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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2012

Unromantische Arktis

Sara Wheeler: "Leben in der Arktis", Malik National Geographic, München 2012

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Packeis mit treibenden Eisschollen in der Barentssee von Norwegen. (picture-alliance/ dpa)
Packeis mit treibenden Eisschollen in der Barentssee von Norwegen. (picture-alliance/ dpa)

Die Arktis: das sind Bilder von Eiswüsten, einer schütteren Pflanzenwelt, Eisbären, Walen und Walrössern. All das gibt es; es gibt aber auch Müllhalden, zerstörte Natur und Völker, deren Zukunft trübe ist. Die englische Journalistin Sara Wheeler sorgt dafür, dass wir das eine nicht mehr ohne das andere denken können.

Innerhalb von zwei Jahren ist Sara Wheeler in alle arktischen Länder gereist: Sibirien, Alaska, Kanada, Grönland und die Skandinavischen Staaten. Sie durchstreifte Nordskandinavien mit Hirten, sie interviewte Wissenschaftler auf dem grönländischen Inlandeis, fuhr mit einer Lkw-Fahrerin durch Alaska, besuchte Biologen auf Spitzbergen und durchkreuzte auf einem russischen Eisbrecher das Polarmeer. Danach schrieb sie ein durch und durch unromantisches Buch - voll gepackt mit historischen, geographischen und ethnologischen Fakten, gründlich recherchiert und gut geschrieben.

Stand das Eis der Arktis jahrhundertelang nur einer schnellen Ost-West-Schiffsverbindung im Weg, so wurde es ab den 1930er Jahren richtig interessant. Damals realisierte man, welche Schätze im Nordpolarraum liegen. Bereits heute werden hier ein Zehntel der Weltöl- und ein Viertel der Weltgasvorräte gefördert - Tendenz steigend. Mit dem Ergebnis: Jeder Anrainerstaat zerstörte die Kultur und Lebensgrundlagen der Ureinwohner. Die Russen zwangen zu Sowjetzeiten die nomadischen Jäger in Dörfer und legten in der Tundra Straflager an. Die Amerikaner fielen in Alaska mit Geld ein und begannen Öl zu fördern, ebenso zunächst die Kanadier. Die Schweden und Finnen holzen den Wald nieder. Und die Ureinwohner verfielen dem Alkohol oder starben an eingeschleppten Krankheiten.

Sara Wheeler schreibt sachlich, mitunter witzig, aber immer voll Zuneigung zu den Menschen. Sie schreibt über Inuit, die barfuss auf dem Eis stehen, weil die Robben, das Knirschen des Schuhleders auf dem Eis hören; über Sami, die früher ihre Rentiere mit den Zähnen kastrierten, heute aber jedes Tier bei der EU registrieren lassen müssen und sie schreibt über eine Inuit-Frau, die in schlimmsten Verhältnissen lebt - die gesamte Familie betrunken und unter Dauer-TV-Berieselung - die sich aber irgendwo ein Gefühl für ihre Kultur bewahrt: "Woher ich komme, spüre ich, wenn ich im Frühjahr das milchige Eis auf dem Bach brechen sehe."

Sara Wheeler hat aber auch Wissenschaftler besucht, die Eiskerne aufbohren, um Klimaänderungen nachzuspüren, und andere, die messen, wie sich die Temperaturen in den Permafrostgebieten ändern. Taut die Tundra, setzt sie unvorstellbare Mengen Kohlendioxid und Methangase frei - der Treibhauseffekt auf der Erde wäre nicht mehr aufzuhalten. Und so wird Wheelers Buch eine Erinnerung und Warnung. Erinnerung daran, wie die Arktis war (und in Teilen noch ist) - ein unberührter Naturraum von erhabener Größe. Warnung davor, dass die Menschheit sie aufs Spiel setzt - mit unvorhersehbaren Folgen.

Besprochen von Günther Wessel

Sara Wheeler: "Leben in der Arktis. Meine Reisen jenseits des nördlichen Polarkreises"
Aus dem Englischen von Thomas Bertram
Malik National Geographic, München 2012
368 Seiten, 14,99 Euro

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