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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2006

Ungewisse Zukunft

Deutscher Bibliothek in Helsinki fehlt das Geld

Von Stefan Tschirpke

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Die Deutsche Bibliothek in Helsinki steht vor einer ungewissen Zukunft. (AP)
Die Deutsche Bibliothek in Helsinki steht vor einer ungewissen Zukunft. (AP)

Für finnische Germanistik-Studenten, Wissenschaftler und Übersetzer ist sie unverzichtbar. Aber auch Finnen, die nur ihre Deutsch-Kenntnisse aufrechterhalten wollen, schauen gerne in der Deutschen Bibliothek in Helsinki vorbei. Die Bücherei feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum, aber ihre weitere Finanzierung ist nicht gesichert.

Ein öffentlicher Platz unweit des Hafenbeckens von Helsinki. An der Ecke ein gepflegtes Jugendstil-Haus mit dunkler, eisenbeschlagener Haustür.

In seiner zweiten Etage liegt die Deutsche Bibliothek Helsinki. 280 Quadratmeter, fünf Räume, Bücherregale, die bis an die Decke reichen. Ein Bücherreich, das in diesem Jahr sein 125-jähriges Jubiläum feiert. Heute ist in der Bibliothek "Tag der offenen Tür”. Mitarbeiterin Gabriele Schrei-Vasara erzählt Studenten die erstaunliche Entstehungsgeschichte der Bibliothek:

"Der Gründungstag ist der Tag, an dem der Pfarrer der deutschen Gemeinde in Helsinki verkündete, dass zwölf deutschsprachige Familien die von ihnen gesammelten deutschen Bücher als Grundstock für eine Bibliothek schenken. Es gibt noch diese kleine Vorgeschichte, dass sich diese zwölf Familien geeinigt hatten, Jahr für Jahr jeder Familie ein Buch anzuschaffen und die dann gemeinsam zu lesen. Das waren etwa 60,70 Bücher. Wobei von denen leider kein einziges erhalten ist."

Was als Lesekreis deutscher Emigrantenfamilien begann, ist heute eine Bibliothek mit rund 40.000 Büchern: Belletristik, Nachschlagewerke, Zeitschriftenreihen. Der Stolz der Bibliothek ist die so genannte Fennica. Seit 1927 werden deutschsprachige Bücher über Finnland und finnische schöngeistige Literatur in deutscher Übersetzung gesammelt. Auf rund 8000 Bände ist der Bestand mittlerweile angewachsen. Das älteste Buch der Fennica ist hinter Glas ausgestellt:

"""Von Johannes Schefferes - ein Buch über Lappland aus dem Jahre 1675. Zu seiner Zeit ein internationaler Bestseller. Es ist in Lateinisch geschrieben und ins Französische, Deutsche und Englische übersetzt worden. Es wird eigentlich gelobt als ziemlich zuverlässig und detailliert.”"

Ob Sachbücher oder Reiseführer, Werke zur finnischen Geschichte, Architektur, Musik oder Kochkunst - alles gibt es hier. Die Literaturabteilung enthält Werke, die aus dem Finnischen, aber auch Finnlandschwedischen und Lappischen ins Deutsche übersetzt wurden und auch Werke mit Finnland-Bezug.

""Also Berthold Brecht "Herr Puntila und sein Knecht Matti” oder Klaus Mann "Flucht in den Norden”. Und sämtliche Kaleva-Übersetzungen, auch die allererste, sieben Jahre nach dem Erscheinen des Originals, bis zur neuesten. Vor einem Jahr erschienen.”"

An einem Leseplatz sitzt Kristiina Johansson, um sich herum einen Stapel Comics und Kinderbücher:

""Ich studiere Germanistik, unterrichte aber bereits Deutsch in der Schule. Ich suche Material für meinen Unterricht. Für uns ist die Bibliothek wichtig, weil es hier viel gibt, was in finnischen Bibliotheken nicht zu finden ist. Zum Beispiel solche Comics oder Kinderbücher.”"

Besonders für die finnische Germanistik sei die Bibliothek eine wertvolle Adresse, betont Hans Selle, Mitglied der Bibliotheksstiftung.

