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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.11.2010

Ungehobelte Abenteurer

Robert Louis Stevenson: "Der Strand von Falesá", Jung und Jung Verlag, Wien 2010, 132 Seiten

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Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson auf einem Ölgemälde von Ernest Narjot (AP Archiv)
Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson auf einem Ölgemälde von Ernest Narjot (AP Archiv)

Um einen Rassisten reinsten Wassers handelt es sich bei Mr. Wiltshire, der Hauptfigur von Robert Louis Stevensons funkelnder Erzählung "Der Strand von Falesá". Derart durchdrungen ist dieser Mr. Wiltshire vom Glauben an die Überlegenheit des weißen Mannes, dass seine Sprüche heutzutage wie reine Satire anmuten.

Da Stevenson aber die letzten fünf Jahre seines viel zu kurzen Lebens in der Südsee verbracht hat, kann man davon ausgehen, dass er Männer vom Schlag seines Mr. Wiltshire gut kannte, Abenteurer und Hasadeure, die es in der englischen Heimat des 19. Jahrhunderts zu nichts brachten, auf Samoa, Fidschi oder Tonga aber Herrenmensch spielen wollten. Gauner also, die vom "Kampf des weißen Mannes" schwadronierten, wenn die Geschäfte nicht so liefen, wie sie wollten, die gerne betonten, dass sie wüssten, "wie man mit kanakas umspringt" – gemeint sind damit unterschiedslos alle Polynesier - und die es überhaupt "ziemlich eigenartig (finden), wenn wir eine so weite Reise machen und dann nicht einmal tun können, was uns gefällt".

So also auch Mr. Wiltshire, der einen Handelsposten auf der fiktiven Insel Falesá übernimmt. Dort will er das getrocknete Mark der Kokosnuss, Kopra genannt, gegen allerlei Klimbim und wertlosen Nippes bei den Insulanern einhandeln. Zuerst aber verkuppelt ihn ein scheinbar freundlich gesonnener Konkurrent mit einem Inselmädchen namens Uma. Fortan macht niemand mehr mit Wiltshire Geschäfte, denn wie sein Konkurrent, Mr. Case, wusste, liegt auf Uma eine Art Tabu.

Nun allerdings hat sich Wiltshire schon in Uma verliebt, und er ist keineswegs gewillt sie wieder aufzugeben. Überhaupt möchte er den Einfluss von Mr. Case auf die Häuptlinge der Insel brechen. Zwischen den beiden Weißen entbrennt ein Krieg, bei dem auch ein Missionar und ein rätselvolles Urwaldmuseum eine Rolle spielen. Man denkt beim Lesen an H.G. Wells’ zwei Jahre nach "Der Strand von Falesá" erschienenen Roman "Die Insel des Dr. Moreau" und auch an "Morels Erfindung" von Adolfo Bioy Casares. Zwar hat Stevensons Erzählung nichts mit Science-Fiction zu tun hat, doch nicht zuletzt durch das "Museum" und die dunkle Gestalt des Mr. Case – vergleichbar dem Museum Morels und der Figur des Dr. Moreau - könnte sie als Vorbild für diese beiden Klassiker des Genres gedient haben.

Aber nicht nur literaturhistorisch ist Stevensons kleines Werk interessant – er selbst hielt es für den Höhepunkt seines Schaffens – auch für sich genommen handelt es sich um ein erstaunliches, keineswegs angestaubtes Stück Prosa: Mr. Wiltshire spricht so ungehobelt, wie man es keiner Romanfigur des 19. Jahrhunderts zugetraut hätte. Auch hat Stevenson keine Hemmungen, die Insulaner immer wieder ein gänzlich verballhorntes Englisch sprechen zu lassen. Alexander Pechstein hat diese gewollte Eckigkeit der Sprache in seiner Neuübersetzung dankenswerterweise konsequent beibehalten. "Ich gehören Dir genau wie Schwein!", sagt Uma da etwa zu Wiltshire. Und wer die ganze Erzählung kennt, weiß, wie viel Wärme tatsächlich in diesem rauen Satz steckt.
Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Robert Louis Stevenson: Der Strand von Falesá
Übersetzt von Alexander Pechmann
Jung und Jung Verlag, Wien 2010
132 Seiten, 17,95 Euro

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