitunter leicht verschrecken

Falko Pietsch ist Mitbetreiber eines veganen Cafés in der Dresdner Neustadt.

"Hier in dem Viertel bleibt es dadurch, dass eben viele StudentInnen und junge Menschen hier wohnen, nicht aus, dass die meisten eine klare politische Haltung haben."

Autor: "Welche politische Haltung kann denn ein Café haben?"

"Die Haltung, die ein Café haben kann, ist auf jeden Fall. Nice. Jetzt will ich mich nicht an der Wortwahl festhalten. Ich glaube, die Aufgabe des Cafés ist, einladend zu sein. Das gilt bei uns für alle und für alle, die diese einladende Haltung dann replizieren und an andere aussenden."

Ein Café in einer eher jungen Umgebung hat wohl nicht viel zu befürchten. Firmen mit einer eher weltweit verstreuten, heterogenen Kundschaft haben es möglicherweise schwerer. Auch Anhänger von Pegida können Kunden sein, die man nicht verprellen möchte. Schließlich wollen Unternehmen weniger Politik, aber mehr Umsatz machen. Und der Umsatz bzw. der geschäftliche Erfolg ist die empfindliche Stelle eines jeden Unternehmens. Kunden lassen sich mitunter leicht verschrecken.

Molthagen-Schnöring : "Wenn ich jetzt ein Unternehmen, ich nehme jetzt ein Beispiel nicht aus Deutschland, sondern den USA, wo das Unternehmen Starbucks sich mal mit einer politischen Äußerung einerseits sehr beliebt gemacht hat bei den europäischen Kunden und andererseits sehr unbeliebt gemacht hat bei den US-amerikanischen Kunden. Es ging damals ja darum, dass Trump ja angekündigt hatte, eine Mauer bauen zu wollen. In den USA wurde das Statement von Starbucks, jetzt noch mehr Menschen einzustellen, die in die USA kommen, wurde in den USA negativ betrachtet, war also da für den Umsatz eher nicht zuträglich. Während hier in Europa das sehr positiv wahrgenommen wurde."

Schnell steht dann auch das nicht gern gehörte Wort "Boykott" im Raum.

Haltung als ganz normales Geschäftsrisiko

Firmenphilosophie – einer der Begriffe, der in Unternehmen oft floskelhaft verwendet wird. Vielleicht könnte die Firmenphilosophie tatsächlich ethische Grundwerte definieren – Werte, für die ein Unternehmen einsteht, auch wenn Gegenwind kommt. Und die Firmen könnten offensiv für ihre Philosophie einstehen – nach innen und außen. Oder simpel formuliert – Profit nicht um jeden Preis. Haltung als ganz normales Geschäftsrisiko. Es soll ja auch Kunden geben, die Haltung zu schätzen wissen. Außerdem geht es nicht um Parteipolitik, sondern um die Grundwerte, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, anzuecken. Falko Pietsch, der Mitbetreiber eines veganen Cafés in Dresden weiß das.

"Tatsächlich ist es so, dass es auch ein Anti-Vegan-Forum gibt und irgendwie 200 Menschen in Deutschland, die von VeganerInnen so frustriert sind, dass sie ihre Freizeit damit verbringen, deren Adressen im Internet offenzulegen und da taucht gegebenenfalls auch mal meine Name mit auf. Das sind aber keine Dinge, die mich jetzt großartig beunruhigen würden. Bislang hab ich noch keine zerstochenen Fahrradreifen und wenn man mich bei meinem Arbeitgeber anschwärzen möchte, wird der natürlich nur darüber lachen."

Tina Petzold und Rita Kuhnert haben keine DAX-Unternehmen. Die eine führt ein Geschäft für Kinderkleidung und Spielsachen. Und die andere ist Reiseveranstalterin für Individualreisen in die Karibik. Sie haben keine Bekenntnisse fürs Schaufenster. Aber sie haben eine klare Haltung. Beide Frauen sind in Dresden bekannt. Und sie wissen, dass sie sich mit ihrer Haltung angreifbar machen – kein Grund, auf Haltung zu verzichten. Oder auf Rückgrat. 

Tina Petzold: "Man macht sich angreifbar, wenn man sich in dieser Stadt gegen alles, was völkisch, reaktionär, rassistisch und antisemitisch konnotiert ist, stellt und auch dort positioniert."

Die Unternehmerin Rita Kuhnert engagiert sich in Dresden gegen Rechts.  (Deutschlandradio / Thomas Klug)Die Unternehmerin Rita Kuhnert engagiert sich für Vielfalt und Toleranz. (Deutschlandradio / Thomas Klug)
Rita Kuhnert: "Und hab eben gemerkt als Selbständige, ich kann es mir auch leisten, Haltung zu zeigen, weil über mir niemand steht, der sagt, das geht jetzt nicht, das passt nicht." 

Tina Petzold und Rita Kühne engagieren sich gegen die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen. Das bleibt nicht unbemerkt. Und es gefällt nicht allen. Haltung bleibt nicht unwidersprochen. Der Widerspruch ist nicht das Problem. Demokratie muss viele Meinungen ertragen. Das Problem beginnt dann, wenn der Widerspruch im Nazi-Gestus vorgetragen wird

"Ich war nicht einmal anwesend. Es war eine Mitarbeiterin da und es war eine Kundin da und es kamen zwei jüngere Männer rein und haben halt ´Sieg Heil` gerufen und sind wieder rausgegangen. Bei uns brannte mal ein Container vor der Tür oder mein Auto hat dann halt mal eine Beule. Solche Dinge passieren. Damit muss man in Dresden leben, ja. Das liegt daran, dass Menschen, denen ich in diesem Augenblick widerspreche und ihre in letzter Instanz tödlichen Ideologie widerspreche und das auch sehr klar und sehr deutlich mich natürlich in dem Widerspruch mich als Feindbild auserkoren haben und dann versuchen, ihre für sich selber wahrgenommene Hegemonie durchzusetzen."

"Ich hatte bisher viel Ruhe, muss ich sagen. Das liegt sicher auch an meinem Alter. Eine knapp 60-Jährige pöbelt sich schwerer an als junge Menschen. Aber ich habe jetzt die erste Postsendung im Briefkasten gehabt, gezielt für mich. Ein Haufen ausgeschnittener alte Nazi-Plakate, NDP-Flyer. Das ist mir jetzt das erste Mal passiert, dass es mich so direkt angesprochen hat. Dass mal auf der Straße einer sagt: ‚Solche wie euch müsste man hängen.‘ Die meinen uns alle. Das gehört dazu. Das kommt nicht allzu häufig vor, aber das passiert."

Kleine Händler engagieren sich, größere Firmen tun sich schwer

"Aber das passiert". Während sich kleine Händler engagieren, tun sich größere Firmen schwer. Es gibt etwas zu verlieren. Andere Firmen schweigen – aber sie spenden, z.B. an die AfD. Sich möchten das im Stillen tun, weil sie ahnen, dass ihr Engagement geschäftsschädigend sein kann. Falko Pietsch sieht die heimlichen Spenden als ein gutes Zeichen.

"Das weist ja immerhin darauf hin, dass diese Menschen befürchten, dass das schlecht auf den Beruf abfärbt und das wiederum lässt darauf hindeuten, dass die Mehrheit der Stadtgesellschaft sich mit diesen Positionen nicht anfreunden kann. Das heißt, dass es trotzdem Menschen gibt, die als Geldgeber und InitiatorInnen für rechte Veranstaltungen und Initiativen funktionieren, die das dann eben eher im Stillen tun. Das kann an sich beunruhigen. Aber dass sie es im Stillen tun, kann auch beruhigend sein – je nachdem, wie man es interpretiert."

Öffentlich werden solche Spenden erst ab einer bestimmten Summe. Zwei der drei größten Spenden aus der Wirtschaft an die AfD des Jahres 2017 stammen aus Sachsen, nämlich aus Chemnitz und Bautzen. Aber aus Sachsen kommen auch die Uhren von Nomos.
 
Judith Borowski: "Wir sind hier bei Berliner Blau, einer Tochterfirma von Nomos Glashütte. Hier kümmern wir uns um das Aussehen der Gehäuse, Armbänder, Schließen, aber auch um Möbel für Ladengeschäfte, um unsere Kataloge, für unsere Netzseiten, Fotografie und Film. Hier sehen sie unsere Presse und Media-Abteilung und Social-Media-Abteilung. 

Ein Offener Brief in Glashütte

Zitat: "1989 waren es die Sachsen, die als erste für die Demokratie auf die Straße gingen. Bei den Bundestagswahlen 2017 jedoch wurde hier eine Partei, deren Äußerungen oft außerhalb des demokratischen Spektrums liegen, stärkste Partei: die AfD. Auch in Glashütte gewann sie – hier sogar mit großem Abstand zur CDU."

Der Uhrenhersteller Nomos in Glashütte will nicht alles hinnehmen, was passiert. Dafür ist schon zu viel passiert. Die Unternehmensleitung entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Schritt – sie schreibt einen Offenen Brief.

Zitat: "Für uns gilt dies mehr denn je. Wir, Geschäftsführung und Mitarbeiter von NOMOS Glashütte, distanzieren uns ausdrücklich von jeglichem rassistischen Gedankengut."

Borowski: "Es hat nicht jeder Hurra geschrien. Es haben erstaunlich viele Hurra geschrien. Es gab etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gesagt haben, toll, dass Nomos das macht. Wir freuen uns, dass wir hier arbeiten. Ich glaube schon gespürt zu haben, dass es viel Zustimmung gab und viele Kolleginnen und Kollegen auch so ein bisschen stolz waren, bei Nomos zu arbeiten."

Zitat: "Wir werden helfen, das Terrain für Freiheit und Demokratie zurückzugewinnen. Natürlich nur ein kleines Stückchen davon. Denn wir fertigen Uhren, wir sind nicht in der Politik." 
 
Judith Borowski gehört zu den drei Unterzeichnern des Briefes.

"Natürlich können auch wir nicht davon ausgehen, dass bei Nomos Glashütte alle unserer Meinung sind. Das ist klar. Wir wollen auch niemandem vorschreiben, was er oder sie zu wählen hat. Das liegt uns sehr fern. Wir wollen nicht parteipolitisch Stellung beziehen. Wir wollen einfach nur signalisieren, dass für uns dieses Thema Weltoffenheit wichtig ist und sind eben der Meinung, dass Populismus darauf eine schlechte Antwort ist."

"Das ist uns ein bisschen auf die Füße gefallen"

Nomos ist mit dieser Haltung ein Risiko eingegangen. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, Stellung zu beziehen. Die Geschäftsführung wollte aber nicht nur nach außen wirken, sondern auch nach innen.

"Wir haben im letzten Jahr angefangen mit Open Saxony, einem Verein, der sich einsetzt für die demokratische Bildung in Sachsen, begonnen, Mitarbeiter-Workshops anzubieten auf freiwilliger Basis. Workshops, in denen es darum geht, die Argumente der Populisten zu durchleuchten und da die Luft rauszulassen oder einfach zu gucken, was ist denn da dran. Oder einfach über Ängste zu sprechen, was sind die Sorgen und Befürchtungen unserer Mitarbeiter, was kann einen bewegen, bei Pegida mitzumarschieren oder zumindest ins Zweifeln zu geraten, wie gehe ich damit um, wenn in meinem Team jemand anfängt, rechtspopulistische Parolen zu artikulieren.

Über diese Dinge können unsere Kolleginnen und Kollegen in diesen Workshops sprechen, ganz offen und ohne die Geschäftsführung und ohne die Personalabteilung, sondern mit den Mitarbeitern von Open Saxony. Das ist uns ein bisschen auf die Füße gefallen insofern, dass wir unterschätzt haben, welchen Nimbus politische Schulungen in Unternehmen in Ostdeutschland hat. Da haben wir einfach nicht genügend darüber nachgedacht."

In Glashütte gibt es zehn Uhrenfirmen, eine davon ist in Schweizer Hand. Keine wollte sich diesem Offenen Brief von Nomos anschließen.

"Da liegt das ein bisschen auf der Hand, dass die Schweizer Unternehmen, das vielleicht nicht tun oder sich gerne raushalten und sich in Neutralität üben. Bei den anderen Uhrenfirmen hätte ich mich auch gefreut, wenn die mitgemacht hätten, klar."

Dann hätten die anderen Firmen vielleicht auch aushalten müssen, was Nomos aushalten musste.
 
"Beleidigungen, ja, jede Menge angeblicher Kunden, die behauptet haben, sie würden jetzt ihre Uhren zurückschicken. Da kam dann aber nichts. Jede Menge Beschimpfungen einfach per eMail, auf Facebook, per Post. Allerdings gab es jetzt schon Fälle von Bewerbern, die ihre Bewerbung zurückgezogen haben, weil sie gemerkt hatten, dass wir da anders ticken."

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um Farbe zu bekennen? Das weiß man immer erst hinterher. Im Zweifelsfall ist es zu spät.

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