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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.06.2008

Ungeschöntes Selbstporträt

Virginia Woolf: "Tagebücher 5. 1936 - 1941", S. Fischer Verlag 2008, 600 Seiten

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Die Schriftstellerin Virginia Woolf. (AP)
Die Schriftstellerin Virginia Woolf. (AP)

Virginia Woolfs Schriftstellerleben war kein einfaches. Sie zweifelte immer wieder an ihren Fähigkeiten, tiefste Depression wechselte sich ab mit entspanntem Optimismus. Der fünfte hervorragend editierte Band ihrer Tagebücher vermittelt einen Eindruck von diesem ständigen Auf und Ab.

Virginia Woolf war ein getriebener Mensch. Immer wieder von Depressionen, Kopfschmerz und Schlaflosigkeit gequält, bot ihr die Arbeit einen kostbaren Schutzraum. Doch selbst das Schreiben war eine zweischneidige Angelegenheit: große Lust wechselte mit tiefer Niedergeschlagenheit, auf produktive Phasen folgten Tage der Lähmung.

Die Tagebücher geben Aufschluss über die extremen Schwankungen ihres Gemütszustandes: Sie führen mitten hinein in die intimen Belange Virginia Woolfs. In einer Mischung aus Arbeitsjournal, Skizzenbuch, unermüdlicher Selbstanalyse, Rechenschaftsbericht und knappen Zusammenfassungen ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen liefert die Schriftstellerin ein ungeschöntes Selbstporträt.

Die Tagebücher sind gewissermaßen der Humus ihrer großartigen, bis ins Detail durchkomponierten Romane: Hier herrscht ein entspanntes Schreiben vor, hier hält sie Ideen für neue Projekte fest. Meistens findet sie nach ihrer vormittäglichen Arbeitsphase kurz vor dem Lunch Zeit für ihr Tagebuch.

Bestechend ist vor allem das Nebeneinander völlig unterschiedlicher Themen: Literaturtheoretische Überlegungen knüpfen an Bemerkungen über ein neues Kleid oder die Anschaffung eines Möbelstückes an. Ein Satz über das Wetter steht neben prägnanten Charakterstudien und atmosphärischen Eindrücken eines Abendessens. Bemerkungen zur sich zuspitzenden politischen Lage folgen auf Tratsch und Klatsch über Freunde. Bei alldem überdeckt Virginia Woolf nichts, sondern steht offen zu der depressiven Kraftlosigkeit, die sie regelmäßig nach dem Abschluss eines größeren Werkes heimsucht.

Einige Ereignisse skandieren die letzten Lebensjahre der Schriftstellerin. Einerseits überschattet der heraufziehende Zweite Weltkrieg ihren Alltag, aber zugleich halten sie private Sorgen und Kümmernisse in Atem. 1936 steht die Kräfte zehrende Überarbeitung ihres Romans "The Years" im Mittelpunkt. Virginia Woolf zweifelt daran, überhaupt zur Schriftstellerin zu taugen: Das Material erscheint ihr zu reichhaltig, die Form zu groß für ihre Fähigkeiten.

Doch ausgerechnet "The Years", das im März 1937 schließlich herauskommt, wird eines ihrer erfolgreichsten Bücher überhaupt. Hervorragende Kritiken und glänzende Verkaufszahlen beflügeln die Autorin und lassen sie Pläne für neue Prosastücke schmieden. Gleichzeitig beschäftigt sie sich mit der Niederschrift des Essays "Three Guineas", der ihr leichter von der Hand geht und sie emotional weniger belastet.

Ein tiefer Einschnitt ist der Tod ihres Neffen Julian Bell, der Sohn ihrer Schwester Vanessa, der zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben zählte. Julian war gegen den Willen der Familie als Ambulanzfahrer in den spanischen Bürgerkrieg gezogen und erlag bei einem Angriff seinen Verletzungen. In kritischen Lebenssituationen wie diesen gelingt es Virginia Woolf leichter, sich von ihrem eigenen Leid zu distanzieren und anderen beizustehen. Mit großer innerer Kraft kümmert sie sich um ihre Schwester und trauert um den verlorenen Neffen.

1938 erscheint "Three Guineas" - eine feministische Deutung des Krieges, der als logische Konsequenz einer patriarchalischen Gesellschaft begriffen wird - und löst scharfe Kontroversen aus. Währenddessen beginnt Woolf mit einer Auftragsarbeit und fertigt eine Biografie ihres 1934 verstorbenen Freundes und Mentors Roger Fry an, ein Maler, Kunstkritiker und Ausstellungsmacher und eine zentrale Figur der englischen Kunstwelt.

Die Fülle der nachgelassenen Schriften Frys droht sie zu ersticken, und sie empfindet die Notwendigkeit, Fakten zu berücksichtigen, als große Einengung. Minutiös zeichnet Woolf in ihrem Tagebuch die sich zuspitzende Weltlage nach: die Lage in Spanien und Italien, das Münchner Abkommen, der Überfall auf Polen und der Kriegsausbruch, Frankreichs Niederlage und die Furcht vor einer deutschen Invasion.

Ein Refugium bietet ihr wiederum die konzentrierte Arbeit. Ab 1940 ist der Krieg auch in England immer deutlicher zu spüren, was sich auf ihre bedrängenden Beschreibungen des bombardierten London niederschlägt. In den folgenden Monaten nimmt Woolfs Vertrauen in die gesellschaftlichen und politischen Kräfte ihres Landes immer mehr ab, gleichzeitig verstärken sich ihre psychischen Nöte.

Der letzte Eintrag stammt vom 24. März 1941. Beunruhigt durch ihre kritische körperliche Verfassung und die tiefe depressive Verstimmung, befürchtet ihr Ehemann Leonard Woolf einen völligen Zusammenbruch, überzeugt sie von einem Besuch bei der Ärztin und Freundin Octavia Wilberforce in Brighton und bringt sie am 27. März dorthin. Am folgenden Morgen ertränkt sich Virginia Woolf in dem Fluss Ouse.

Virginia Woolfs seelischer Zustand war immer prekär, und vor dem Hintergrund der Tagebücher wird ihr Freitod nachvollziehbar. Hervorragend ediert, mit Anmerkungen, einer aufschlussreichen Personenliste und einem Vorwort versehen, gewinnt das Bild der britischen Schriftstellerin eine zusätzliche Facette. Die literarische Entdeckerlust wird mit dieser Ausgabe neu angefacht. In den Tagebüchern kommt die zweite Stimme von Virginia Woolf zum Ausdruck: eine private, zärtliche, witzige, schalkhafte und oft verzweifelte Stimme, der man immerfort zuhören möchte.

Rezensiert von Maike Albath

Virginia Woolf: Tagebücher 5. 1936 – 1941
Herausgegeben von Klaus Reichert
Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Wenner
S. Fischer Verlag 2008
600 Seiten, 39 Euro

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