Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 30.01.2008

Unmögliche Heimat

Die Rückkehr jüdischer Emigranten nach Westdeutschland

Von Otto Langels

Der Jüdische Weltkongress bezeichnete 1948 Deutschland als Friedhof, auf dem jüdisches Leben niemals wieder gedeihen könne. Dennoch kehrten in den Nachkriegsjahren auch zahlreiche Menschen jüdischen Glaubens in ihre Heimat zurück.

Julius Schoeps: "Ich konnte kein Wort Deutsch, saß im Zug - ich kann mich noch erinnern ganz dunkel -, ich wurde von einem Studenten abgeholt meines Vaters. Von Flensburg bis nach Erlangen saß ich in zugigen Eisenbahnwaggons, man saß sich gegenüber, die Menschen hatten todtraurige Gesichter. Und ich kann mich erinnern, dass ich die ganze Zeit geheult habe."

Es waren nur wenige Juden, die - wie die Familie von Julius Schoeps - nach dem Ende des NS-Regimes wieder dorthin gingen, wo man sie kurz zuvor noch mit mörderischem Fanatismus verfolgt hatte. Von den knapp 300.000 jüdischen Flüchtlingen kamen nach dem Ende des Dritten Reiches vermutlich nicht mehr als 10.000 zurück - in ihrem Gepäck die Erfahrungen von Vertreibung und Exil. Julius Schoeps wurde während des Zweiten Weltkriegs in Stockholm geboren.

Julius Schoeps: "Mein Vater verließ am Weihnachtsabend 1938 Deutschland, und zwar über den Flughafen Tempelhof, weil er davon ausging, dass man am Weihnachtsabend nicht so aufpassen würde. Er gehörte zu 100 Personen, die Deutschland auf keinen Fall verlassen sollten. Und er kam in Schweden an mit 10 Reichsmark in der Tasche, soviel durfte man damals mit rausnehmen und musste dann dort sein Leben fristen. Und was er gemacht hat, er saß in den Archiven und Bibliotheken und schrieb sich die Finger wund. Er verließ nach sieben Jahren Schweden wieder mit sieben Kilo Manuskripten, daraus wurden dann in den nächsten Jahren sieben Bücher."

Zwei Jahre später holte Hans-Joachim Schoeps seinen Sohn nach. Der amerikanische Historiker Anthony Kauders hat unter dem Titel "Unmögliche Heimat" kürzlich eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik veröffentlicht. Darin beschreibt er, warum sich einige Emigranten trotz innerer Widerstände zu einer Rückkehr entschlossen.

Anthony Kauders: "Entweder konnte man einfach in Israel oder Palästina nicht leben wegen des Klimas, wegen der Sprache, wegen der beruflichen Situation. Man kehrte zurück wegen der Wiedergutmachungszahlungen in Deutschland, weil man sich erhoffte, dann von einer kärglichen Rente hier in der Bundesrepublik zu leben. Es waren ökonomische Gründe, sprachlich-kulturelle Gründe. Man hat es irgendwie nicht geschafft, anderswo Fuß zu fassen."

Die Remigranten plagten meist Schuldgefühle, weil sie sich Vorwürfen ausländischer jüdischer Organisationen ausgesetzt sahen, sie lebten aus materiellen Beweggründen im "Land der Täter". 1948 bezeichnete der Jüdische Weltkongress Deutschland als Friedhof, auf dem jüdisches Leben niemals wieder gedeihen könne. Im November 1949 berichtete der israelische Konsul in München an sein Außenministerium, die in Westdeutschland verbliebenen Juden seien ein "Element, das von einer ideellen Haltung weit entfernt" sei. "Kaltschnäuzigkeit und Kontoguthaben" seien die "einzigen Grundlagen ihres Lebens". Und wiederum ein Jahr später empfahl die jüdische Exil-Zeitung "Aufbau" aus New York, die "rascheste Abwanderung der sogenannten 'Konjunktur-Juden‘ wäre dringend erforderlich."

Als diese harschen Äußerungen fielen, waren allerdings noch gar keine Entschädigungen an die NS-Opfer gezahlt worden, die dann im übrigen nicht sonderlich üppig ausfielen. Viele Juden waren arm und auf Unterstützung angewiesen. Doch die Kritiker interessierte nicht, wie die soziale Lage der westdeutschen Juden wirklich aussah. Man verübelte ihnen, überhaupt unter NS-Tätern leben zu können.

Die Mutter von Jael Geis war mit ihren Eltern Ende 1933 aus Deutschland über Ägypten nach Palästina emigriert. Ihr Vater wurde 1938 aus dem KZ Buchenwald freigekauft, mit der Auflage, das Deutsche Reich sofort zu verlassen. Über Paris kam er ebenfalls nach Palästina.

Jael Geis: "Meine Eltern haben sich in Palästina kennengelernt, und mein Vater hat, so weit ich weiß, schon 44/45 angefangen nachzudenken, wie er wieder nach Deutschland zurückkommt. Mein Vater war ja Rabbiner und hat dann halt versucht, eine Stelle in Deutschland zu bekommen, auch in der Hoffnung, dass eine Professur für ihn eingerichtet wird. Meine Mutter wollte partout nicht zurück nach Europa, sie wäre gerne in Palästina, Israel geblieben."

Der Weg der Familie Geis führte zunächst über London in die Schweiz, wo Jael geboren wurde. Anschließend arbeitete ihr Vater in Amsterdam als Rabbiner, scheiterte aber an der holländischen Sprache. Sie war vier Jahre alt, als die Familie nach Westdeutschland weiterzog. Auf die Bitte des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss, er möge als offizieller Repräsentant des Judentums fungieren, antwortete Geis, in der Bundesrepublik gebe es nichts mehr zu vertreten. Er wurde Rabbiner und erhielt schließlich kurz vor seinem Tod eine Professur für Judaistik.

Jael Geis: "Es hat ihn nicht glücklich gemacht, überhaupt nicht. Und ich habe die Kindheit auch so in Erinnerung, dass vor allem er ständig sich bemüht hat, wieder aus Deutschland rauszukommen, ohne Erfolg."

Symptomatisch für das politische Klima in der Bundesrepublik war damals, dass die meisten Juden notgedrungen aus eigenem Antrieb zurückkehrten, und nicht, weil man sie eingeladen hatte. Zu den Ausnahmen gehörte die Stadt Frankfurt am Main, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bat, zurückzukommen. Die Remigranten hatten nicht das Gefühl, sie seien willkommen.

Anthony Kauders: "Die Juden damals wollten nicht auffallen. Sie haben sich versteckt. Sie wussten aus der Geschichte, dass jede Auffälligkeit instrumentalisiert wurde, um Antisemitismus zu schüren, also wenn ein Jude irgendwas verbrochen hat, dann werden die Juden als Juden, als Gruppe attackiert. Das wussten die Juden. Sie haben die Öffentlichkeit gemieden."

In der sowjetischen Besatzungszone dagegen sahen sich viele jüdische Emigranten aufgerufen, beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu helfen, darunter die Eltern von Andrée Fischer-Marum. Ihren jüdischen Großvater, den SPD-Reichstagsabgeordneten Ludwig Marum, hatten die Nazis im KZ umgebracht. Ihr Vater war daraufhin über Straßburg nach Paris geflüchtet, wohin ihre Mutter, die Tochter eines Rabbiners, ihm folgte. Dort wurde Andrée Fischer-Marum 1941 geboren. Ein knappes Jahr später entkam die Familie nach Mexiko, wo sich die Eltern einer kommunistischen Gruppe anschlossen. Die meisten dieser Emigranten kehrten nach 1945 nach Deutschland zurück.

André Fischer-Marum: "So bin ich groß geworden, mit diesem Satz: Wenn wir hier bleiben, dann hat Hitler wirklich gewonnen. Es soll ein Deutschland nicht ohne uns geben. Sie kamen wirklich mit Idealen hierher, aus diesem Land ein anderes Deutschland zu machen, wo diese Menschenfeindlichkeit und das alles nicht mehr möglich war, und teilten die Auffassungen der SED und setzten sich dafür ein."

Andrée Fischer-Marum war sechs Jahre alt, als sie in die sowjetische Besatzungszone kam. Als Kommunisten wählten ihre Eltern bewußt den Osten, um das - wie es damals hieß - "bessere Deutschland" aufzubauen. Sie waren Intellektuelle mit politischen Idealen. Tiefe religiöse oder kulturelle Bindungen an das Judentum hatten sie nicht. Ihre jüdische Herkunft war überhaupt erst durch die Rassenpolitik der Nazis zu einem entscheidenden Faktor ihres Lebens geworden. Wenn sie an etwas glaubten, dann an die Zukunft des Sozialismus.

Der deutsch-nationale Historiker Hans Joachim Schoeps entschied sich hingegen für eine akademische Karriere in West-Deutschland. Er habilitierte sich in Marburg, erhielt einen Ruf an die Universität Leipzig, zog es aber vor, Professor in Erlangen zu werden, und ließ seinen Sohn nachkommen.

Julius Schoeps: "Ich kam aus dieser 'heilen Welt' Schwedens und kam in das Nachkriegsdeutschland mit all den Problemen, die damit verbunden waren. Ich war auf dem Obersalzberg, dem Werkschulheim. Das war so ein Internat, das so in den Traditionen der Landerziehungsheime der 20er Jahre stand. Man konnte das Abitur machen und gleichzeitig einen handwerklichen Beruf erlernen, also einen Facharbeiterbrief machen. Ich lag dann zeitweilig im Zimmer mit dem Sohn des Hitlerstellvertreters Hess, und der Sohn von Oberländer war auch dabei. Das Problem war, damals war ich zehn Jahre alt. Weder wusste ich, wer Hess war, noch wer Herr Oberländer war, und das waren einfach Schulkameraden."

Der Obersalzberg war Hitlers Feriendomizil und sein zweiter Regierungssitz. Erst später begriff Julius Schoeps, mit wem zusammen er dort das Internat besucht hatte. Theodor Oberländer zählte zur akademischen Elite des Nationalsozialismus. Er blieb, obwohl selbst Konrad Adenauer ihn als "tiefbraun" bezeichnete, auch in der Bundesrepublik in Amt und Würden und war von 1953 bis 1960 Vertriebenenminister. Mitte der 50er Jahre musste kaum jemand mehr befürchten, wegen seiner NS-Vergangenheit von Staat und Justiz behelligt zu werden.

In dieses restaurative politische und kulturelle Klima kehrten Juden aus dem Exil nach Westdeutschland zurück, darunter der Rechtsanwalt Erich Cohn. Der engagierte Trotzkist war 1933 aus Berlin nach Paris geflüchtet. Dort wurde 1945 sein Sohn geboren, der spätere Anführer der Studentenbewegung und Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit.

Take 10 Daniel Cohn-Bendit: "Mein Vater ging dann 1950 nach Deutschland zurück. Er ist nicht nach Berlin zurück, sondern nach Frankfurt, und ging in den Frankfurter Hof und sagte, Guten Tag, mein Name ist Cohn-Bendit, ich bin Jude, kann ich jetzt in Deutschland ein Zimmer haben?"

Eine schöne Anekdote. Allerdings hatte Erich Cohn mit seiner Familie ursprünglich in die USA auswandern wollen. Deutschland war nur zweite Wahl gewesen. Hatten sich die Emigranten für eine Rückkehr in die alte Heimat entschieden, suchten sie nach Argumenten, um angesichts der moralischen Vorwürfe aus dem Ausland zu rechtfertigen, warum sie überhaupt unter den Deutschen leben wollten.

Anthony Kauders: "Eine Reaktion war einfach zu sagen, leider bin ich in diesem Land, aber ich werde nicht immer hier sein, und es ist ein Scheißland. Wenn man aber mehr wollte als das, dann hat man versucht diese Gründe anzugeben, wir sind hier, weil wir eine bestimmte Aufgabe haben, nämlich erstens die Demokratie zu schützen, weil die Deutschen, die sind noch nicht demokratisch, und zweitens Vermittler zu sein zwischen der Bundesrepublik und Israel."

Nach dem Dritten Reich waren die Juden in Deutschland zwangsläufig eine intellektuell, kulturell und religiös unbedeutende Gemeinschaft. Dennoch akzeptierten die westdeutschen Eliten die jüdischen Repräsentanten als moralische Instanz und Gesprächspartner in politischen und kulturellen Fragen. Sie hofften, durch die so genannte Aussöhnung die Schatten des NS-Regimes vertreiben und Anerkennung im Ausland finden zu können, insbesondere in Israel und den USA.

Anthony Kauders spricht von einem Gabentausch.

"Die westdeutschen jüdischen Eliten um Galinski, Nachmann, um van Dam brauchten das Verhältnis zu den westdeutschen politischen Eliten oder kirchlichen Eliten, um wiederum für sich Legitimität zu erlangen im Ausland, eine bestimmte Bedeutung zu spielen innerhalb der Gesellschaft, und um den Leuten in Israel und anderswo zu sagen, wir sind wichtig, wir sind notwendig."

Während sich viele jüdische Remigranten mit der westdeutschen Gesellschaft arrangierten und einige von ihnen politische oder akademische Ämter übernahmen, blieben ihre im Exil geborenen Kinder - wie Jael Geis und Julius Schoeps - skeptisch gegenüber der nichtjüdischen deutschen Gesellschaft.

Geis: "Ich hab mir mein Leben lang überlegt, wegzugehen, und habe es auch nicht geschafft, ich habe es einmal versucht und bin auch wieder zurückgekommen. Für mich hat das sehr viel Distanz zu dem Land, in dem ich lebe, geschaffen."

Schoeps: "Ich hab studiert bei Professoren, ich kann mich noch an einen erinnern, bei dem ich auch im Nebenfach promoviert habe. Da erfuhr ich unmittelbar vor dem Rigorosum, dass er als Privatdozent in SS-Uniform an der Wiener Universität gelesen hatte und dass er Artikel zur Endlösung der Judenfrage im Völkischen Beobachter geschrieben hatte. Das war nicht uninteressant, und die Situation war dann in der Prüfung, es war wie so eine gläserne Wand zwischen uns: Er stellte Fragen, und ich antwortete irgendwas."

Im Berufsleben ließen sich Kontakte mit alten Nazis kaum vermeiden. Anders war dagegen die Situation im persönlichen Umfeld. Juden hätten sehr unterschiedliche Strategien entwickelt, in Deutschland zu leben, fasst der Historiker Anthony Kauders seine Forschungsergebnisse zusammen.

"Ich glaube, dass es klar war, dass es eine Gruppe von Juden gab in der Bundesrepublik, die grundsätzlich versucht hat, nur mit Juden zusammen zu sein im Privatleben. Das heißt man hatte hauptsächlich jüdische Freunde, gar keine nichtjüdischen Freunde eigentlich. Das gab es. Und es gab schon solche Juden, die den Kontakt auch zu Nichtjuden suchten, aber man sucht sich dann immer die Leute aus, die man selber mag."

Oder Juden wählten ihre Freunde ausschließlich unter jüngeren Menschen aus, um sicher zu sein, nicht ehemaligen Nazis gegenüberzustehen. Der Vater von Daniel Cohn-Bendit wiederum gab seinem Sohn mit auf den Weg:

Daniel Cohn-Bendit: "Du musst nicht in Deutschland leben. Aber eins musst du wissen: Deutschland sind nicht nur die Nazis. Wenigstens für mich kann ich sagen, ich bin nicht durch die Gegend gelaufen mit 23, 27, und hab dann gesagt, ja wo sind die Täter, wo sind die Widerstandskämpfer? Das war nicht mein Problem."

Angesichts der nationalsozialistischen Vergangenheit bemühten sich vor allem christliche und intellektuelle Gruppen in der Bundesrepublik um ein positives Verhältnis zum Judentum. Eine "freundschaftliche Haltung gegenüber dem jüdischen Volk" sollte nach der Shoah die normale geistig-moralische Maxime in Deutschland sein, erklärten zum Beispiel Schriftsteller der Gruppe 47, der u.a. Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser angehörten.

Der Autor Rolf Schroers, auch er Mitglied der Gruppe 47, äußerte jedoch in den 60er Jahren Verständnis für jüdische Emigranten, die nicht nach Deutschland zurückkehren wollten in die - wie er sagte - "Stickluft philosemitischer Befangenheit". Erst seien Juden mit mörderischem Hass verfolgt worden, jetzt würden sie mit mörderischer Pietät verfolgt. Schriftstellerkollegen kritisierten die Gleichsetzung von NS- und Nachkriegszeit als absurd und diffamierend.

Inge Deutschkron ist heute 85 Jahre alt. Sie wuchs in den 30er Jahren in einem sozialdemokratischen Elternhaus in Berlin auf. Ihr Vater konnte 1939 noch nach England emigrieren, Mutter und Tochter gelang die Flucht nicht mehr. Sie mussten Zwangsarbeit leisten und gingen in die Illegalität, als die Deportationen einsetzten. Freunde und Bekannte versteckten sie bis zum Kriegsende. Dann mussten sie noch ein Jahr warten, bis sie ein Visum bekamen und zu ihrem Vater nach England fahren konnten. Inge Deutschkron holte ihren Schulabschluss nach und arbeitete im Büro der Sozialistischen Internationale in London.

1955 kam sie als Journalistin nach Bonn und wurde Deutschland-Korrespondentin der israelischen Tageszeitung Maariv.

Inge Deutschkron: "Und da hatte ich den Schock meines Lebens, die alten Nazis in hohen Positionen, das war für mich ganz fürchterlich. Was ich da erlebt habe, dass war unglaublich, wenn man zu mir sagte, ja, Sie müssen doch vergessen können, man kann ja auch vergeben. Und im übrigen, Juden kommen ja schon wieder zurück, in dem Stil. Ich habe das lange gemacht, viel zu lange. Also, es wurden 14 Jahre daraus, und dann bin ich 1972 tatsächlich nach Israel ausgewandert."

Zurück nach Berlin kam Inge Deutschkron erstmals 1988, als das Grips-Theater sie zur Premiere von "Ab heute heißt Du Sara" einlud. Das erfolgreiche Stück für Kinder und Jugendliche, das seit fast 20 Jahren gespielt wird, basiert auf Inge Deutschkrons Autobiographie: "Ich trug den gelben Stern".

Als das Theaterstück auf die Bühne kam, stand die Berliner Mauer noch. Sie fuhr in den Osten, in die Rosenthaler Straße 39, wo während der NS-Zeit der Bürstenfabrikant Otto Weidt eine Blindenwerkstatt betrieben hatte. Er hatte Inge Deutschkron formal als Zwangsarbeiterin beschäftigt, tatsächlich aber sie und andere Juden vor dem Zugriff der Gestapo geschützt.

Weidt, ein Berliner Oscar Schindler gewissermaßen, war bereits 1947 verstorben, aber die Räume der Blindenwerkstatt waren Ende der 80er Jahre noch nahezu unverändert.

Inge Deutschkron: "Ich muss Ihnen sagen, dieser erste Besuch war sehr schlimm. Ich erzähle es immer ganz offen. Ich habe mich furchtbar besoffen am Abend, aber man wird's ja trotzdem nicht los. Aber ich habe mir dann gesagt, ich muss das hier machen, ich muss darüber reden. Das war eine Verpflichtung als Überlebende."