""Wir haben zum Beispiel die Frage gestellt beim Germanistischen Institut, bei einem Gespräch, der Universität Helsinki: Wie würden die Studenten reagieren, wenn im nächsten Herbst 2007 an der Bibliothek ein Schild steht: Die Bibliothek wird Ende des Jahres geschlossen? Da war zunächst einmal betroffene Stille und dann sagte einer der Teilnehmer: Das wird mit Sicherheit dazu führen, dass der Studiengang der Germanistikstudenten sich erheblich verlängert.”"

Die Frage war nicht rhetorisch. Die Bibliothek ist in finanzieller Not. Ja, es könnte ein jähes Ende geben. Bisher teilten sich die Unterhalts- und Personalkosten von jährlich rund 130.000 Euro das finnische Unterrichtsministerium und das Auswärtige Amt in Berlin.

""Im vorigen Jahr war es so, dass ungefähr 30 Prozent der Einnahmen vom Unterrichtsministerium kamen, 50 Prozent aus Berlin, die restlichen zehn Prozent von Mitgliedsbeiträgen und die letzten 10 Prozent in Form von Stiftungen.”"

Auch diese Förderung ist wacklig. Seit Jahren wird die Bibliothek als Projekt finanziert.

""Jährlich müssen die Beiträge sowohl vom Unterrichtsministerium als auch vom Auswärtigen Amt beantragt werden. Wir wissen heute noch nicht genau, wieviel die Bibliothek in diesem Jahr von Berlin bekommen wird. Das gleiche betrifft auch das Unterrichtsministerium.”"

Inzwischen hat sich die Situation noch verschärft. Das finnische Unterrichtsministerium teilte der Bibliothek mit, dass man sich ab 2008 aus der Finanzierung ganz verabschieden werde. Kulturministerialrätin Eva Paajanen begründet:

""Die Struktur des Haushalts wurde verändert. Bisher gab es Geld für die Förderung der bilateralen Kulturzusammenarbeit. Diesen Posten gibt es nicht mehr. Das Geld wurde in den Topf für allgemeine internationale Arbeit verlagert. Die Deutsche Bibliothek fällt da raus, weil sie eine Form der bilateralen Kulturzusammenarbeit ist.”"

Die Reaktion des Auswärtigen Amts liess nicht lange auf sich warten:

""Daraufhin hat das Auswärtige Amt gesagt: Wenn von finnischer Seite nichts mehr bezahlt wird, dann können wir auch nichts mehr bezahlen. Es ist eine finnische Institution. Die Leser sind finnische Leser.”"

Die germanophile Kulturszene in Finnland ist sich einig: Findet sich kein Geldgeber, liegt es vor allem beim finnischen Staat, das Überleben der Bibliothek zu sichern. Paajanen vom Unterrichtsministerium sieht jedoch derzeit keine Lösung, denn eine Unterstützung etwa auf Basis des Gesetzes über Bibliotheken sei nicht möglich:

""Das Gesetz gilt nur für kommunale Allgemeinbibliotheken. Die Deutsche Bibliothek ist nicht kommunal, sondern wird von einem privaten Verein getragen. Es müsste ein neues Gesetz geben, das eine Grundfinanzierung garantiert. Aber das ist ein langer Weg.”"

So ist die Stimmung im Jubiläumsjahr alles andere als optimistisch:

""Einerseits betroffen, niedergeschlagen natürlich auch, aber auch irgendwie kampfbereit.”"

Derzeit werden Rettungsszenarien durchgespielt: Von einer Verlagerung in die Universitätsbibliothek über eine Ansiedlung bei der Deutschen Schule Helsinki bis zur Suche nach möglichen Mäzenen. Zumindest sind sich alle einig, was mit der Bibliothek untergehen würde. Die Kulturreferentin der Deutschen Botschaft in Helsinki Heidi Friedrich:

""Es wäre natürlich ein großer Verlust, weil die Bibliothek ist 125 Jahre alt. Sie ist hier ein kulturelles Highlight in der finnischen Kulturszene. Es wäre auch ein Verlust für die wissenschaftliche Zusammenarbeit, vor allen Dingen die Germanistik-Studenten, die die Bibliothek benutzen.”"

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