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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 30.04.2008

Ungewöhnliche Mädchenfreundschaft und routinierte Randale

Neu im Kino: "Was am Ende zählt" und "1. Mai"

Vorgestellt von Hannelore Heider

"Was am Ende zählt" handelt vom Erwachsenwerden zweier Mädchen, die sich unter widrigsten Umständen begegnen und die eher als Außenseiter der Gesellschaft gelten. "1. Mai" ist ein Episodenfilm, der Geschichten rund um die fast schon Routine gewordene Mai-Randale in Kreuzberg erzählt und damit zugleich den Kreuzberg-Mythos nährt.

"Was am Ende zählt"
Deutschland 2007. Regie: John Quester, Julia von Heinz. Darsteller: Paula Kalenberg, Marie-Luise Schramm, Benjamin Kramme. 100 Minuten, ab 12 Jahre

Ein Film über das Erwachsenwerden zweier Mädchen, die man getrost als Außenseiterinnen bezeichnen kann. Die Regisseure haben dafür eine selbst in diesem Genre "verrückte" Geschichte gefunden, die ohne jede Aufregung ruhig und sehr sensibel mit distanzierten Bildern in Szene gesetzt wird. Nur wenn die Kamera die Beziehung dieser beiden noch nicht einmal volljährigen Mädchen betrachtet, entsteht große Nähe. Denn das ist - zuallererst - eine Geschichte über eine tiefe Freundschaft, die am Ende alle Belastungen aushält.

Sie lernen sich auf dem Berliner Hauptbahnhof kennen, wo Carla (Paula Kalenberg) nicht in den Zug zur Modeschule nach Lyon steigen kann, weil ihr Geld und Gepäck gestohlen wird. Durch Lucie wird die völlig Mittellose Teil einer Clique, die stiehlt und mit Drogen dealt, um ein alten Kahn zu einem Restaurantschiff umzubauen. Dort finden die Mädchen Arbeit und Unterkunft.

Lucie lebt schon lange so, ein Heimkind, das mit ihrem drogenabhängigen Bruder Michael (Benjamin Kramme) hier "ihre Familie" gefunden hat.

Carla wird schwanger, sie hat den Zeitpunkt für eine Abtreibung verpasst. Sie kann nicht nach Hause zurückkehren, sie hat das Geld für die Reise ihrem verhassten Vater gestohlen und hat noch keine eigene Krankenversicherung, so dass die Mädchen einen eigentlich irrwitzigen Plan aushecken, der mit Hilfe von Lucies verständigem Sozialarbeiter auch funktioniert. Mit Lucies Krankenkarte übersteht Carla die Monate der Schwangerschaft, sie bekommt ihr Kind unter und am Ende auch mit Lucies Namen.

Lucie organisiert eine Wohnung, sie verdienen mit Heimarbeit Geld. Irgendwann, so drängt Lucie, wollen sie alle drei, mit dem Kind, nach Lyon. Es wird das schönste Jahr für Lucie, die an "ihrem" Baby hängt und mit Carla eine richtige Familie gegründet hat. Nur Michael, wieder drogenabhängig, stört das labile Gleichgewicht.

Ist so etwas möglich? Dem Film und seinen Heldinnen glaubt man, das Leben auch außerhalb gängiger Konventionen funktionieren kann, denn die beiden Protagonistinnen Paula Kalenberg und vor allem auch Marie-Luise Schramm spielen mit Hingabe die Rolle sehr junger Menschen, die allein einen Platz in der von ihnen als kalt und herzlos empfundenen Welt finden könnten.


"1. Mai"
Deutschland 2008. Regie: Sven Taddicken, Jacob Ziemnicki, Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser. Darsteller: Cemal Subasi, Oktay Özdemir, Peter Kurth. 98 Minuten, ab 12 Jahre

"1. Mai" (NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM FILMSTART)Der Episoden-Film rund um den 1. Mai in Berlin-Kreuzberg hat drei Regisseure, von denen Sven Taddicken ("Emmas Glück") wohl der bekannteste ist. Die drei befreundeten Regisseure hatten sich Regeln für ihre Episoden auferlegt: Mit einer Länge von 20 bis 30 Minuten sollte 24 Stunden vom Morgen des 1. bis zum Morgen des 2. Mai in chronologischer Abfolge erzählt werden, einschließlich eines kurzen "Außendrehs" ohne Drehgenehmigung mitten im Krawall-Gewühl. So entstand eines weitgehend als authentisch erlebbare Mischung aus Fiktion und Authentizität, die zum Erzählen relativ "krasser" und damit zur Kreuzberg-Legende wohl als passend erfundener Geschichten führt, die in Parallelmontage erzählt werden.

Da ist ein Vorort-Polizist mit Eheproblemen, der so unkonzentriert in diesen als alljährliche Routine empfundenen Einsatz geht, dass ihm Dinge passieren, die man kaum glauben will: Er landet im Bordell, lässt sich die Dienstwaffe klauen und zusammenschlagen und landet im Kreuzberger Urban-Krankenhaus, wo sich alle Protagonisten am Ende treffen.

So auch der kleine türkische Junge, der quasi als Mutprobe an diesem Tag einen "Bullen" aufklatschen wollte, dessen Aggressivität aber einen gutmütigen Anarchisten und überzeugten Revoluzzer trifft. Am Ende stranden dort auch zwei Jungs aus der Provinz, die in Berlin einfach mal was erleben wollen, was sie dann auch bis zum bitteren Ende auskosten.

Was wie ein bunter Mix aussieht, ist absichtsvoll "typisch" konstruiert, bedient etliche Klischees, kann aber auch immer wieder mit Überraschungen aufwarten. Die Regiehandschriften unterscheiden sich nicht merklich in ihrem durchweg fiebrigen Gestus und die durchweg guten jungen Schauspieler bewirken, dass man diesen Kreuzberger-Nacht-Geschichten dann doch bis zum Ende mit Interesse folgt.

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