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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.01.2010

Undurchsichtige Wohltätigkeit

Robert Jacobi: "Die Goodwill-Gesellschaft. Das Milliardenspiel der Stifter, Spender und Mäzene". Murmann Verlag, Hamburg 2009, 250 Seiten

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Wieviel Geld im Stiftungsbereich tatsächlich umgesetzt wird, weiß niemand so genau. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Wieviel Geld im Stiftungsbereich tatsächlich umgesetzt wird, weiß niemand so genau. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Heute boomt die Gemeinnützigkeitsbranche wie nie zuvor. Doch über die Stifter und Stiftungen, ihre Motive, Erfolgs- und Effizienzkriterien ist nur wenig bekannt. Robert Jacobi deckt in seinem Buch "Die Goodwill-Gesellschaft" die Hintergründe auf.

"Wir müssen sie zerstören!", schrieb einst der Finanzminister von Ludwig XVI., Turgot. Die Aggression des Ministers richtete sich gegen die zahlreichen wohltätigen Stiftungen, die im Frankreich seit dem Mittelalter existierten. Solche privaten Einrichtungen reicher Bürger, die ihr Vermögen nach ihrem Tod milden Werken und ihrem eigenen Seelenheil gewidmet sehen wollten, waren den Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufs Äußerste suspekt. Nach der Revolution 1789 wurden im Namen der Gleichheit aller Bürger sämtliche Stiftungen in Frankreich abgeschafft und blieben es fast zwei Jahrhunderte lang.

Wie sich die Zeiten ändern: Heute boomt die Gemeinnützigkeitsbranche wie nie zuvor, nicht nur in Frankreich, sondern überall. Stiftungen schießen wie Pilze aus dem Boden, mehr als 16.000 gibt es mittlerweile allein in Deutschland. Manche gebieten über Milliardenetats, andere sind winzig klein. Sie kümmern sich um öffentliche Aufgaben, für deren Erledigung der Staat oft keine Mittel mehr hat. Um so aktueller bleibt der alte Zweifel der französischen Aufklärer:

"Philanthropie ist fast immer zutiefst undemokratisch insofern, als die wohlhabende Elite ihre Ressourcen einsetzt, um ihre eigene Vorstellung von öffentlichem Wohl durchzusetzen."

So zitiert der Journalist und Medienberater Robert Jacobi in seinem Buch "Die Goodwill-Gesellschaft" den amerikanischen Politologen Peter Frumkin. Gutes tun ist selten einfach nur gut. Die vermeintlich so weitherzige Welt der Wohltätigkeit steckt voller Nickeligkeiten und Probleme, und das ist der Stoff, aus dem die spannenden und relevanten Sachbücher sind. Grund genug also, hohe Erwartungen in das Buch zu setzen.

Über die Stifter und Stiftungen, ihre Motive, Erfolgs- und Effizienzkriterien ist nur wenig bekannt. Über Geld spricht man hierzulande nicht gern, noch weniger über gute Taten. Man weiß noch nicht einmal genau, wie viel Geld der gemeinnützige Sektor tatsächlich insgesamt bewegt.

"Stiftungen, Vereine und vergleichbare Organisationen dürfen selbst entscheiden, ob sie Geschäftsszahlen preisgeben oder nicht. Es besteht keine Datenbank, die darüber informiert, wer hinter bestimmten finanziellen Zuwendungen steckt; nicht einmal darüber, welche Stiftung sich in welchem Umfang einem bestimmten Thema widmet. Geheimniskrämerei ist an der Tagesordnung."

Damit sind wir mittendrin im "Goodwill-Dilemma": Wohltätigkeit, so Jacobis Kernthese, muss sich an Erfolgskriterien messen lassen und sei der Gesellschaft, die sie über Steuerbegünstigungen mitfinanziert, Rechenschaft schuldig. Die verständliche Neigung der Stifter, mit ihrem Geld ihre Hobbys zu pflegen und sich dabei von niemanden dreinreden zu lassen, müssten Transparenz und Kooperationsbereitschaft weichen.

"Der gemeinnützige Sektor würde mit einem Schlag effizienter, wenn engagierte Menschen eine höhere Bereitschaft zeigen würden, sich in größere Zusammenhänge einzubringen, statt den eigenen Namen in der Form eines modernen Denkmals verewigen zu wollen."

Das klingt freilich kritischer, als es in Wahrheit ist. Jacobi, ehemaliger Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" und heute als Medienberater tätig, ist alles andere als auf Krawall gebürstet. Er hat bei sehr reichen Männern und Frauen Gesprächstermine bekommen, darunter SAP-Mitgründer Dietmar Hopp.

"Als ich Dietmar Hopp in seinem Golfclub fragte, woran er die Erfolge seines philanthropischen Engagements messe, ging ein Lächeln über sein Gesicht. 'Sehen Sie, wir haben dieses Hospiz gebaut, da kommen Briefe von Menschen, die dankbar sind, dass ihre Angehörigen in Frieden sterben konnten'."

Da würde etwas mehr Distanz zwischen Interviewer und Interviewtem der Sache gut tun. Doch insgesamt ist Jacobis Verzicht auf Anklage und Skandalisierung eher ein Vorzug als ein Nachteil des Buches. Was er zu bemängeln hat an der Praxis des Stiftungswesens, und das ist nicht wenig, das kommt in Form von Zahlen, Studien und Expertenzitaten daher, nicht in Form hämischer Anekdoten und Einzelbeispiele.

Jacobi will nicht emotionalisieren, sondern auf Probleme und Zusammenhänge aufmerksam machen. Sein Ziel ist nicht, das "Milliardenspiel der Stifter, Spender und Mäzene", wie der Verlag im Untertitel etwas reißerisch andeutet, zu entlarven und in Misskredit zu bringen. Im Gegenteil, er verliert nie den Respekt vor den altruistischen Motiven, die jede gemeinnützige Organisation antreiben, und sei sie noch so intransparent und ineffektiv.

Das Buch ist eine Expedition durch den unkartografierten Kontinent der Non-Profit-Welt und ein flammender Appell für mehr Mut zur Öffentlichkeit. Ein Stück Aufklärung eben.

Besprochen von Maximilian Steinbeis

Robert Jacobi: Die Goodwill-Gesellschaft. Das Milliardenspiel der Stifter, Spender und Mäzene
Murmann Verlag, Hamburg 2009
250 Seiten, 24,90 EUR

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