Inge Deutschkron setzte sich jahrzehntelang unermüdlich dafür ein, dass Otto Weidts beispielhafter Einsatz für verfolgte Juden öffentliche Anerkennung fand. Vor kurzem wurde nun endlich dank ihrer Bemühungen in der ehemaligen Blindenwerkstatt ein Museum eröffnet.

Die Journalistin pendelte lange Zeit zwischen Israel und Deutschland, bis der ständige Ortswechsel zu anstrengend wurde. Seit vier Jahren lebt sie fest in Berlin. Heute führt die 85-Jährige regelmäßig Besuchergruppen und Schulklassen durch die Ausstellung, erklärt anhand von Fotos, Briefen und Dokumenten das Wirken Otto Weidts und geleitet sie zu dem letzten Raum am Ende der Werkstatt, wo Weidt hinter einem Kleiderschrank in einem engen, fensterlosen Zimmer eine jüdische Familie versteckte. Dort beendet sie ihre Führung.

Inge Deutschkron: "Sie müssen verstehen, ich hab eine Verpflichtung. Alle anderen sind tot und können nicht darüber reden. Diese Menschen, die uns zum Überleben geholfen haben, das waren Helden, das waren die wahren Helden Deutschlands, wenn ihr mich fragt. Das wollte ich zeigen, und auch zeigen natürlich, dass man hätte helfen können, wenn man den Mut dazu gehabt hat. Aber was ich viel schlimmer fand ist, dass man nach dem Krieg diese Menschen nicht geehrt hat, die das getan haben. Gott sei Dank tun wir das ja jetzt. Dazu kommt etwas, was Sie wahrscheinlich nur sehr schwer verstehen können. Ich saß am 27. Februar 1943 schon als Versteckte in einem Haus in Halensee und sah hinter dem Vorhang zu, wie die andern abgeholt wurden. Und da entsteht etwas, was man als Schuldgefühl nicht los wird. Ich glaube, es gibt keinen von uns, der überlebt hat, der nicht dieses Schuldgefühl hat."

Im Londoner Exil wurde 1945 Hazel Rosenstrauch geboren. Ihre Mutter war mit einem Kindertransport nach England gekommen, ihr Vater, ein Wiener Kommunist, hatte über die Tschechoslowakei ebenfalls dorthin fliehen können. Ende 1946 kehrten sie nach Österreich zurück. Hazel Rosenstrauchs Weg führte über verschiedene Stationen schließlich nach Westberlin.

Hazel Rosenstrauch: "Ich bin nach Amerika gegangen, sobald ich konnte, mit 18, ich bin von den USA dann nach Kanada gegangen. Ich hab auch verschiedene Versuche gemacht nach England, es ist mir nicht geglückt. Nachdem ich dann mit meinen Emigrationsversuchen gescheitert war, bin ich zuerst einmal zum Studium nach Deutschland gegangen, wie das halt so ist, noch nicht mit der Absicht dazubleiben. Und dann bin ich jahrgangsbestimmt kopfüber in die Studentenbewegung hinein gefallen, das war natürlich sehr prägend, da gab's dann auch sehr heftige Auseinandersetzungen, weil die Linke sehr bald dann auch antisemitisch geworden ist, und man kann so in der Hinsicht sagen, ich bin hier hängen geblieben."

Emigrantenkinder wie Hazel Rosenstrauch sind gewissermaßen zwischen den Welten groß geworden, zwischen ihren Geburtsorten im Exil und dem Heimatland ihrer Eltern. Wirklich heimisch geworden sind sie oft nirgendwo.

Hazel Rosenstrauch: "Ich beton‘ immer, dass ich das Kind von Emigranten bin, natürlich bin ich auch das Kind von Juden, aber ich glaube, mich hat so ein bestimmter Habitus der Emigration eher geprägt, also dass man was Neues aufbauen muss, dass man irgendwo hingeht, dass man nicht auf einer Scholle sitzt und dass man auch nicht Möbelstücke von Urgroßvätern in seiner Wohnung hat, das hat mich schon stark beeinflusst. Und es hat sich wahrscheinlich nicht ganz zufällig ergeben, dass ich auch besonders viel mit Emigranten, nicht nur jüdischen aus der Nazizeit, sondern chilenischen, polnischen, jugoslawischen, argentinischen, spanischen und griechischen usw. immer wieder zusammen gekommen bin. Das heißt man hat vielleicht doch ein anderes Gespür oder man ist auch nicht so verwurzelt in irgendeiner germanischen Dorfgemeinschaft."

Bereits der Enkel-Generation gehört Yael Kupferberg an. Ihr Großvater Walter Grab emigrierte 1938 aus Wien nach Palästina, schlug sich als Händler durch, wollte nach dem Krieg zurück in seine Heimat, stellte aber fest, dass dort der Antisemitismus immer noch virulent war, und ließ sich endgültig in Israel nieder. Er studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, promovierte zwischenzeitlich in Hamburg und gründete in Tel Aviv das Institut für deutsche Geschichte. Trotz der einschneidenden Erfahrung des Nationalsozialismus bewahrten Yael Kupferbergs Großeltern ein positives Verhältnis zu Deutschland.

Take 22 Yael Kupferberg: "Die große Identifikation mit Deutschland war ungebrochen. Opi Walter sagte immer, die deutsche Kultur lasse ich mir von Hitler bestimmt nicht nehmen. Sie haben auch mit meinem Vater nur Deutsch gesprochen, alles Israelische fand vor der Tür statt, aber nicht im Haushalt. Kein einziges hebräisches Buch steht bei ihnen in der Bibliothek. Meine Omi hat bis heute nicht hebräisch gelernt, das heißt nur Versatzstücke zum Einkaufen. Meine Eltern, die haben sich in Tel Aviv im ersten Deutschkurs im Goetheinstitut kennengelernt. Mein Vater hat in zwei Kriegen mitgekämpft, 67 und 73, und hatte so ziemlich die Schnauze voll vom Soldat sein. Er stand auch zunehmend kritisch gegenüber der israelischen Politik. Ja und dann sind sie erst in die Schweiz gegangen und dann nach Berlin. Meine Eltern wollten nur einige Jahre bleiben, heute sind sie immer noch hier."

Jahrzehntelang betonten die jüdischen Remigranten, sie würden ihre Zelte nur vorübergehend in Deutschland aufschlagen. Die Vorstellung, sich dauerhaft niederzulassen, sei bis in die 70er Jahre hinein tabu gewesen, erklärt Anthony Kauders.

"Weil man diese Schuldgefühle hatte. Und man konnte wegen dieser Schuldgefühle niemals zugeben, dass man vielleicht in Deutschland bleiben würde. Also sprach man von den gepackten Koffern. In der Anfangsphase hat man Berufe ausgeübt, die eine schnelle Emigration erleichtert hätten. Man hat gemietet, Wohnungen gemietet, also man hat sich ökonomisch so verhalten, als sei man immer auf dem Sprung. Und erst ab den 80er, 90er Jahren begann man darüber nachzudenken, wir bleiben hier, vielleicht benutzen wir das Wort Heimat nicht unbedingt, aber es ist auf jeden Fall unser Zuhause, und wir sind nicht mehr auf gepackten Koffern, und wir sind nicht mehr auf dem Sprung."

Yael Kupferberg bezeichnet Deutschland als das Land ihrer Sprache und Kultur. Und dennoch bewahrt sie sich wegen der deutschen Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte ein gewisses Dissidententum, wie sie sagt.

"In Deutschland fühle ich mich nicht hundertprozentig dazugehörig, in Israel auch nicht. Ich habe beide Pässe, beide Staatsangehörigkeiten, und ich fühle mich aber auch nicht dem jetzigen Judentum in Deutschland zugehörig. Aber ich find das eine unglaublich inspirierende und produktive Haltung, auch diese Reibung von deutsch und jüdisch. Ich hab zum Beispiel auch einen nichtjüdischen Mann, das wäre für viele undenkbar."

Die jüdischen Emigranten kehrten nach 1945 aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland zurück. Nur die wenigsten hatten die Hoffnung, dass sie nahtlos an das jüdische Leben in Deutschland vor 1933 anknüpfen könnten. Die NS-Zeit ließ sich nicht ausblenden. Aber die Vorwürfe aus Israel oder den USA, wie man im Land der Täter leben könne, sind inzwischen weitgehend verstummt, denn die alten Nazis sind längst verstorben. Zudem findet die offizielle deutsche Erinnerungspolitik mit Holocaust-Denkmal, KZ-Gedenkstätten und jüdischen Museen weltweit Anerkennung. Deshalb haben Kinder der Remigranten wie Daniel Cohn-Bendit, Jael Geis und Hazel Rosenstrauch nicht das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, weil sie in Frankfurt oder Berlin leben. Dennoch ist ihr Verhältnis zu Deutschland nicht unbeschwert.

Daniel Cohn-Bendit: "Dies Gefühl meines Verhältnisses zu Deutschland, was nicht klar ist: Ich bin grundsätzlich bei Fußball gegen Deutschland. An diesen Reaktionen kann ich sehen, dass das Ganze nicht ganz koscher ist. Da ist ein Verhältnis zu dieser Gesellschaft, was nicht geklärt ist."

Geis: "Ich empfinde es einfach für Juden nach der Shoah besser, wenn sie eine gehörige Portion Misstrauen mitbringen. Natürlich gibt es auch andere Aspekte in Deutschland, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht hier, aber ich empfinde es nach wie vor einfach als belastend."
Rosenstrauch: "Ich bekenne mich dazu, eine unjüdische Jüdin zu sein. Und tatsächlich liegt mir inzwischen sehr daran, dass diese Gruppe, die in diesem ganzen Weihrauch-Wiedergutmachungs-Gelabere untergeht, dass die vielleicht ein bisschen mehr zur Kenntnis genommen wird. Es gab vor der Vernichtung eine ganze Menge Leute, die waren auch Juden, neben vielem anderen, aber sie waren nicht unbedingt solche Bilderbuchjuden, wie man sie heute gerne in Museen und auf Symposien ausstellt. Und wenn irgendwohin, dann fühle ich mich dahin verbunden. Es gab tausende Arten, jüdisch zu sein, nur die Nazis haben gewusst, was ein Jude ist. Das wäre vielleicht der langsame Weg zu einer Emanzipation auch von dieser Geschichte, dass man sagt, wenn es wieder tausend Arten gäbe, Jude zu sein, und man nicht festgeschraubt wird auf die eine oder andere Art, dann ist vielleicht etwas gelungen."

Zeitreisen

GesellschaftFlaneure der Aufmerksamkeit
Er liebt den Boulevard und die große Pose. Julian F.M. Stoeckel auf dem Kurfürstendamm in Berlin. (Tim Wiese)

Was zeichnet Prominenz aus? Warum gilt sie als so erstrebenswert und ermöglichen die neuen Medien tatsächlich jedem 15 Minuten Berühmtheit, wie es Andy Warhol einst prognostiziert hat?Mehr

Kultivierte NaturDie Welt im Kleinen retten
Jemand begießt Salatpflanzen mit Wasser. (picture alliance / dpa)

Seit einigen Jahren sprechen viele von einer Renaissance des Gartens. Landzeitschriften und Gartenbücher erreichen hohe Auflagen. Dabei ist das eigentlich kein neuer Trend: Auch im letzten Jahrhundert stand Gartenarbeit hoch im Kurs.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur