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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2013

Unterdrückte Wut macht krank

Jesper Juul: "Aggression - Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist", Fischer Verlag, 176 Seiten

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So friedlich muss es nicht immer zugehen (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
So friedlich muss es nicht immer zugehen (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Sollen Kinder friedlich sein und jeglichen aggressiven Antrieb unterdrücken? Nein, meint der Familientherapeut Jesper Juul. Die Unterdrückung von Wut und Aggression könne sogar die Seele krank machen. Juul ruft Eltern von aggressiven Kindern auf, die Wut des Kindes zu respektieren.

Kooperativ, sonnig, ein Friedensheld - so soll es sein, das heutige Kind. Boxen und schlagen, schreien und maulen, sich verweigern und sich aggressiv Platz verschaffen, das passt nicht ins schöne neue Bild.

Kindern jeden Ausdruck von Wut und Frustration zu verbieten ist nichts anders als Diskriminierung, klagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul in seinem temperamentvollen Buch "Aggression". In den letzten Jahren habe sich in Schulen und Kitas ein unheilvolles neues Tabu breitgemacht, das den sexuellen Verklemmtheiten früherer Jahre gleiche. Kinder, die aus berechtigten Gründen gegen ihre Umwelt aufbegehrten, würden in Sekundenschnelle als "dysfunktional" oder "Problemkind" gebrandmarkt, in Therapien geschickt oder mit moralischen Interventionen erstickt.

Was macht die Wut so wichtig, dass Jesper Juul ein ganzes Buch darüber schreibt? Zu Recht erinnert der Autor an eine Wahrheit, die schließlich auch Erwachsene in Therapien mühsam wieder lernen: Wut und Aggression sind als vitale soziale Affekte Teil eines erfüllenden Lebens. Ziele und Träume verwirklichen, Menschen intim begegnen, Krankheiten überwinden, politisch für Gerechtigkeit kämpfen - alles das ist ohne eine aggressive Grundierung nicht machbar. Darum, so argumentiert Jesper Juul schlüssig, greife die neue Moral auch so tiefgreifend in die kindliche Psyche ein: Während das Sex-Tabu jungen Menschen "nur" die Erfahrung von Lust und Nähe vergällt habe, untergrabe das neue Aggressionstabu ihr Selbstwertgefühl und setze damit sogar ihre geistige Gesundheit aufs Spiel.

Der Autor legt kein wohl temperiertes, klar gegliedertes Sachbuch vor, sondern schöpft vor allem aus persönlicher Meinung, Erfahrung und Empörung. Das liest sich zu weiten Teilen mitreißend. Doch es zersplittert auch in die verschiedensten Gangarten und Tonfälle - Ratgeber, Studie, Erfahrungsbericht, Manifest. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, der Text sei gar nicht am Stück geschrieben, sondern aus Juuls Wortmeldungen exzerpiert und zusammen gestellt worden; ein zweifelhaftes Verfahren, Bücher zu generieren. Dazu tauchen Thesen auf, die der Autor zwar im Brustton der Überzeugung zu Protokoll gibt, deren Plausibilität sich jedoch nicht erschließt. Wut meldet sich immer und ausschließlich dann, wenn ein Mensch an seinem Wert für andere zweifelt - tatsächlich?

Man müsste es Jesper Juul übel nehmen, wäre sein Anliegen nicht so relevant und im Kern präzise fassbar. Auch seine Lösungsvorschläge haben Hand und Fuß: Eltern überaggressiver Kinder sind von ihm aufgerufen, ihre Problemschwere abzulegen und stattdessen neugierig und anerkennend auf ihr Kind zuzugehen und auszuloten, worin die Frustration besteht. Vor allem aber sollten Erwachsene aufhören, vor Kindern wie Schauspieler zu agieren und ehrlich eigene Grenzen offenbaren. Wer sich eingesteht, dass Phasen der Frustration und Aggression zum Leben gehören, der kann auch aufhören, von seinen Kindern permanentes Glück zu verlangen.

Besprochen von Susanne Billig

Jesper Juul: Aggression - Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
Herausgegeben von Ingeborg Szöllösi
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2013
176 Seiten, 16,99 Euro

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