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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.05.2011

Unschuldig in ein Wüstenlager verschleppt

Buchempfehlungen Mai - Abbas Khider: "Die Orangen des Präsidenten"

Der Protagonist Mahdi überlebt zwei Jahre des Hungers, der Erniedrigung und der falschen Hoffnung. (Thomas Bade)
Der Protagonist Mahdi überlebt zwei Jahre des Hungers, der Erniedrigung und der falschen Hoffnung. (Thomas Bade)

In diesem Roman, der von den Jahren 1989 bis 1991 im Irak erzählt, begegnen wir dem Ich-Erzähler Mahdi in Nasrija am letzten Tag seiner Abiturprüfung.

Mahdi ist ein fleißiger junger Mann, der zusammen mit seinem Freund Ali fürs Abi gepaukt hat. Er lebt, weil seine Eltern gestorben sind, bei seinem nicht besonders soliden Onkel und dessen Familie. Er hat ein großes Hobby, die Taubenzucht. Nach dem Abitur möchte er an einer Pädagogischen Hochschule studieren, vielleicht, weil sein Vater, der seit dem Iran-Irakischen Krieg, dem Ersten Golfkrieg in den 80er-Jahren, als verschollen gilt, Geografielehrer war.

Der Muslim Mahdi ist in einer Umgebung aufgewachsen, in der andere Religionen toleriert werden. Im Roman wird ein Osterfest bei der christlichen Familie seines Freundes Jack geschildert. Der Wein, den die Gastgeber trinken, so erklärt es Jack, sei ein Symbol für das vergossene Blut Christi. "Machst Du Witze?" fragt Mahdi. "Nein, echt", antwortet Jack, "glaub mir! Stell dir mal vor! Meine Eltern trinken jetzt Blut!". Das sind starke Momente in diesem an eigenen Erfahrungen entlang geschriebenen Roman.

Die dramatische Wende in diesem jungen Leben beginnt mit dem Ruf: "Keine Bewegung". Die "Welt war ausgeknipst". Mahdi wird zusammen mit Ali festgenommen, wie er später erfährt, "aus Versehen", und in ein Lager in der Wüste verschleppt.

Ali, der in irgendwelche Machenschaften verstrickt zu sein scheint, wird umgebracht. Mahdi überlebt zwei Jahre des Hungers, der Erniedrigung und der falschen Hoffnung - zum Beispiel, am Geburtstag von Saddam Hussein begnadigt zu werden. Doch statt eines Amnestieschreibens erhalten die Gefangenen eine Blutorange. So symbolträchtig perfide kann Gnade sein.

Abbas Khider beschreibt Mahdis fatale Lebensumstände und die Entlassung aus dem Lager mit einer Poesie, die aus der irakischen Umgangsprache kommt, in der das Wort Gefängnis mit den Begriffen "hinter der Sonne" umschrieben wird. Sein Erlebnisbericht voller eindringlicher Schilderungen und Informationen über die politische Lage im Irak ist für einen Autor, der in einer Sprache schreibt, die er erst vor zehn Jahren gelernt hat, bemerkenswert.

Mahdis Geschichte endet mit der Flucht aus Nasrija in ein Flüchtlingslager der Alliierten. Die Amerikaner führten zu dem Zeitpunkt Krieg mit dem Irak, dessen Auslöser der überraschende Einmarsch der Iraker in Kuwait war. Dieser Zweite Golfkrieg, von den USA "Operation Desert Shield" genannt, hieß im Irak "die Mutter aller Kriege".

In unserer Gegenwart der Revolutionen und Bürgerkriege in Tunesien, Ägypten und Libyen führt dieses beeindruckende Buch in die grausame Wahrheit des Krieges und erklärt die Mentalität der Menschen im ältesten sumerisch-babylonischen Kulturland.

Besprochen von Verena Auffermann

Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten
Roman
Edition Nautilus, Hamburg 2011
155 Seiten, 16 Euro

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