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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.03.2013

Unfehlbar und unbelehrbar?

Die katholische Kirche in Deutschland steckt in einer schweren Krise

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Glasmalerei, um 1500, in der Pfarrkirche in Langenburg (picture alliance / dpa /Bernd Settnik)
Glasmalerei, um 1500, in der Pfarrkirche in Langenburg (picture alliance / dpa /Bernd Settnik)

Die Kirche, so scheint es, ist krank, sterbenskrank. Ihre Krankheitssymptome heißen: Kindesmissbrauch, Holocaust-Leugner, steigende Kirchenaustrittszahlen, Priestermangel, eine verquere Sexualmoral und leere Kirchenbänke.

Früher, als alles besser war, gab es das ja noch. Jedenfalls in Köln!

Wenn da der Erzbischof Josef Kardinal Frings in der Stadt unterwegs war, stießen sich die Leute an und sagten beinahe liebevoll: "Do kütt d’r Jupp…" Volksnah hieß das, denn damals gab es noch so etwas wie eine Volkskirche.

Professor Rudolf Lill: "Von 1958 bis 1978 - auch unter Paul VI. - war die katholische Kirche eine Kraft des Dialogs und auch des Zuhörens."

Doch das ist lange her, sagt der emeritierte Kölner Historiker und Vatikan-Experte Professor Rudolf Lill über seine Kirche:

"Dann ist sie wieder eine Organisation des Befehlens mit dem Anspruch auf Gehorsam geworden. Das ist fatal, dass das Christentum in der Gesellschaft nicht mehr heilsam wirken kann."

Von heilsamem Wirken kann wohl in den Augen der meisten Katholiken hierzulande kaum noch die Rede sein. Denn die Kirche, so scheint es, ist krank, sterbenskrank. Ihre Krankheitssymptome heißen: Kindesmissbrauch, Holocaust-Leugner, steigende Kirchenaustrittszahlen, Priestermangel, eine verquere Sexualmoral, leere Kirchenbänke - kurz: eine Glaubens- und Kirchenkrise greift um sich, die etwa den Kirchenkritiker Hans Küng zu der Frage veranlasste, ob diese Kirche "noch zu retten" sei.

Wie eine blasse Erinnerung an eine ferne Zeit mag da vielen katholischen Gläubigen die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren erscheinen. Denn dieses Konzil war das Symbol für den Erneuerungswillen der Kirche, die es wagte, ihre selbstgewählte Isolation zu verlassen, verkrustete Strukturen aufzubrechen, die Eigenständigkeit der Ortskirchen zu betonen, den Laien größere Verantwortung zu übertragen und das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen neu zu definieren.

Doch Ende der 1980er-Jahre kam mit einer neuen Bischofsgeneration ein Wandel. Jetzt wurden ein anderer Stil und ein anderer Umgang mit den Gläubigen gepflegt.

Professor Rudolf Lill: "Ein internationales rechtes Bündnis ist an die Stelle der konziliaren Mehrheiten getreten. Und dieses Bündnis und dessen Exponenten, darunter Joachim Meisner, in Italien Camillo Ruini, in Wien Hermann Gröer - wir wissen, wie das geendet hat - dieses rechte Bündnis hat diesen autoritär-klerikalen Stil wieder eingeführt. Es wird von oben bestimmt und die unten - dazu gehören schon die Priester, erst recht die Laien - haben auszuführen, was die Bischöfe sagen. Und das ist ein Stil, der nicht der Kirchengeschichte und dem eigentlichen christlichen Bewusstsein entspricht. Und es ist das Gegenteil von dem Stil, mit dem das Konzil die katholische Kirche in die moderne Welt hineingestellt hatte."

Autoritär, reaktionär, totalitär - so könne, sagt Rudolf Lill, dieser Stil beschrieben werden. Am eigenen Leib erlebt hat ihn damals der Kölner Priester Franz Decker. Ihm wurde sehr bald klargemacht, dass "in der Kirche nicht mehr diskutiert wird":

Pfarrer Franz Decker: "… sondern dass in der Kirche gehört wird! Einer spricht, das ist der Bischof einer Diözese. Und ihn kann man fragen, ihn kann man bitten, aber es findet kein Gespräch statt in dem Sinne, dass es ein Austausch von Erfahrungen, Meinungen, Standpunkten gibt. Und damit wird natürlich jedes lebendige kreative Miteinander schwer beeinträchtigt."

Professor Rudolf Lill: "Und dann sind alle diese Radikalisierungen erfolgt und darunter leiden wir."

Da wird etwa die gründliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle von der Deutschen Bischofskonferenz verzögert und verschoben. Da wird eine vergewaltigte Frau an zwei katholischen Kliniken in Köln abgewiesen. Da geraten die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in katholischen sozialen Einrichtungen immer wieder in die Kritik, weil sie Gesetzesvorgaben ignorieren. Und da wettern Kirchenmänner gegen Homosexuelle.

Professor Rudolf Lill: "Wenn im öffentlichen Fernsehen ein Bischof aufsteht und sagt, Homosexualität ist eine Sünde. Und man fragt ihn dann, woher er das weiß. Dann sagt er, aus dem römischen Katechismus. Dann ist man bei einem Zustand angekommen, in dem eine Kirche nicht mehr in der Gesellschaft wirken kann. Die katholische Moraltheologie hat sich ja zurückgezogen in eine ganz rigoristische, so jedenfalls vom Evangelium nicht vorgeschriebene Konsequenz von Regeln und Maßregeln."

Die allerdings von immer mehr Menschen heute schlicht ignoriert werden. Doch, so Franz Decker, eine solch starre Haltung der Kirche bleibt nicht ohne negative Auswirkungen.

Pfarrer Franz Decker: "Dadurch ist in der Kirche ein Klima der Sprachlosigkeit entstanden, weil die vielen Dinge, die natürlich zu besprechen waren, die die Katholiken als Herausforderung ihres Glaubens empfunden haben, in der römisch-hierarchisch-autoritären Kirche nicht zu besprechen waren. Weil es nicht möglich war."

Deutlich wird: In einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft, in der die katholische Kirche in Deutschland ja agiert, muss das unerbittliche Beharren auf äußerer Autorität scheitern.

Professor Rudolf Lill: "Es ist ja ein Auszehrungsprozess im Gange. Da spielt auch diese Selbstverengung, die Selbstghettoisierung der Kirche, die von deren Spitze auferlegt ist, eine ganz bedeutende Rolle. Die aktiven Katholiken werden ja heute durch die Bischöfe zurechtgewiesen, denn wir sind wieder eine Kirche des Klerus. Und da bestimmen Kardinäle und Bischöfe und die Laien haben zuzuhören. Denken Sie doch an einem Mann wie Hans Maier in Bayern, der plötzlich kirchliche Räume, in denen er Vorträge halten soll versperrt findet. Man kann sich gar nicht vorstellen wohin der Wahnsinn dieser Rückorientierung gegangen ist."

Es ist, so Rudolf Lill eine "Rückorientierung" der konziliaren Kirche Johannes XXIII. zur autoritären Papstkirche des 19. Jahrhunderts. Damals hielt das Papsttum störrisch an verfestigten, anti-aufklärerischen Strukturen fest und versperrte sich so selbst den Weg in die Moderne.

Wenn Ähnliches heute wieder geschehe, zeuge das von einer Geschichtsvergessenheit der Bischöfe, die meinen, die "Tradition" gegen gewisse konziliare Reformen verteidigen zu müssen.

Professor Rudolf Lill: "Aber sie stehen nur in einer sehr kurzen Tradition. Sie stehen in der Tradition der Pius-Päpste, das heißt der katholischem Kirche, die sich seit dem 19. Jahrhundert in der Defensive gegen Aufklärung, Revolution und Liberalismus zu einer monolithischen autokratischen Kirche entwickelt hat; mit dem Dogma der Unfehlbarkeit und dem Universalepiskopat des Papstes von 1870 mit dessen Verfestigung im Kirchenrecht 1917. Sie stehen nicht in der ganzen Tradition, denn zur gesamten Tradition der Kirche gehören synodale und auch demokratische Elemente. Dazu gehört zum Beispiel, dass eigentlich die Bischöfe anderthalb Jahrtausende lang von ihren Gemeinden gewählt worden sind."

Tradition, so hat der französische Historiker Jean Jaurès einmal formuliert, müsse nicht heißen, die Asche aufheben, sondern die Flamme am Brennen halten.

Bleibt eine der zentralen Fragen an Papst Franziskus: Kann er gleichzeitig Traditionen bewahren und theologische Fortschritte auf den Weg bringen? Kann er "die Flamme am Brennen halten"?

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