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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.10.2006

Unser Opium oder: Rock gegen Rechts

Von Sophie Dannenberg

Sophie Dannenberg (Doris Klaas)
Sophie Dannenberg (Doris Klaas)

Lothar, für die Freunde Lothi, verdient unter Denkmalschutz gestellt zu werden. Er ist der immerwährende, selbstaktivierte Politik-Google. Wer einmal in seinen Mailverteiler gerät, bekommt regelmäßig Postings über Ölmachenschaften der US-Regierung, Jung-Nazis in Meck-Pom oder auch über Rosa-Luxemburg-Gedenkveranstaltungen.

Lothi ist von Kopf bis Fuß auf Politik eingestellt. An seiner Wohnküchenpinnwand hängt ein Zettel mit Tipps für Demonstranten – was man machen soll, wenn die Bullen einen kriegen und welchen Anwalt man anrufen soll und so ne Sachen. Lothi geht regelmäßig auf Demos, so wie andere Leute zum Kegeln gehen. Lothi ist Antifaschist.

Neulich kam er mal zu spät zur Arbeit. Rotwangig, aufgedreht, sprudelnd vor Glück. Seine Augen leuchteten, sein Atem flog. Was war geschehen? Lothi hatte nicht seine große Liebe gefunden. Er hatte nicht im Lotto gewonnen. Und Hertha hatte auch nicht gesiegt. Aber sein Traum hatte sich erfüllt. Lothi, der Antifaschist, war in der Berliner U-Bahn einem Neonazi begegnet. Mitten in Kreuzberg, am Kotti. Keinem Nazi, wie ihn die Heyes und die Staecks als allgegenwärtiges Gespenst an die Wand malen, sondern einem lebenden, abgedrehten Unterschicht-Jungen, einem, der gehen und stehen und sich schneuzen kann und trotzdem ein echter Neonazi ist.

Nun hätte Lothi ja bekümmert sein können, enttäuscht, erschrocken oder angewidert. War er aber nicht. Er glühte vor Stolz. Er hatte jenen entschlossenen und zugleich erlösten Ausdruck im Gesicht, den einer hat, der auf eine Goldmine stößt oder sein geklautes Fahrrad wiederfindet. Genau so muss Captain Ahab in die Abendsonne gestarrt haben, als er seinen heiß-geliebten, heiß-gehassten Moby Dick durch das Fernglas zum ersten Mal erspähte.

Jetzt wusste Lothi, dass auch er, wie alle, tatsächlich von Nazis umgeben, umlauert und bedroht ist. "Dieses Nazischwein", keuchte Lothi mit heroischem Beben in der Stimme. Dann beschrieb er ihn in allen entsetzlichen Details und dann noch mal. Er konnte sich gar nicht halten. Das fiel auf, denn normalerweise war Lothi von bedeutsamer, freundlich wortkarger, revolutionärer Gelassenheit wie Joseph Stalin oder Bertolt Brecht oder Mischa Wolf. Schließlich flüsterte ein Kollege den anderen zu: "Wisst ihr was, der hat sich den Nazi bloß ausgedacht." Anders konnte er sich den Schwall und die Euphorie nicht erklären.

Wie auch immer, Lothi brauchte sich den Nazi jedenfalls nicht zu erfinden, der Nazi war ihm von selbst erschienen, in der U-Bahn. Seit dem 8. Mai 1945 musste der sich da im Dunkel versteckt und nur auf Lothi gewartet haben. Jetzt kam er wieder hervorgekrochen. Durch ihn wurde Lothis Vertrauen in den Sinn des antifaschistischen Kampfes neu entfacht. Dieser Nazi war die Verkörperung der historischen Notwendigkeit, die Legitimation des "Kampfes gegen Rechts". Bei Tieren, bei Vögeln etwa, gibt es ein vergleichbares Phänomen. Wenn die männlichen Tiere während der Balz kein Weibchen finden, balzen sie irgendwann alles an, Steine, Zweige, Zaunpfähle, Schuhe. Sie sehen das Weibchen tatsächlich vor sich. So ähnlich brauchen die Guten die Bösen, die Teufelsaustreiber die Teufel, braucht die Antifa die Nazis.

Vor ein paar Jahren lief mal ein Werbespot irgendeiner Initiative für Zivilcourage. Neonazis belästigten in der Bahn einen Ausländer. Die anderen Fahrgäste verständigten sich mit jenen pfiffigen, verschwörerischen Blicken, mit denen Franz Josef Degenhardt bei seinen Konzerten ins Publikum blinzelte, und schmissen die Nazis aus dem Zug. Danach standen die Fahrgäste glücklich lachend in der Tür, und draußen schien die Sonne. Das Problem bei dem Spot war nur, dass dieser Zug schon seit 1945 nicht mehr in Betrieb ist.

Rückwirkend lässt sich Widerstand nicht leisten, und eigentlich weiß das jeder, außer Günter Grass vielleicht und Walter Jens und Professor Schwerte, alles Leute, die gewissermaßen gegen sich selbst unerbittlich Widerstand leisten – seit 60 Jahren.

Welche Funktion also hat der U-Bahn-Nazi, der Lothi in jenen triumphalen antifaschistischen Rausch versetzte? Er gibt unserem Lothi – und nicht nur ihm - Sinn und Verstand und Perspektive. Er befreit ihn aus dem banalen und blöden Alltag. Er sichert ihm Orientierung in einer Wirklichkeit, die täglich bedrohlicher und komplexer wird. Mit dem im Hintergrund ständig lauernden Nazi weiß man wieder, woran man ist. Rock gegen Rechts ist unser Opium für das Volk, und unerkannt bleiben die herrschenden Verhältnisse. Lothi und seinesgleichen fühlen sich sicher in ihrer Idylle aus aufgeklärten und mutigen Mitmenschen. Unterdessen wechselt das Böse in aller Ruhe seine Gestalt – wieder und wieder, damals wie heute.

Sophie Dannenberg, Autorin. Geboren 1971 in Gießen, studierte Philosophie und Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften in Bayreuth sowie Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie auch lebt. 2004 veröffentlichte sie den Roman "Das bleiche Herz der Revolution" über die Kinder der 68er.

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