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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.06.2012

"Und so etwas nennt sich Leben!"

Iwan Gontscharow: "Oblomow", Carl Hanser Verlag, München 2012

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Iwan Alexandrowitsch Gontscharows Romane zählen zu den Hauptwerken des russischen Realismus.  (picture alliance / dpa / Novosti)
Iwan Alexandrowitsch Gontscharows Romane zählen zu den Hauptwerken des russischen Realismus. (picture alliance / dpa / Novosti)

Oblomow ist so träge, dass es ihm zum Verhängnis wird. Er verliert seine Angebetete an seinen tatkräftigen Jugendfreund und isst so viel, dass er einen Schlaganfall erleidet. Die neue Übersetzung des Romans von 1859 macht den feinen Witz deutlich und frischt den Text auf.

Der Held, der nicht handelt - das ist eine moderne Grundfigur. Ihre archetypische Darstellung stammt allerdings schon aus dem Jahr 1859: Iwan Gontscharows Oblomow, Urbild aller Leistungs-Verweigerer, Couchkartoffeln und Prokrastinierer.

750 Seiten und vier Teile umfasst der Roman. Im ersten liegt der Held unermüdlich auf dem Diwan und wird von einem Besucher nach dem anderen behelligt. Jeden fordert er auf, bloß nicht zu nahe zu kommen, er bringe kalte Luft herein. Keinem gelingt es, Oblomow mit Tatendrang anzustecken. Im zweiten Teil unternimmt er dann doch eine Ausfahrt und verliebt sich. Olga möchte den trägen, aber intelligenten und gutherzigen Mann fürs Leben zurückgewinnen, muss aber im dritten Teil schließlich einsehen, dass alle Liebesmüh vergebens ist. Daraufhin heiratet sie im vierten Teil den Tatmenschen und Unternehmer Andrej Stolz, Oblomows Jugendfreund und Widerpart, während Oblomow selbst mit seiner Köchin einen Bund schließt, der nach unverbesserlicher Schlemmerei schließlich zum Schlaganfall führt.

Zunächst wurde Oblomow als russischer Zeittypus verstanden, als Verkörperung der Misere einer maroden Adels-Oberschicht - mehr noch, als große Allegorie auf das Zarenreich, das den Herausforderungen der Moderne nicht angemessen begegnen konnte. Er gehört in die Reihe der "überflüssige Menschen", wie sie die russischen Romane des 19. Jahrhunderts zahlreich bevölkern. Auch Oblomow ist umgeben von lauter tatkräftigen Figuren aus diversen Milieus; Intriganten wie Tarantjew, Idealisten wie Stolz.

Aber ebenso gut ist Oblomow eine Märchenfigur. Das großartige Kapitel "Oblomows Traum" schildert seine Herkunftswelt: ein geschichtsenthobenes, von Krisen und Konflikten verschontes Schlaraffenland hinter den sieben Bergen, bestimmt von uralten Gewohnheiten, Aberglauben und reichlichen Mahlzeiten - ein Land, in dem der Mittagsschlaf den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildet. Grandios wird beschrieben, wie der kleine Ilja Iljitsch seine in Schlaf-Starre verfallene Mitwelt zur panischen Mittagsstunde beobachtet.

Darüber hinaus ist Oblomow mit Melvilles Bartleby verwandt in der Verweigerung des abendländischen Aktivitätskommandos: Er möchte lieber nicht. Er ist angehaucht von der großen Vergeblichkeit, ein Virusträger des philosophischen Nichts. "Und so was nennt sich Leben!" ist sein regelmäßiger Stoßseufzer beim Anblick umtriebiger Mitmenschen: " ... dieses ewige Herumrennen, das ewige Spiel der niederträchtigen Leidenschaften."

Neben der Philosophie sind hier aber auch die Psychologie und die Medizin zuständig. Denn Oblomows Antriebsschwäche hat etwas Pathologisches; der Verdacht auf eine verlarvte Depression liegt nahe. Die Kindheitsepisoden umreißen die Problematik des verhätschelten Einzelkindes. Die Helikopter-Mutter bewahrt ihn vor jeder Gefahr, jeder Herausforderung und pflanzt ihm unbewusst die Lebensangst ein. Zugleich haben wir es mit der Impulsschwäche des Transferempfängers zu tun. Oblomow braucht keinen Finger zu krümmen; der Rubel rollt von Gut Oblomowka (300 Leibeigene) herüber, und er kneift gern beide Augen zu, um nicht sehen zu müssen, dass er nach Strich und Faden betrogen wird.

Die letzte von bisher sieben "Oblomow"-Übersetzungen stammt aus dem Jahr 1960 - und ihr Verfasser hat viel aus einer Übertragung von 1925 abgeschrieben, wie Vera Bischitzky nun im Nachwort ihrer Hanser-Neuübersetzung nachweist. Ihre Fassung liest sich vorzüglich und leichthändig; macht den feinen Witz des Romans deutlicher, bringt die einfache, aber rhythmisch versierte Prosa Gontscharows zur Geltung, frischt den Roman auf, ohne sich willkürliche Modernisierungen zuschulden kommen zu lassen. Ein Lektürevergnügen.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Iwan Gontscharow: "Oblomow"
Aus dem Russischen von Vera Bischitzky
Carl Hanser Verlag, München 2012
838 Seiten, 34,90 Euro

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