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Studio 9 | Beitrag vom 15.04.2019

Unter der Kontrolle des Assad-RegimesAleppo hofft auf bessere Zeiten

Von Anne Allmeling

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Eine Stadtansicht auf Aleppo mit einem großen Plakat des Staatspräsidenten Assad. (Anne Allmeling)
Seit zwei Jahren wird Aleppo wieder vom Assad-Regime kontrolliert. (Anne Allmeling)

Syrische Regierungstruppen kontrollieren Aleppo, doch große Teile der Metropole liegen noch immer in Trümmern, und der syrische Staat hat kein Geld für den Wiederaufbau. Die Korrespondentin Anne Allmeling schildert den Alltag der Menschen.

Seit zwei Jahren kontrollieren syrische Regierungstruppen wieder die gesamte Stadt Aleppo, doch große Teile der Metropole liegen noch immer in Trümmern – der syrische Staat hat kein Geld für den Wiederaufbau. Die Menschen, die dort leben, legen selbst Hand an: Sie bauen ihre Häuser wieder auf, öffnen ihre Geschäfte – und hoffen bereits auf die ersten Touristen.

Eine Gasse in der Altstadt von Aleppo. Die meisten Häuser sind zerstört, Schutt liegt in den Eingängen. Wo früher einmal Geschäfte waren, klaffen große Lücken. Kinder spielen zwischen dem, was noch übrig ist vom alten Basar. Die Gasse führt zu einem kleinen Tor. Abdul begrüßt seine Gäste – in einem Haus, wie es früher viele gab in der Altstadt von Aleppo. Anfang 2000 hat Abdul darin ein Boutique-Hotel eröffnet. Seine Gäste kamen vor allem aus Europa, das Geschäft lief blendend. Er blättert im Kundenbuch und sagt: "Ich hatte Kunden, ich habe ein Buch hier, Kundenbuch, Kunden bis Anfang 2011."

Schwieriger Wiederaufbau

Als der Volksaufstand in Syrien begann, blieben die Touristen aus – auch bei Abdul. Anfang 2012 verließ er Aleppo und zog zurück in sein Heimatdorf. Das Haus überließ er einer befreundeten Familie. Anders als viele Gebäude in der Nachbarschaft blieb Abduls Hotel während des Krieges weitgehend intakt; auch der große Zitronenbaum im Innenhof hat überlebt. Abdul war trotzdem schockiert, als er nach den jahrelangen Kämpfen zwischen Regierungsanhängern und ihren Gegnern nach Aleppo zurückkehrte. "Es war katastrophisch, ich meine: Alles ist kaputt", sagt er. Aber es werde jede Woche besser. Wie viele Menschen in der Stadt hat Abdul selbst Hand angelegt, Schritt für Schritt wieder aufgebaut, was zu Bruch gegangen war. "Die Leute in Syrien und in Aleppo, die Leute sind sehr aktiv", sagt Abdul. Viele hätten, so wie er, ihre Häuser und Geschäfte selbst renoviert.

Eine Frau arbeitet mit dem Vorschlaghammer inmitten von Trümmern in der syrischen Stadt Aleppo. (Mikhail Voskresenskiy / Sputnik Foto: Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )In vielen Gegenden von Aleppo müssen immer noch die Trümmer beseitigt werden. (Mikhail Voskresenskiy / Sputnik Foto: Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )

Ein paar Straßen weiter steht Mohammed vor seinem Geschäft. Es ist eines der wenigen, die in dieser Gegend geöffnet haben – die meisten Häuser sind stark beschädigt und stehen leer. Mohammed wartet auf Kundschaft. "In der Woche verkaufe etwas an zwei oder drei Kunden - ich danke Gott dafür." Wichtig sei, dass er den Leuten signalisiere, dass der Laden geöffnet habe, während die anderen geschlossen seien. 

Die Kinder sind gegangen

Mohammeds langes Gewand ist zerschlissen, tiefe Falten durchziehen sein Gesicht. Er sieht aus wie ein Greis – dabei ist er gerade einmal 62 Jahre alt. Mohammed hat viel durchgemacht in den vergangenen Jahren. Das Lager seines Ladens wurde bombardiert, seine beiden Häuser zerstört. Mohammeds Kinder haben Syrien verlassen. Seine Frau und er sind geblieben – und schlagen sich durch. Umgerechnet einen Dollar verdient Mohammed pro Tag. Für Essen und Trinken, Strom und Gas brauche er aber dreimal so viel, sagt er. Und oft werde den Händlern zusätzlich Geld abverlangt:  "Wenn ich die Ware  hierher bringe, fahre ich an mehreren Checkpoints vorbei. Sie sagen uns: Ihr müsst zahlen. Ich kann aber nicht zahlen, denn ich habe den ganzen Tag über nur einen Dollar verdient – wie soll ich da bezahlen?"

Mohammed sagt das, während ein Mann vom Informationsministerium dabei sitzt und zuhört. Der Ladenbesitzer deutet an, was vielen Menschen in Syrien zu schaffen macht, die weit verbreitete Korruption. Wer in Syrien etwas erreichen will, braucht Bares. Hilfe für den Wiederaufbau gibt es kaum, denn dem syrischen Staat mangelt es an Geld. Die Verbündeten Russland und Iran halten sich mit Aufbau-Hilfen zurück, der Westen ohnehin – aus politischen Gründen.

Kritik an Assad ist tabu

Ein großer Ärger für Fares Al-Shehabi, unabhängiger Abgeordneter für Aleppo im syrischen Parlament: "Die EU muss die Wirtschaftssanktionen aufheben", fordert er. "Das syrische Volk hat unter diesen ungerechten Sanktionen genug gelitten - wohingegen die Gangs, die Rebellen, die dschihadistischen Rebellen, die von der EU unterstützt wurden, unser gestohlenes Öl kostenlos bekommen. Sie bekommen Geld aus den Golfstaaten, sie können Waffen bekommen, aber gegen sie gibt es keine Sanktionen, nur gegen die säkulare Regierung und gegen das syrische Volk." Al-Shehabi lässt keinen Zweifel daran, dass er den syrischen Machthaber Baschar Al-Assad unterstützt. Kritik am Präsidenten ist tabu in den Teilen des Landes, die die Regierung kontrolliert.

Alaa, ein Krankenwagenfahrer, füttert Katzen in Aleppo.   (Hosam Katan)Alaa, ein Krankenwagenfahrer, füttert Katzen in Aleppo. (Hosam Katan)

In einer Fabrik außerhalb der Stadt duftet es nach Oliven und Lorbeer. Mazen Zanabili produziert wieder Seife, für die Aleppo weltberühmt ist. Selbst während des Krieges, als er wegen der Kämpfe nicht in seine Fabrik konnte, hat Mazen die Produktion nie ganz eingestellt. Er kochte kleinere Mengen zuhause in einem Zuber, um auf dem Markt präsent zu bleiben. Die erste große Charge aus der Fabrik ist fürs Ausland gedacht, sagt Mazen: "Ich exportiere nach Japan, Korea, China – und früher auch nach Frankreich und Italien. Mit Korea habe ich Handelbeziehungen seit mehr als zwölf Jahren. Seit drei oder vier Jahren bezieht auch China unsere Ware."

Ein Arbeiter drückt den Seifen-Stücken einen Stempel auf. Sie sollen die Mazens Marke unverwechselbar machen. Im Hof laufen mehrere Generatoren. Ein zusätzlicher Kostenfaktor, denn Strom gibt es in dieser Gegend noch nicht: "Die Fabriken, die 200 oder 300 Tonnen produzieren wollen, produzieren sie, auch wenn die Kosten der Treibstoffe steigen", sagt Mazen. "Die Treibstoffpreise erhöhen auch den Preis der Ware, aber es verhindert nicht die Produktion und was unsere Produktion verhindert hat, war die Kontrolle der Terroristen über unsere Gebiete."

Hoffnung für die Zukunft  

Seit gut zwei Jahren kontrollieren die Regierungstruppen die Stadt. Während der "Krise", wie die Menschen Syrien den Krieg nennen, hat Mazen auf sein Erspartes zurückgegriffen. Auch Abdul hat von seinen Reserven gelebt. Als Französischlehrer, Touristenführer und Hotelbesitzer hatte er vorher gut verdient. Was davon noch übrig ist, steckt er nun in sein kleines Hotel. Neue Matratzen, Vorhänge, Teppich, alles soll so schön wie früher werden.

"Ich hatte Gäste in September, letzten September 2018. Und die Atmosphäre hier war sehr gut, weil alle Zimmer okay sind." Aber offiziell gebe es bis heute noch keinen Strom in diesem Viertel.

Der soll bald kommen, so habe es die Regierung versprochen, sagt Abdul. Dann könne er sein Hotel wieder richtig öffnen – auch im Sommer, wenn es in Aleppo so heiß wird, dass die Klimaanlagen laufen müssen. Abdul lässt sich seine Zuversicht nicht nehmen. In diesem Jahr 2019 würden die Botschafter wieder öffnen und die Touristen wieder kommen.

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