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Kompressor | Beitrag vom 25.03.2020

"Unorthodox"-Schauspieler Jeff WilbuschAls Moishe kam das Jiddische zurück

Von Charlotte v. Bernstorff

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Szene aus der Miniserie "Unorthodox": Zwei ultraorthodoxe Juden laufen mit einem Gepäckwagen vor einem Flughafen entlang. (Anika Molnar/Netflix)
Für die Serie "Unorthodox" ist Jeff Wilbusch (l) in gewisser Weise in seine eigene Familiengeschichte zurückgekehrt. (Anika Molnar/Netflix)

In der Netflix-Serie "Unorthodox" spielt Jeff Wilbusch einen ultraorthodoxen Juden. Mit der Rolle des Moishe kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: Der Schauspieler ist in einer streng religiösen Familie aufgewachsen – und verließ sie mit 13 Jahren.

Ich habe Jeff Wilbusch vor acht Jahren kennengelernt, als er Schauspiel in München studierte. Wegen seiner offenherzigen Art kam er mir sofort vor wie ein alter Freund. Inzwischen spielt er an großen Theatern und ist in der Serie "Bad Banks" zu sehen.

In der Verfilmung von "Unorthodox" stellt er einen Ultraorthodoxen dar, der die geflohene Esty zurück in ihre strengreligiöse Gemeinschaft in Brooklyn holen soll. Die Rolle ist für ihn in besonderer Weise eine Herausforderung.

"Schalom!" – "Israel? Zionisten! Wir kommen aus New York, den Vereinigten Staaten von Amerika. Wurde ein Paket für mich abgegeben?"

Dann fragt Jeff bei der Synchronregie nach: "War es genuschelt?"

"Wenn du es selber sagst, schenk mir noch eine! Und bleib in der Artikulation so stark, wie du es vorne hattest. Ich will dir dieses Schmutzige nicht nehmen, das finde ich super für ihn, den Abgrund, aber ein bisschen, minimal, du hast ja was zu sagen! Gerne noch mal eine druff, etwas artikulierter."

Jeff spricht mehr als fünf Sprachen. Neben Jiddisch und Hebräisch Englisch, Holländisch und etwas Russisch.

Aufgewachsen in einer ultraorthodoxen Familie

In seiner Wohnung in Neukölln erzählt mir Jeff nach dem Synchrontermin zum ersten Mal persönlich seine Geschichte. Wie die Autorin des Romans "Unorthodox", Deborah Feldman, ist auch er aus einer ultraorthodoxen, chassidischen Gemeinde ausgestiegen. "Meine ganz nahe Familie, also Eltern und Geschwister, habe ich verlassen, als ich 13 war", sagt er.

Jeff ist das älteste von 13 Kindern. Seine Eltern kommen aus liberalen Familien, haben sich jedoch entschieden, den Chassidim beizutreten. Eine Leistung, sagt Jeff, denn so leicht wird man dort nicht akzeptiert. Sie müssen besonders strenggläubig sein, um dazu zu gehören.

Jeff: "Man sagt im Jiddischen: Ein Gewoirener ist ärger wie ein Geboirener."

Frömmigkeit, Antizionismus und viele Kinder

Auch das Jiddische mussten seine Eltern sich erst aneignen. Die Chassidim sind Antizionisten, sie sind gegen den Staat Israel. Und sie sehen die Shoah als eine Strafe Gottes für mangelnde Frömmigkeit.

"Die Chassidim waren schon lange vorher isoliert und gegen die Aufklärung", erzählt Jeff. "Aber der Holocaust ist ein Riesenthema. Und das ist mir auch klarer geworden mit der Serie, dass sie die sechs Millionen zurückwollen. Früher hatte man sechs Kinder gemacht, jetzt haben sie 13, 14."

Schon als Kind fühlt sich Jeff dort fehl am Platz: "Ich hatte das Gefühl, ich pack’s einfach nicht, ich muss weg, ich muss weg."

Kurz nach seiner Bar Mizwa zieht er zu entfernten Verwandten. Für seine Eltern schwer zu akzeptieren: "Ich glaube, sie waren voller Angst und wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen und haben erst mal den Kontakt abgebrochen, nachdem sie verstanden hatten, dass ich nicht mehr zurückkomme."

Jiddisch-Premiere

In der Serie spricht Jeff zum ersten Mal Jiddisch vor der Kamera:

"Die Sprache ist mir auch verloren gegangen. Man sagt auch: Jiddisch red man nich, Jiddisch red sich, also redet sich von alleine. Und jetzt in dieser Figur als Moishe habe ich wieder die gleichen Klamotten. Und plötzlich, die Art und Weise, wie es auf dem Kopf sitzt, das hat mich total zurückgebracht."

Der Schauspieler steht in hellem Sweatshirt nahe der Spree: Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und lächelt.  (Deutschlandradio / Charlotte von Bernstorff)Er synchronisiert sich selbst: Jeff Wilbusch in der Nähe des Synchronstudios an der Spree in Berlin. (Deutschlandradio / Charlotte von Bernstorff)

Das hat ihn auch seiner Familie wieder nähergebracht. Seit dem Angebot für die Rolle hat Jeff wieder mehr Kontakt. Man merkt ihm an, wie glücklich ihn das macht, trotz der Unterschiede. Er zeigt mir auf dem Handy stolz die Fotos seiner vielen Nichten und Neffen:

"Mit meinen Geschwistern ist es schon eine andere Welt. Ich komme mit meinem iPhone und meine Mutter, sehr lieb und vorsichtig, sagt mir, weil meine Schwester fragt, ob sie jemanden anrufen kann: 'Wir wollen nicht, dass sie ein iPhone anfasst.'"

Er bereut es nicht, ausgestiegen zu sein, und kann sich dieses Leben für sich nicht vorstellen. Aber eine Sehnsucht, dazu zu gehören, merkt man ihm trotzdem an.

Leben wie vor 300 Jahren

"Es ist wie ein Stetl vor 300 Jahren, und man sieht Leute mit schwarzen Socken bis hier, so 13-Jährige mit den Klamotten, laufen Hand in Hand, suchen etwas, alles ist so... Es hat eine Schönheit. Das sage ich nicht, weil ich keine Kritik habe, oder sage, das alles ist total toll da."

Es kostet einen Preis, wie vor 300 Jahren zu leben. Zugleich hat auch Jeff einen Preis bezahlt, indem er seine Familie verlassen hat.

"Plötzlich ist mir klar geworden beim Dreh: Ich wäre sehr traurig, wenn es keine Ultraorthodoxen, keine Chassidim mehr gäbe. Das wäre, als ob meine Familie weg wäre, ein Teil von mir sterben würde."

Die Serie zeigt vor allem die drastische Seite dieses Lebens in Frömmigkeit – aus Sicht einer Frau. Doch Jeff hat über die Rolle nach vielen Jahren wieder einen Zugang zu seiner Vergangenheit gefunden.

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