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Fazit | Beitrag vom 04.09.2021

Ungarische Studierende gegen OrbánMehr als nur ein Kampf um eine Uni

Panni Szurdi im Gespräch mit Britta Bürger

Demonstranten in Budapest protestieren gegen die Besetzung von Führungspositionen an der Hochschule für Film- und Theaterkunst durch Gefolgsleute des Ministerpräsidenten Orbán. Teilnehmer der Demo zeigen das Logo Free SZFE der studentischen Initiative zur Wiedergewinnung der Hochschulautonomie. (imago / EST&OST / Martin Fejer)
Proteste gegen die Aufhebung der Hochschulautonomie der Film- und Theaterakademie in Budapest. Die Studierenden versuchen mittlerweile, mithilfe anderer Unis ihre Ausbildung zu organisieren. (imago / EST&OST / Martin Fejer)

Letztes Jahr besetzte die ungarische Regierung die Führungsposten der Akademie für Theater und Film mit Getreuen der Regierung. Der Widerstand dagegen dauert bis heute an. Studenten wie Panni Szurdi versuchen, ihre Ausbildung unabhängig fortzusetzen.

Vor einem Jahr entzog die rechtsnationalistische Regierung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán der Budapester Hochschule für Theater- und Filmkunst (SZFE) die Autonomie, die gewählte Führung wurde entmachtet und alle Leitungsfunktionen an ein mit Orbán-Gefolgsleuten besetztes Kuratorium übertragen. Seitdem kämpfen Studierende und Lehrende mit Protestaktionen für die Abschaffung des Kuratoriums und die Wiedereinsetzung der alten Führung.

Die Studentin Panni Szurdi gehörte als Sprecherin zu den Protestierenden der ersten Stunde. Sie hat den Verein "freeSZFE" mitbegründet, der für die Wiederherstellung der Hochschulautonomie ihrer Universität kämpft.

Tatkräftige Hilfe von europäischen Akademien

Die Uni sei mittlerweile komplett mit Leuten besetzt, die zur Regierung gehörten oder mit ihr in Verbindung stünden, sagt Szurdi. In der Verbindung freeSZFE hätten sich ungefähr 120 Studenten, etwa 40 Dozenten und einige ehemalige Angestellte zusammengefunden, die sich nun außerhalb der Uni treffen. 

"Wir versuchen, eine Art autonomen Ort zu schaffen. Das Semester hat gerade angefangen, wir versuchen nun, unsere Film- und Theaterdiplome bei anderen Universitäten in Europa zu machen, wie zum Beispiel der Filmakademie Wien, der Hochschule in Ludwigsburg oder dem Mozarteum in Salzburg", sagt Szurdi. Auch eine Schweizer Akademie und eine Warschauer Theaterhochschule seien dabei.

"All diese Einrichtungen versuchen, uns zu helfen, damit wir trotzdem studieren können. Wir benutzen Ausrüstung und Material, das uns diese Unis zur Verfügung stellen. Aber es ist ein langer Weg." Auch die meisten Dozenten lehren weiter, aber eben in einem anderen Rahmen." Da momentan aber niemand diese Dozenten bezahle, versuche man, den Betrieb auf Spendenbasis aufrechtzuerhalten, damit diese sich über Wasser halten können.

Langfristiger Plan zur Übernahme von Kulturinstitutionen

Für den Unterricht nutzen Studenten und Dozenten zurzeit die leeren Räume der Zentraleuropäischen Universität, die vor etwa zwei Jahren auf Druck der Orbán-Regierung ihren Budapester Campus aufgeben musste und nach Wien übergesiedelt ist.

Die Regierung verfolge mit ihrer Hochschulpolitik einen langfristigen Plan, so Szurdi. "Das ist etwas, das nicht nur unsere Hochschule betrifft. Das passiert in allen möglichen Universitäten in Ungarn. Es sind ungefähr 20 Unis betroffen, die das gleiche Schicksal haben. Dieser Kulturkampf zieht sich schon über zehn Jahre hin, und fast alle Theater sind auch in der Hand der Regierungstreuen."

Die Zerstörung demokratischer Institutionen, wie sie in Ungarn stattfinde, sei von innen weniger sichtbar als aus dem europäischen Ausland. "Das liegt auch daran, dass die Regierung es immer wieder schafft, ihren Punkt zu machen, sie sei ja demokratisch gewählt und auch versucht, die meisten Medien zur Aufrechterhaltung ihrer Macht zu nutzen."

Die ungarische Regierung lege es darauf an, dass die meisten oppositionellen Bewegungen nach einer Weile ermüden. "Wir versuchen, dabeizubleiben und nicht müde zu werden. Es gibt viele Menschen, die hier kämpfen und wir wollen zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, dieser undemokratischen Regierung nicht zu gehorchen und die eigene Arbeit autonom fortzusetzen."

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