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Studio 9 | Beitrag vom 22.01.2019

Unsichtbare Obdachlosigkeit unter FrauenAus dem Leben einer Wohnungslosen

Von Anja Nehls

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Zwei Frauen gehen am Dienstag (01.11.2011) in Hamburg durch die Räume der neuen Winternotunterkunft für Obdachlose in der Spaldingstraße. (picture alliance / Angelika Warmuth)
Obdachlose Frauen betreten eine Winter-Notunterkunft. Tagsüber können sie die Räume nicht nutzen. (picture alliance / Angelika Warmuth)

Der Anteil der Frauen unter den Berliner Wohnungslosen steigt seit Jahren. Gründe dafür sind Altersarmut und die katastrophale Lage auf dem Wohnungsmarkt. Die meisten Frauen versuchen, nicht als Obdachlose aufzufallen. Eine von ihnen ist Sylvia.

Ein Bett mit Blümchenbezug, eine hölzerne Kommode, Tisch, Kühlschrank, ein kleiner Fernseher, und freundliche, rot karierte Gardinen an den Fenstern – das ist seit einem Dreivierteljahr Sylvias Reich.

"Mein Zimmer, mein persönlich privates Zimmer. Wo kein anderer was drin zu suchen hat. Das hier oben ist eine 7er-WG, mit sieben Personen. Das war so eingerichtet, bis auf ein paar kleine Accessoires. Ich mache auch nicht zu viel. In anderen Zimmern, da hängt wesentlich mehr, da liegt wesentlich mehr. Mir gefällt mein Zimmer so, wie es ist, aber ich möchte mich nicht zu wohlfühlen, denn ich möchte ausziehen."

Träumen von einer eigenen Wohnung

Sylvia träumt von einer eigenen Wohnung. Seit drei Jahren ist die 56-Jährige wohnungslos. Jetzt lebt sie immerhin nicht mehr auf der Straße. Die Menschen in den zwei schmucklosen 50er-Jahre-Bauten im Berliner Norden sind alle in derselben Situation. Als Heim oder gar als Obdachlosenasyl will Sylvia ihr derzeitiges Zuhause aber nicht bezeichnen, das hat etwas mit Stolz zu tun.

"Die haben einen ganz schönen Namen dafür: Beherbergung. Das klingt gleich ganz freundlicher und anders als Wohnheim, unter Wohnheim impliziert man immer irgendwas Negatives."

Für Sylvia war es die Rettung, von der Straße wegzukommen. Schräg gegenüber von ihrem Zimmer liegt die Gemeinschaftsküche der kleinen WG. Als erstes macht sie Kaffee. Heißen Kaffee, in einer sauberen, warmen Küche. Allerdings ohne Zucker. Sylvia ist Diabetikerin, übergewichtig. Die Hüfte und der Rücken machen Probleme.

Plötzlich obdachlos

Dennoch: Sie lacht viel und spricht offen über das, was sie erlebt hat. Dass sie bei einem Wohnungsbrand ihre Wohnung verlor. Für eine neue die Kaution nicht aufbringen konnte, weil ihr Mann ohne ihr Wissen Schulden gemacht hatte. Es kein Geld vom Amt gab, weil er Arbeit hatte und die beiden noch nicht geschieden waren. Anderthalb Jahre lebte Sylvia dann auf der Straße, schlief auf Parkbänken, in der S-Bahn oder in Notübernachtungen. Auf einmal obdachlos. Ein Schock:

"Die ersten Male, wo ich mich denn morgens bei der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo angestellt habe, um einen Kaffee zu kriegen, abends mir nochmal Stulle abzuholen, waren eine Überwindung, weil Du gerade an solch einem Fleck extrem mit dem Elend konfrontiert bist. Weil ja doch viele und speziell die Männer getrunken haben und nicht gewaschen und dreckig und schmutzig und stinken, ach, und dann stehst Du da als eine die… ach."

Als eine, die eigentlich gar nicht dazugehören will. Heute geht sie ab und an noch zu "Evas Haltestelle", einer Tagesstätte für wohnungslose Frauen im Wedding.

Immer Mittwochs gibt es hier ein großes Frühstück. Sylvia will alte Bekannte treffen. Von Freundschaften möchte sie nicht reden.

"Damals war ich jeden Tag da, weil man aus den Notunterkünften spätestes um acht morgens raus muss und abends um sieben erst wieder rein, was macht man denn den ganzen Tag?"

Hier können sich obdachlose Frauen tagsüber aufwärmen und essen, Spiele spielen, wer möchte, findet Hilfe und Beratung und nachts gibt es für 20 Frauen im Rahmen der Kältehilfe auch einen warmen Schlafplatz. Heute sind zwei Dutzend Frauen da.

"Verdeckte" Obdachlosigkeit bei Frauen

Obdachlosigkeit sieht man den wenigsten hier an. Typisch sei das bei Frauen, sagt Sylvia, die blonden Haare tipp topp frisiert, der Pulli sauber. Das sei auch so gewesen, als sie damals auf der Straße lebte:

"Wenn man wirklich Wert drauf legt, es ist umständlich und es ist schwierig, aber man kann trotz allem gepflegt und sauber rumlaufen und wenn man im Krankenhaus sich auf einer Besuchertoilette die Haare wäscht, da hat man wenigstens warmes Wasser..."

Sie hat versucht, ihr altes Leben aufrechtzuerhalten, so gut es ging. An ihrem Arbeitsplatz , in der Küche einer Berliner Beachbar, sollte nicht auffallen, dass sie keine Wohnung mehr hatte. Drei Wochen ging das gut, dann reichten ihre Kräfte nicht mehr:

"Meistens habe ich nachts in der S-Bahn gesessen und bin die Ringbahn gefahren und bin am nächsten Morgen arbeiten gegangen, ab und an habe ich mal einen Schlaflatz in der Notunterkunft gehabt."

Oft genug schlief sie auch draußen, solange bis die Scheidung vollzogen war, ihr nun wieder Geld vom Jobcenter zustand und ein Platz im Wohnheim. Kontakt zu alten Freunden und ihren drei erwachsenen Kindern und Enkeln hat sie die ganze Zeit über gehalten – und war immer ehrlich dabei. Es könne jeden treffen. Ganz schnell.

"Mir war es nicht peinlich. Vertuschen? Nein. Dass man nach außen nicht so aussehen möchte, ist ja was ganz anderes, dass man versucht, sich immer noch zu pflegen und zu machen, damit es eben nicht jeder sieht, das hat damit nichts zu tun, aber vertuschen? Nee!"

"Ich kann mich jeder Situation anpassen"

Kinder und Enkelkinder kommen sie regelmäßig hier besuchen – in der Beherbergung für Wohnungslose - in der sie sich immer noch jeden Tag über ihr warmes Bett, die Möglichkeit zum Kochen und Duschen freut.

"Trotzdem ist es nicht privat, privat ist nur mein Zimmer. Aber ich will da noch mehr. Sei es, dass man als Oma die Enkel mal übers Wochenende zum Schlafen hat. Wenn man eine eigene Wohnung hat ist vieles anders in der Hinsicht, mehr zu machen, als Oma oder auch als Mama, ja."

Sylvia ist optimistisch, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommt. Zur Zeit wird geprüft, ob sie für ein betreutes Einzelwohnen infrage kommt oder eine Wohnung über eine der Berliner Wohnungsbaugesellschaften bekommen kann. Irgendwann möchte sie auch wieder arbeiten. Bis jetzt sei sie an der Situation nicht zerbrochen, sagt sie, sondern eher stärker geworden:

"Ich kann mich jeder Situation anpassen, das ist so der richtige Begriff, ich glaube wenn ich ein Tier geworden wäre, wäre ich ein Chamäleon geworden."

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