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Interview | Beitrag vom 28.09.2020

UnsterblichkeitWir sind mehr als digitale Abziehbildchen

Kevin Baum im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Ein Handy fliegt durch die Luft, eine Hand versucht es aufzufangen. Im Hintergrund Wald. (Unsplash/Stanislav Kondratiev)
Kann ein digitales Ich den Traum von der Unsterblichkeit erfüllen? Der Philosoph Kevin Baum ist skeptisch. (Unsplash/Stanislav Kondratiev)

Das Internet und Künstliche Intelligenz könne uns unsterblich machen, sagen die einen. Es würden immer "Abziehbildchen" einer echten Person bleiben, sagt der Philosoph Kevin Baum. Auch digital würde der Mensch nicht wirklich unsterblich werden.

Die Idee der Unsterblichkeit fasziniert den Menschen. In der Literatur finden sich zahlreiche Geschichten vom ewigen Leben. Und vielleicht ist dieser Wunsch bald keine Zukunftsmusik mehr. Etwa, wenn es uns gelänge, einen möglichst echten digitalen Doppelgänger von uns zu erschaffen, der unseren Tod überdauert, behaupten Moritz Riesewieck und Hans Block in ihrem neuen Buch "Die Digitale Seele. Unsterblich werden im Zeitalter künstlicher Intelligenz".

Im Interview spricht Hans Block davon, dass Menschen mit ihrem Humor, ihrer Stimme und ihrer Sprache mit Hilfe von künstlicher Intelligenz imitiert werden könnten. 

Keine echte Unsterblichkeit

Auch nach dem Tod mit einer geliebten Person sprechen, sie um Rat fragen – diese Vision des ewigen, digitalen Lebens, sieht der Philosoph und Informatiker Kevin Baum von der Universität des Saarlandes derzeit allerdings nicht auf uns zukommen. Seiner Meinung handle es sich dabei lediglich um einen schönen Traum: Heute und künftige Dienste böten demnach "keine Unsterblichkeit". Ein Programm zu schreiben, das sich gegenüber Menschen täuschend echt als reale Person ausgibt, sei nicht möglich.

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Künstliche Intelligenzen funktionierten nur in bestimmten Kontexten, für die man sie trainieren könne, erklärt Kevin Baum, der für den Thinktank für gute Digitalisierung Algoright e.V. arbeitet. "Wir haben Daten für gewisse Gespräche. Ich kann zum Beispiel einen Chatverlauf zwischen Mutter und Tochter oder Mailverkehr und Interaktionen in sozialen Medien auswerten. Daraus kann man dann für einen ganz engen Kontext vielleicht etwas hinbekommen, was ein paar Minuten als Zaubertrick funktioniert. Aber das sind Abziehbildchen der echten Personen. Jedes echte Gespräch wird daran scheitern."

Ein komplementäres Konzept des Überwachungskapitalismus

Zwar könne sich die Erinnerungskultur durch die Digitalität sicherlich verändern, schätzt auch Kevin Baum. Allerdings glaubt er nicht, dass es "digitale Klone echter Menschen" brauche. Hinter solchen Ideen stehe am Ende ein "komplementäres Konzept zum sogenannten Überwachungskapitalismus".

"Wir sammeln Daten, um herauszufinden, wie wir bestimmte Nutzer dazu bringen können, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. Was Sie jetzt haben, ist: Sie nutzen diese Daten, die Sie sonst genutzt hätten, um zum Beispiel einem Nutzer personalisierte Werbung anzuzeigen, auf die er klickt, oder ihn dazu zu bewegen, ein bestimmtes Produkt zu kaufen. Was hier passiert, ist genau dasselbe Vorhaben. Es wird nur anders ausbuchstabiert."

(nho)

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