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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.04.2018

"Ungehorsam als Tugend" von Peter BrücknerWenn die Imperative versteinern

Von Arno Orzessek

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Hochgehaltene Zeitungen, Hände und Mäntel sollen Fotografen daran hindern zu dokumentieren, wer die Glastüren aufgebrochen hat bzw. wer sich an der Stürmung des Rektorats beteiligte. Nachdem Studenten der Goethe-Universität in Frankfurt am Main am 27.05.1968 über Maßnahmen gegen die von der Bonner Regierung geplanten Notstandsgesetze, wie Vorlesungsstreik oder Besetzung der Universität beraten und für eine Besetzung gestimmt hatten, stürmen sie das Rektoratsgebäude.  (dpa)
Studenten verhindern, dass sie während eines Protests fotografiert werden (dpa)

Der Publizist Peter Brückner nahm 1969 mit seinem Werk "Ungehorsam als Tugend" vor allem einen aufs Korn: den Mitläufer. Sein Buch war quasi als Anleitung gedacht, "Gehorsam zu verweigern". Nicht nur Linke haben von Brückner gelernt.

Ob man ihre Sorge aus heutiger Sicht nun für berechtigt hält oder nicht, fest steht: Viele sogenannte 68er fürchteten damals einen neuen Faschismus in Deutschland. Einer von ihnen war Peter Brückner. Er behauptete 1969 in dem Aufsatz "Zur Psychologie des Mitläufers" allen Ernstes, das rechtsradikale Potential in der Bundesrepublik sei "fast so groß wie das Wählerpotential".

Der linke Sozialpsychologe war nämlich davon überzeugt, dass Menschen zur "Unterwerfung" neigen, sobald ein "Monopolist" – das war sein Begriff für eine unangefochten herrschende Macht – erst einmal etabliert ist. Weshalb, verkürzt gesagt, ein autoritärer Staat ab einem gewissen Punkt umso leichteres Spiel hat und totalitär werden kann.

Viele haben Ungehorsam und politischen Protest erlernt

Bereits 1966 hatte Brückner unter Hinweis auf die geistige "Mit-Urheberschaft" des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich eine "Pathologie des Gehorsams" veröffentlicht. Gegen die überkommene Pflicht, zu gehorchen, die Brückner wie Mitscherlich tief in die Deutschen eingesenkt sah, setzte er die befreiende Pflicht, den "Gehorsam zu verweigern".

Er warb für eine Erziehung, die den Menschen "zur Reife des Ungehorsams" führt – eine Reife, dank derer der Einzelne weiß, wann er sich dem herrschenden Konsens zu verweigern hat. Überblickt man die weitere Geschichte der Bundesrepublik und des vereinigten Deutschlands, ist unverkennbar, dass größere Teile der Gesellschaft tatsächlich Ungehorsam und politischen Protest gelernt haben.

Wofür es von den Demonstrationen gegen die Nato-Nachrüstung in den frühen 80er Jahre bis hin zu Stuttgart 21 und zum Wutbürgertum unserer Tage unzählige Belege gibt. Man nimmt staatliche Entscheidungen im Zweifel nicht hin. Die Emanzipationsfreude der 68er ist ins Mark der Gesellschaft gedrungen.

Die Widerständler von einst sind verstockt

Neu ist, dass sich heute die politische Rechte vieler Protest-Methoden der alten Linken bedient und deren Argumente bis in die Tiefenstrukturen hinein gleichsam spiegelverkehrt benutzt. Wenn AfD und Pegida den "linksliberalen Mainstream" und die "Systemmedien" anfeinden, kann man sich an Peter Brückners Vorbehalte gegen "Monopolisten" erinnert fühlen. Brückner kämpfte einst als Verfechter des aufgeklärten Verstandesgebrauchs gegen "jedes Denk- oder Frageverbot". Heute wird ein Rechts-Intellektueller wie Götz Kubitschek nicht müde, gegen Denk- und Frageverbote zu wettern, die der "Mainstream" angeblich verhängt.

Laut Brückner lagen die Gründe für den Gehorsam der Deutschen in einer Fehlentwicklung des Über-Ichs, vulgo: des Gewissens, das er von falschen Autoritäten dominiert sah. Er wandte sich gegen die "Versteinerung der Imperative". Mittlerweile aber werden die damaligen Widerständler selbst als verstockte Hüter eines falschen Gewissens und versteinerter Imperative angeprangert, Stichwort: politische Korrektheit.

Brückner betonte damals, dass der Kampf gegen die herrschenden Vorurteile "mit der Suche nach der unpassenden Nachricht" beginnt. Heute verbreiten "alternative Medien" mit Vorliebe Nachrichten, die aus ihrer Sicht von der "Lügenpresse" unterschlagen werden, weil sie unpassend sind.

Die Linke von heute hat ein Problem mit dem Ungehorsam

Es war die erklärte Absicht Brückners, das herrschende Bewusstsein "umzuwerfen". Kaum nötig zu sagen, wer heute das herrschende Bewusstsein "umwerfen" will. Der AfD-Spitzenpolitiker Jörg Meuthen verlautbarte: "Wir wollen weg vom links-grün-versifften 68er-Deutschland."

Dass Linke im Streit mit Rechten intellektuell immer seltener überlegen sind, hat damit zu tun, dass sie ihren eigenen argumentativen Strategien quasi in feindlicher Gestalt begegnen. "Ungehorsam als Tugend" würden sich heute weder SPD noch Grüne auf die Fahne schreiben. Als Parole eines Götz Kubitschek jedoch oder als Pegida-Slogan ist Brückners Formulierung durchaus denkbar.

Während sich zugleich Alt-Linke um eine positive Sicht auf ehemals verfemte Begriffe wie 'Heimat' und 'Identität' bemühen. Karl Marx schrieb einst: "Alles [...] Stehende verdampft". Eben das gilt heute für die Begriffspolitik von Rechten wie von Linken.

Peter Brückner: Ungehorsam als Tugend. Zivilcourage, Vorurteil, Mitläufer
Mit einem Nachwort von Barbara Sichtermann
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018
128 Seiten, 10 Euro

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