Seit 17:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 12.08.2020
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Tonart | Beitrag vom 23.07.2020

Unfälle in der MusikgeschichteWie Black Sabbath zu seinem Sound kam

Von Klaus Walter

Beitrag hören
Ozzy Osbourne steht während eines Black Sabbath Konzertes im Madison Square Garden in New York auf der Bühne. (Getty Images/ Wire Images/ Kevon Mazur)
Charakteristisch düster-dröhnendend: Ozzy Osbourne mit Black Sabbath während der "The End"-Tour 2016 (Getty Images/ Wire Images/ Kevon Mazur)

Mit Handicap in den Musikolymp: So ging es Black Sabbath, als Gitarrist Tommi Iommi zwei Fingerenden in einer Metallfabrik verlor. Auch Django Reinhardt sowie The Who wurden durch einen Unfall beziehungsweise einen Sprachfehler erst richtig berühmt.

Black Sabbath: Die Geschichte der Band aus Birmingham beweist, dass Heavy Metal nicht nur sprichwörtlich mit Metall zu tun hat. "An seinem letzten Tag in der Fabrik musste Tony Iommi für einen Kollegen an der Blechstanze einspringen", erzählt Frank Schäfer.

Tony Iommi ist Gitarrist von Black Sabbath. Der Mann mit der Reibeisenstimme ist Frank Schäfer. Frank Schäfer schreibt über Heavy Metal, und zwar so, dass auch Leute wie ich, die nichts von Heavy Metal verstehen, was verstehen. Wir sind in den frühen 60ern, die Fabrik steht in Birmingham, dem Zentrum der britischen Metallverarbeitung.

"Überall floss Blut"

Frank Schäfer zitiert den jungen Tony Iommi: "Ich hatte noch nie an der Maschine gearbeitet, und es lief alles ganz gut, bis ich für einen Moment die Konzentration verlor. Mit einem lauten Knall quetschte mir das Stahlmonstrum die Fingerkuppen der mittleren Finger ein. Reflexartig riss ich die Hand zurück und verlor dabei zwei Fingerenden. Entsetzt sah ich die hervorstechenden Knochen. Überall floss Blut."

Gitarrist Tony Iommi von der Band Black Sabbath während eines Konzertes in Jones Beach. Er spielt auf seiner Gitarre, im Hintergrund steht das Schlagzeug und es werden düstere Bilder auf eine Leinwand projiziert. (Getty Images/ Wire Images/ Kevin Mazur)Gitarrist Tommi Iommi von Black Sabbath musste nach einem Arbeitsunfall seine Spielweise ändern. (Getty Images/ Wire Images/ Kevin Mazur)

Für Frank Schäfer ist dieser Arbeitsunfall eine Urszene des Heavy Metal: "Nicht nur, dass Tony Iommi ohne diese Verletzung und den damit verbundenen Karriereknick sich niemals mit dem Anfänger Ozzy Osbourne eingelassen, es also niemals eine Band mit dem Namen Black Sabbath Band gegeben hätte. Nein, dieser Arbeitsunfall beeinflusste auch ganz fundamental Iommis Spielweise und Sound."

Tony Iommi muss seinen Stil neu erfinden, möglichst schmerzfrei. Frank Schäfer: "Also bastelte er sich, nachdem seine amputierten Finger wieder verheilt waren, mit Leder beklebte Plastikprothesen, die ihm ein halbwegs komfortables Greifen ermöglichten. Schließlich lockerte er den Saitendruck, um die lädierten Fingerspitzen zu entlasten. Dadurch veränderte sich zwangsläufig die Stimmung der Gitarre. Sie wurde tiefer. Und immer tiefer."

Black Sabbath, um drei Halbtöne runtergestimmt, notgedrungen. Der Tiefpunkt als Höhepunkt der Metalgeschichte: "Erst Iommis Verletzung schuf mithin den charakteristischen düster-dröhnenden, bronchialkatarrhalischen, das Genre definierenden Gitarrensound." So erklärt Frank Schäfer, wie aus einer hässlichen Verletzung ein bronchialkatarrhalischer Sound entsteht. Superwort auch: bronchialkatarrhalisch.

Django Reinhardt - nach einem Brand neu Gitarre gelernt

Wir bleiben bei gehandicapten Gitarristen: Django Reinhardt, einer der Jazzgitarristen des 20.Jahrhunderts. Auch hier ist die kreative Revolution der Kollateralnutzen eines Unfalls.

Als Django Reinhardt 18 Jahre alt ist, gerät sein Wohnwagen in Brand. "Beim Versuch, seine schwangere Frau zu retten, erlitt er schwere Verbrennungen. Fortan konnte er die beiden kleinen Finger der linken Hand nicht mehr bewegen", sagt Susie Reinhardt. Die Hamburger Autorin ist weitläufig mit Django Reinhardt verwandt und hat ihm ein Tribute-Album gewidmet: "Django's Spirit".

Was macht ein Gitarrist ohne die kleinen Finger der linken Hand? "Er hat alles neu erlernt, hat neue Akkorde erfunden und neue Spielweisen. Er hatte eigentlich nur Zeige- und Mittelfinger und hat den Daumen benutzt für das Drücken der unteren Saiten." So entwickelt Django Reinhardt aus seinem Handicap einen unverwechselbaren Stil.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

The Who 1965, "My Generation", die Mutter aller Songs über den Konflikt der Generationen. Er will keine große S-S-S-Sensation, er spricht nur über seine G-G-G-Generation, Roger Daltrey, Sänger von The Who setzt das Stottern, den vermeintlichen Sprachfehler, als Stilmittel ein. Der junge Sänger verschluckt sich an den Wörtern, das Stottern signalisiert den Unwillen, sich in der Sprache der Alten auszudrücken.

Für die Schriftstellerin Kathrin Röggla "ist heute nicht mehr verständlich, dass The Whos ‚My Generation‘ von der BBC 1965 nicht ausgestrahlt wurde, um die Gefühle der Stotterer nicht zu verletzen. Heute werden entweder Gefühle verletzt oder eine gewisse moderate Form des Stotterns als Teil der natürlichen Redeinszenierung wahrgenommen. Es ist einfach quasi authentisch, wenn es in einem gewissen Rahmen bleibt."

Weitere Folgen der Serie:
Verführerisches Bruzzeln eines kaputten Klangfilters
Innovationen in der Musik - Fehler is King

Mehr zum Thema

Film "Django" - Biopic in der Pathos-Falle
(Deutschlandfunk, Corso, 24.10.2017)

Black Sabbaths Debüt wird 50 - Heavy-Metal-Urknall mit Langzeitwirkung
(Deutschlandfunk, Corso, 15.02.2020)

Neues Album von "The Who" - Alte weiße Männer machen Musik für junge Generation
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 09.12.2019)

Tonart

Produzentin Linda PerryMastermind und Hitmaschine
Musikproduzentin Linda Perry (picture alliance / Invision / AP Photo / Rebecca Cabage)

Anfang der 90er galt Linda Perry als Popstar, war Frontfrau der 4 Non Blondes. Doch statt den Höhenflug fortzusetzen, verlegte sie sich auf die Arbeit hinter den Kulissen und ist als Produzentin noch erfolgreicher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur