Seit 20:03 Uhr In Concert

Montag, 18.02.2019
 
Seit 20:03 Uhr In Concert

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2011

Unsere nächsten Verwandten

Jutta Hof, Volker Sommer: "Menschenaffen wie wir. Porträts einer Verwandtschaft", Edition Panorama, Mannheim 2010, 189 Seiten

Podcast abonnieren

Das neue Buch des Primatenforschers Volker Sommer und der Fotografin Jutta Hof lebt in erster Linie von seinen erstaunlichen Abbildungen, gemacht in Zoologischen Gärten.

Er legt die Hand an die Schläfe, richtet den Blick zur Seite. Lebenserfahrung liegt darin, Skepsis, Altersmüdigkeit. Was denkst du, möchte man ihn fragen. Antworten wird er nicht. Nicht so wie wir - in Menschensprache, mit Menschenworten.

Nur das Glas habe sie wegfotografieren müssen, erklärt die Tierfotografin dazu. So einfach kann es nicht gewesen sein, denn es gehört eine Haltung dazu, Tiere auf diese Weise zu zeigen: Weit entfernt von der üblichen Sachbuch-Illustration lassen die Bilder Persönlichkeiten und Psychogramme erkennen, Momente der Zärtlichkeit und der Wut, Augenblicke des Nachdenkens, des Lächelns, der tiefen Entspannung. Was eigentlich unterscheidet die und uns? Nicht sehr viel, sagt das Buch.

Für die auf Deutsch und Englisch abgedruckten Inhalte zeichnet Volker Sommer verantwortlich. Zwischen biologischer Hintergrundinformation und philosophischen Reflexionen wandeln seine angenehm geradlinig geschriebenen Texte. Darin stellt er die verschiedenen Arten der großen Menschenaffen vor, skizziert ihre Evolution, ihr Verhalten, ihre Sozialstrukturen und ihre Zukunft auf unserem Planeten. Immer wieder überrascht der Autor mit selten gehörten Details - von Vergewaltigungen bei Orang Utans bis hin zu den winzigen Zweizentimeter-Penissen riesiger Gorilla-Männer und all dem, was sich an biologischen Überlegungen daraus ableiten lässt.

Weil es ihm ein Anliegen ist, richtet der Forscher seinen Blick konsequent auf die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und den anderen großen Menschenaffen: Das lebenslange Lernen, der feste und präzise Griff der Hände, der Gebisswechsel als Kind, die Bedeutung der Augen für die Orientierung im Raum, der dreidimensionale und farbige Seheindruck. Moderne Primatenforscher sprechen längst auch bei unseren tierischen Brüdern und Schwestern von "Kulturen", die regional variierend ausgebildet werden. Hier wird Werkzeug benutzt, dort auf keinen Fall. Hier geht man gerne schwimmen, dort würde man nie einen Zeh ins Wasser tauchen. Hier werden Wunden mit Blättern betupft, dort mit Stöckchen massiert.

Dazu kommt die gefurchte Großhirnrinde, die allen Hominiden lebenslanges Lernen und Neugier beschert. Entsprechend lang dauert die Kindheit der Einlinge, um die alle Arten sich jahrelang aufwendig kümmern. Weil der Lebensentwurf der Hominiden auf ein hohes Alter angelegt ist, brauchen sie am Anfang ihres Lebens viel Zeit, um ihre Möglichkeiten spielerisch zu erproben. Schimpansenkinder spielen sogar mit Puppen, erzählt das Buch: Sie tragen kleine Stöcke mit sich umher, die sie hegen und pflegen und abends mit ins Schlafnest nehmen.

Dem Buch könnte der Vorwurf gemacht werden, unsere nächsten Verwandten in Bild und Text zu vermenschlichen. Folgt man den Autoren, gibt es dafür viele gute Gründe.

Besprochen von Susanne Billig

Jutta Hof, Volker Sommer: Menschenaffen wie wir. Porträts einer Verwandtschaft
100 Fotografien, Text zweisprachig (deutsch/englisch)
Edition Panorama, Mannheim 2010
189 Seiten, 58,00 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Schimpansenkinder als Puppenmütter
Evolution des Lachens

Buchkritik

Kenah Cusanit: "Babel"Eine Ausgrabung als Komödie
Cover des Buchs "Babel" von Kenah Cusanit (Haner Verlag / Liszt Collection)

Vom bedeutendsten archäologischen Abenteuer der Deutschen im Orient handelt der Roman "Babel". Humorvoll erzählt er, wie ein Architekt Babylon ausgrub und welche Rolle die englische Orient-Strippenzieherin Gertrude Bell dabei spielte. Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Literarisches ElementLuft zum Lesen
Mehrere Windmühlen stehen in einer Landschaft in Spanien (Panthermedia/imago)

Als Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte, blieb dem ein oder anderen Leser die Luft weg. Das unsichtbare Element taucht in vielen Romanen auf - sei es das Lungensanatorium bei Thomas Mann oder die Luftverschmutzung bei Monika Maron.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur