Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

Breitband | Beitrag vom 19.09.2020

Unsichtbare JobsDer Mythos vom Verschwinden der Arbeit

Magdalena Taube im Gespräch mit Vera Linß und Teresa Sickert

Beitrag hören Podcast abonnieren
Illustration von einem Schalter, an dem alle Menschen in der Schlange für den menschlichen Mitarbeiter stehen und niemand zu dem Roboter-Mitarbeiter gehen will. (imago images / Ikon Images)
Auch im KI-Kapitalismus braucht es menschliche Arbeitskraft. Nur wird das im Alltag immer weniger sichtbar. (imago images / Ikon Images)

Krankenschwestern und Pflegern wurde am Anfang der Corona-Pandemie applaudiert. Den vielen Fahrern von Paket- und Lieferdiensten nicht. Sie sind unsichtbar geworden, weil wir nur noch mit Bestell-Apps interagieren.

Ein Klopfen an der Tür und man weiß: Das Essen ist da. Reden mit der Lieferperson? Nicht nötig. Das Paket von Amazon? Wird direkt in die Packstation geliefert, damit man nicht alle Nachbarn abklappern muss.

Wir leben in einer Zeit, in der Kundinnen und Kunden nicht mehr mit denen in Kontakt kommen müssen, die für die Waren verantwortlich sind. Doch nur weil wir nur noch mit Computern interagieren, sind die Menschen dahinter noch lange nicht verschwunden. Wir sehen sie nur einfach nicht.

Das sagt zumindest Magdalena Taube, die für das Projekt "Silent Works" von der "Berliner Gazette" verantwortlich ist. Die Ausstellung wird im November im Berliner Haus der Statistik zu sehen sein. 

Geklatscht wird nur selektiv

Ein Beispiel dafür, wie Arbeiterinnen und Arbeiter unsichtbar gemacht würden, sieht Taube darin, für wen zu Anfang der Corona-Pandemie vom Balkon geklatscht wurde. Dort sei es nur um die sogenannten systemrelevanten Berufe gegangen, während für Fahrerinnen und Fahrer von Getränke- oder Lebensmittellieferdiensten nicht geklatscht worden wäre.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Diese unterschiedliche Wertschätzung sei durch den Mythos, dass Arbeit verschwinde, zu begründen, so Taube:

Das könnte dazu führen, "dass man vielleicht auch selber in Zweifel zieht, ob man wirklich richtig arbeitet, wenn man keine Kolleginnen und Kollegen hat, mit denen man sich in der Pause trifft, weil man als Lieferfahrer unterwegs ist. Ich glaube, der Entmenschlichung von Arbeit wird durch viele Apps und Dienstleistungen, die wir heute nutzen, wirklich Vorschub geleistet."

Boykott ist nicht die Lösung

Trotzdem sei Taube zwiegespalten, wenn es darum gehe, ob Unternehmen wie Amazon boykottiert werden sollten. Sie versuche zwar selbst, im Alltag darauf zu verzichten und nachhaltig zu leben – auch im digitalen Raum. Andererseits sehe sie auch das Problem, dass ein Boykott dazu führen könne, dass Leute, denen es ohnehin finanziell nicht gut gehe, ihren Job verlören:

"Das ist der ewige Zwiespalt, den es halt gibt und den man auch einfach aushalten muss. Aber das heißt nicht, dass man nicht dafür kämpfen oder sich zumindest solidarisch zeigen kann mit den Arbeitskämpfen, die es gibt, und trotzdem auch mal bei Amazon etwas zu kaufen. Sobald man überhaupt anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, und auch vielleicht versucht, etwas anders zu machen, ist es schon, finde ich, eine gute Sache und eine gute Entwicklung."

(hte)

Mehr zum Thema

Breitband Sendungsüberblick - Das ist der Bringer!
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 17.08.2019)

Marktmissbrauch durch Amazon, Facebook & Google - Plattformen unter Verdacht
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 29.07.2020)

Selbstorganisierte Fahrradkuriere - Durch Berlin strampeln für das Kollektiv
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 23.03.2020)

Breitband

Corona-Warn-AppMehr als nur ein “Nice-to-have”
Das Corona-Warn-App Ikon auf einem Smartphone Display (Symbolbild). (picture alliance / NurPhoto / Jakub Porzycki)

Einen "zahnlosen Tiger" nannte Markus Söder die Corona-Warn-App: Seit ihrer Einführung wird die App immer wieder kritisiert. Doch trotz ihrer Schwächen könnte sie noch sehr wichtig werden, sagt Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur