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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.07.2015

Universitäre Sammlungen (10)Afrikanische Klangwelten in Mainz

Von Anke Petermann

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Der afrikanische Musiker Bassekou Kouyate bei seinem Auftritt im Lido (Berlin) am 28.4.2015 (Carsten Beyer)
Der afrikanische Musiker Bassekou Kouyate bei seinem Auftritt im Lido (Berlin) am 28.4.2015 (Carsten Beyer)

Eine deutschlandweit einzigartige Sammlung beherbergt das Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Uni Mainz: das Archiv für die Musik Afrikas. Eine Schatzkammer für populäre afrikanische Musik von Äthiopien bis Tansania.

Ein langgestreckter Flur mit Stahlschränken gibt den nüchternen Rahmen für die Musik Afrikas ab. Nur die zu Postern vergrößerten Plattencover an der Wand deuten an, in welch bunte Stilwelten afrikanischer Popmusik man eintaucht, wenn man eine dieser Türen öffnet. Reggae, Soul, afrikanischer Hip Hop, um nur die bekannteren zu nennen. Maximale Gegensätzlichkeit in einem Land, zum Beispiel Südafrika.

Einzigartig aber vernachlässigt: Afrikanische Klänge, Klavier-Tanzrollen, Dissidenten-Nachlässe, Herbarien, Moulagen: In deutschen Universitäten lagern Schätze, von denen wir nichts oder kaum etwas wissen. Denn oft sind die wertvollen Sammlungen in Abstellräumen oder Kellern versteckt. Unsere Fazit-Reihe "Universitäre Sammlungen" hebt diese verborgenen Schätze wieder ins Bewusstsein.

"Von Quela bis House, also von den einfachsten Flötenmusiken bis zu aktueller elektronischer Musik, die Bandbreite ist riesig", konstatiert Hauke Dorsch, Ethnologie-Dozent und seit 2010 Leiter des Archivs. Blick in die Regalreihen mit Tonträgern, die bis in die 40er-Jahre zurückreichen.

"LPs, weiter hinten dann Singles, Schellacks. Wie man sieht: Die hier zu findenden LPs mit diesem roten Punkt stammen alle von Radio France International, also man sollte nicht denken, dass das Gros dieser Sammlung aus Afrika selbst stammt, sondern vieles stammt von europäischen Sammlern und in diesem Fall von einem Radio, das sich gänzlich von seiner analogen Sammlung getrennt hat."

Mit dem Ankauf von 500 Schellack-Platten aus Ghana wurde das Archiv Anfang der 90er-Jahre gegründet. Es ermöglicht neue Forschungen am Ethnologischen Institut der Uni Mainz.

Aida Binger hörte sich hier in die Lieder des Senegalesen Youssou N‘Dour ein und beschrieb in ihrer Bachelorarbeit die widersprüchliche Doppelrolle des verhinderten Präsidentschaftskandidaten als Politiker einerseits und auf der anderen Seite:

"Das Bild des Griots, also des Vermittlers des Diplomaten, des Zusammenführers, des Mediatoren."

Recherche nach dem Schrank-auf-Prinzip

Ohne das Archiv für die Musik Afrikas, kurz AMA, ohne die musikethnologischen Seminare an der Uni Mainz und die Institutsbibliothek hätte Aida Binger die Arbeit über N’Dour kaum schreiben können. Sie ist selbst Tochter eines Musikers aus einer bedeutenden senegalesischen Griot-Familie: Abdourahmane Diop, einer der Großen der migrantischen Musikszene.

Auf CDs ihres verstorbenen Vaters stieß Binger im AMA nebenbei. Mit fortschreitender Aufnahme der Tonträger in den Online-Katalog der Mainzer Unibibliothek wird die systematische Recherche im AMA leichter. Im noch nicht katalogisierten Bereich funktioniert sie nach der Methode "Schrank auf".

"Schrank auf, suchen und sagen 'aha'. Ja, was das Schöne daran ist, man macht dann den Schrank auf, und man findet 'aha', und dann findet man noch 'oho', und dann findet man 'mhm', man findet teilweise so kleine Schätze, wenn man sich für die Art von Musik interessiert oder auch einfach mal reinschnuppern möchte."

Dazu lädt Archivleiter Hauke Dorsch auch Studierende und Wissenschaftler anderer Fachbereiche ein. Schulklassen sind ebenfalls willkommen. Umgekehrt tritt das AMA selbst mit seinen Forschungen an die Öffentlichkeit.

Dorsch zieht eine Schublade mit Postern auf - die Ausstellung über afrikanische Festivals in Deutschland gehörte zu einem größeren Forschungsprojekt. Das nimmt in einer zweiten Phase Musikfestivals in verschiedenen afrikanischen Ländern unter die Lupe. Außerdem beteiligt sich das Mainzer Archiv daran, namibische Musikkultur vor dem Vergessen zu bewahren. Gemeinsam mit den National Archives Namibia initiierte es eine Ausstellungs- und Konzertreihe zu namibischem Pop der 50er- bis 80er- Jahre. Die Kulturstiftung des Bundes finanziert dieses Rechercheprojekt mit.

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