Seit 14:05 Uhr Kompressor

Mittwoch, 17.10.2018
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2011

Unterhaltsame Dramolette

Ingeborg Bachmann: "Die Radiofamilie", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 410 Seiten

Podcast abonnieren
Ingeborg Bachmann schrieb auch Manuskripte fürs Radio. (AP Archiv)
Ingeborg Bachmann schrieb auch Manuskripte fürs Radio. (AP Archiv)

Langsam werden auch die letzten Geheimnisse in der Vita der legendären Lyrikerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) gelüftet: nach Pubertätsgedichten, Liebesbriefen und allerlei privaten Eskapaden erscheint nun ein Band mit 15 frühen Radiohörspielen aus der Unterhaltungssparte.

Man wusste schon immer, dass Bachmann im Sender "Rot Weiß Rot" der amerikanischen Besatzungsarmee in Wien als "Skriptgirl" arbeitete. Sie selbst hat diese Tätigkeit allerdings im Nachhinein etwas heruntergespielt und sprach vor allem von Redigieren.

Dass sie an der damals populären Soap-Opera "Die Radiofamilie" mitarbeitete und 15 Folgen selbst federführend schrieb, wollte sie allem Anschein nach später nicht mehr an die große Glocke hängen. Gesendet wurden sie zwischen dem 16. Februar 1952 und dem 11. September 1953, und aufgefunden wurden die Typoskripte erst Ende der 90er-Jahre im Nachlass ihres damaligen Kollegen Jörg Mauthe.

Der amerikanische Germanist Joseph McVeigh gibt sie nun erstmals heraus und legt in seinem Nachwort naturgemäß großen Wert auf die Feststellung, dass man jetzt zumindest eine bestimmte Phase in der Werkentwicklung Bachmanns in ganz anderem Licht sehen müsse.

Das Überraschendste an diesen neu aufgefundenen Texten ist, dass Ingeborg Bachmann tatsächlich relativ regelmäßig Manuskripte für halbstündige Radiosendungen geliefert hat – unterhaltsame Dramolette, die einen durchaus größeren Aufwand an Dramaturgie, Personenführung und –charakterisierung brauchen und einen etwas längeren Atem. Wenn Bachmann dies tatsächlich alles selbst geschrieben hat – und alle von McVeigh benannten Indizien lassen darauf schließen – dann scheint sie, wenn wie hier die äußeren Sachzwänge konkret erfassbar waren, keinerlei Schreibblockaden und Wortfindungsprobleme gehabt zu haben. Fast wirkt es so, als habe sich Bachmann von ihren hochfliegenden künstlerischen Ansprüchen beim Schreiben dieser Szenen sogar erholt.

Das Figurenarsenal ist typisch und spezifisch wienerisch. Der Vater, Dr. Hans Floriani, ist Oberlandesgerichtsrat und ein korrekter, pflichtbewusster und hochanständiger Mensch, das Musterbeispiel eines ehrenhaften Bürgers. Sein Bruder Guido hingegen ist ein bunter Hund. Er hat eine Nazi-Vergangenheit, neigt zu Phantasterei und Verstellung und ist in der Lage, sich immer eine neue, angemessene Maske aufzusetzen.

Er sorgt in der Sendung für einen beträchtlichen Teil der Spannung und des Humors, und man kann vermuten, dass sich hier Bachmann auch einen Teil ihrer Familiengeschichte spielerisch vom Leibe zu schreiben versuchte: Guido trägt in seiner Nazi-Mitgliedschaft einige Züge ihres Vaters.

Es gibt noch die dazugehörigen Frauen, Kinder und Freunde, und auffällig ist der leichte, aber auch etwas erzieherische Ton, der von der amerikanischen Oberaufsicht gewünscht war. In manchen Passagen können bestimmte Erfahrungen und Interessen Bachmanns erkannt werden: so in einer Auseinandersetzung über moderne Kunst, in der Toleranz und Offenheit propagiert wird. Aber im Vordergrund stehen der Spaß sowie die Verwicklungen zwischen den einzelnen Personen, die auf eine pointenhafte Auflösung hinauslaufen.

Für Bachmann ist diese Zwischenzeit sehr aufschlussreich: im Mai 1952 tritt sie mit ihrem ersten Auftritt bei der Gruppe 47 in den bundesdeutschen Literaturbetrieb ein und übernimmt dort die Rolle der ätherischen Lyrikerin. Das süße Wiener Mädel lässt sie dabei schnell hinter sich. Aber dass etwas davon immer in ihr steckte, ist eine interessante Erkenntnis dieses Buches.

Besprochen von Helmut Böttiger

Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Joseph McVeigh
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
410 Seiten, 24,90 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Mein geliebtes Tagebuch, jetzt bin ich gerettet"
Aus dem Nachlass

Buchkritik

Perry Anderson: "Hegemonie"Von Führen und Gefolgschaft
Buchcover vor einer verschwommenen Grafik einer Weltkarte. (Suhrkamp / imago / Ikon Images)

Der Gebrauch des Begriffs "Hegemonie" änderte sich von der Zeit der Griechen bis in die Zeit nach dem Weltkrieg, wie der britische Historiker Perry Anderson nachzeichnet. Ein kenntnisreiches, theoretisch dichtes und zudem auch sehr lesbares Buch.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur