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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2013

Ungeheuer besiegen, Ängste bezwingen

Baris Müstecaplioglu: "Der Feigling und die Bestie", binooki Verlag, Berlin 2013, 300 Seiten

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Kostümierte Fans von "Der Herr der Ringe": Bisher wird das Fantasy-Genre von westlichen Autoren dominiert. (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)
Kostümierte Fans von "Der Herr der Ringe": Bisher wird das Fantasy-Genre von westlichen Autoren dominiert. (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)

Fantasy-Literatur kommt bisher vor allem aus den USA oder Westeuropa, Baris Müstecaplioglu ist der erste türkische Autor des Genres. In seinem Roman über die Abenteuer des Ritters Leofold macht er vieles ganz anders als seine westlichen Kollegen.

Als der tapfere Ritter Leofold sein Spiegelbild im Wasser sieht, sinkt er weinend zu Boden. Vor wenigen Tagen noch war er ein schöner junger Mann, nun hat ihn ein Monster in einer Bestie mit Höllenfratze verwandelt. Leofold lässt seine Verlobte und das Leben unter den Menschen hinter sich und zieht sich in den Wald zurück. Doch er weiß, dass seine geliebte Heimat Perg, die friedliche Inselwelt, in der Bauern ihre Äcker bestellen und Seemänner Handel treiben, von dunklen Mächten bedroht wird. Und nur Leofold kann sie retten. Gemeinsam mit einem Zauberer und dem "Feigling" macht er sich auf eine lange Reise, um das Böse zu besiegen.

Fantasy-Literatur kommt bisher vor allem aus den USA oder Westeuropa. Baris Müstecaplioglu ist der erste türkische Autor des Genres. Angeblich hat er die Fantasy-Literatur durch seinen in den USA lebenden Bruder kennengelernt – und tatsächlich finden sich viele klassische Elemente in "Der Feigling und die Bestie", dem ersten Band seiner Tetralogie "Die Legenden von Perg": Die Reise der drei Freunde ist nach dem Vorbild einer Quest gestaltet, einer mittelalterlichen Heldenreise, auf der sie von gesellschaftlichen Außenseitern zu strahlenden Helden werden. Leofold und seine Gefährten müssen Schwertkämpfe überstehen, Ungeheuer besiegen, ihre Ängste bezwingen und einem geheimnisvollen Buch hinterherjagen, das das Böse in sich tragen soll. Große Schlachten gibt es natürlich auch, und wie so oft in Fantasy-Geschichten machen die Männer alles Kriegerische unter sich aus.

Doch Baris Müstecaplioglu traut sich auch, in seinem ersten großen Epos vieles ganz anders zu machen als seine westlichen Kollegen. Er erzählt nicht weitschweifig, nicht episch wie in der Fantasy-Literatur oft üblich, und er arbeitet die Welt Perg auch nicht bis ins letzte Detail aus. Er ist ein Meister der Reduktion, seine Landschaften sind mit leichtem Strich gezeichnet, er braucht nur wenige Worte, um seine Figuren lebendig werden zu lassen. Müstecaplioglu führt seine Leser auch nicht durch viele langatmige Kapitel gemächlich zum Höhepunkt der Handlung, sondern lässt in rasantem Tempo, auf gerade mal 300 Seiten, ein Abenteuer auf das andere, eine Schlacht auf die nächste folgen. Und wer glaubt, dass der erste türkische Fantasy-Autor seine Geschichte sicher ins orientalische Mittelalter verlegt, der wird überrascht.

Natürlich gibt es Tempel, Paläste, Schlösser und Festungen, Stadtmauern, Türme und Kasernen. Aber wie sie genau aussehen, bleibt offen. Ein Tempel mit einem riesigen Kuppeldach und drei großen Türmen – ist das schon eine Moschee? Oder ist es ein Tempel, der erst bei der Lektüre vor dem inneren Auge ersteht? Hier ist endlich einmal ein Fantasy-Autor am Werk, der auf die Fantasie seiner Leser vertraut, mit einer Sprache, die nicht pathetisch ist, sondern poetisch und schlicht – sensationell!

Am Ende wird in "Der Feigling und die Bestie" angedeutet, dass die Helden noch lange nicht begriffen haben, wer eigentlich ihr wahrer Gegner ist. Das Puzzle setzt Müstecaplioglu nur langsam zusammen, er macht es spannend.

Von Elena Gorgis

Baris Müstecaplioglu: Der Feigling und die Bestie (Die Legenden von Perg, Band 1)
Aus dem Türkischen von Monika Demirel
binooki Verlag, Berlin 2013
300 Seiten, 19,90 Euro

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