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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.10.2016

"Uncertain States" an der Akademie der KünsteWas bedeutet Exil?

Von Jochen Stöckmann

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Beschreibung:Meron aus Eritrea blickt am 19.08.2015 im Zug von Rom nach Bozen (Italien) aus dem Fenster. Auf der Flucht vor Hunger Krieg und Verfolgung suchen viele Flüchtlinge das Glück in Europa (picture alliance/ dpa/ Nicolas Armer)
Auf der Flucht vor Hunger Krieg und Verfolgung suchen viele Flüchtlinge das Glück in Europa (picture alliance/ dpa/ Nicolas Armer)

Ungezählt sind die Schicksale der Menschen, die zurzeit vor Krieg, Terror und Armut aus ihrer Heimat fliehen. Die Berliner Akademie der Künste widmet ihnen einen Denk- und Experimentier-Raum und erinnert an Exilgeschichten aus den Jahren 1933 bis 1945.

Mal rein künstlerisch betrachtet: Ausnahmezustände, unsichere Zeiten sind gar nicht so übel, denn sie zwingen zum Experiment, befeuern die Fantasie.

"Nur ist das Wort 'Ausnahmezustand' so ein ausschließlich politischer Begriff. Während 'uncertain states' noch die Poesie hat von 'unsichere Zustände'. Das hat eine Doppeldeutigkeit, die wir leider im Deutschen nicht gefunden haben."

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste, wählte den englischen Titel – blieb aber bei der deutschen Unterzeile "Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen". Dahinter hätte man Malen im Rausch, ausgeflippte Drogenexperimente vermutet, damals, in den bewegten 68er-Jahren. Heute, im Zeichen von Flucht und Exil, nimmt die Akademie die Doppeldeutigkeit beim Wort: Mag der Ausnahmezustand Camps und Lagern beherrschen, die Kunst soll offensiv mit der Ausnahmesituation umgehen. Programmleiter Johannes Odenthal:

"In der künstlerischen Recherche ist diese Unsicherheit, dieses Risiko, sich auszuliefern ein starkes Statement, in dem es nicht nur darum geht, auf etwas Aktuelle zu reagieren, sondern sich in den Künsten so zu bewegen, dass es eine Probebühne ist für die Probleme, die dann politisch aufschlagen." 

Sinnestaumel im Elfenbeinturm

Aber zwingt oder verführt die balancierende Bewegung durch William Forsythes technisch aufwendigen Parcours aus Turnerringen an Polyestergurten wirklich zu einer politischen Entscheidung? Die Installation, finanziert von Susanne Klatten, Erbin der Industriellenfamilie Quandt, verspricht Sinnestaumel, ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Nicht im politischen, sondern im geschützten Raum. Im Atelier, in der Akademie – im  Elfenbeinturm. Der allerdings zum "Denkraum" erklärt wird.

Denn es geht um ein Projekt, nicht allein um die Ausstellung. Und deshalb macht ein "pop uf office" auf: Arrivierte Künstler wie Katharina Grosse beraten mittellose Neuankömmlinge, wie und wo sie finanzielle Förderung erhalten. Aber das ist nur ein Aspekt zwischen Lesungen, Performances, Diskussionen, zwischen faktenreicher Aufklärung und künstlerischen Fiktionen.

"Ich denke vor allen Dingen an diese affektiven politischen Richtungen, die zur AfD, zu Pegida geführt haben. Die eine weitere Verunsicherung unserer Gesellschaft bedeuten. Die wir auch mit dieser Ausstellung – nicht reflektieren, aber auf die wir antworten wollen."

Schriftliche Exil-Dokumente am eindrücklichsten 

Eine Antwort wäre: Empathie. Wie sie Richard Mosse mit seinen durch Infrarotfilm dramatisch verfärbten Fotos von zerstörten Hütten im Kongo beschwört. Oder der buchstäblich herzzerreißende Appell an humanitäre Verantwortung, wie er von Mona Hatoums Käfigen ausgeht, die knallrote Herzen, menschliche Plastik-Innereien gefangen halten.

Wem das zu viel der Gefühle ist, dem kann geholfen werden: Auch die Wissenschaft ist mit von der Partie – in Gestalt des Sonderforschungsbereichs "affective societies" der Freien Universität. Und da darf man noch einiges erwarten. Denn auch in der Doppel-Ausstellung wirkt vor der zeitgenössischen Kunst am eindrücklichsten der erste Teil, eine Auswahl zumeist schriftlicher Exil-Dokumente aus den Archiven der Akademie:

"Da gibt es tatsächlich unglaublich starke Momente. Wenn sie einen kleinen Zettel sehen, wo Heinrich Mann, der ist an einem Samstagabend im Februar in ein Konzert gegangen, da steht "Konzert" – und zwei Tage später: "abgereist". Jetzt könnten sie kein Filmbild finden, das solch eine Kraft hat."

Exil ist heute komplexer als in den 1970ern

Die Kraft der Filmsequenzen von Nasan Tur allerdings ist nicht zu unterschätzen. Der Videokünstler dokumentiert in Zeitlupe, wie im Waffengebrauch ungeübte Menschen den ersten Schuss abfeuern: verunsichert, die Augen schreckgeweitet. Bouchra Khalil erinnert mit ihrer Video-Arbeit an Algier in den siebziger Jahren – als Exil und weltweiter Sammelpunkt militanter Befreiungsbewegungen wie PLO und ANC. Die drohten gerne mal mit der Kalaschnikow, nicht nur symbolisch. Das blenden Künstler meistens aus. Dieser Blick auf das Exil ist Geschichte – und politisch keine Alternative mehr. Johannes Odenthal:

"Exil ist etwas, was aktuell eine ganz andere Dynamik und eine ganz andere Komplexität gewinnt, weil ganze Teile rundherum ums Mittelmeer wegbrechen als identitäre Orte. Wir müssen die Geschichten, die zerstört wurden auch nacherzählen von Armeniern, von den Kurden, von den Menschen, die zu uns kommen."

Unbeantwortet bleibt die Frage, warum das deutsche Exil nach 1933 keine "Befreiungsbewegung" hervorbrachte, ob Künstler sich nur als Opfer sehen. Hans Hartung etwa ging 1939 in die Fremdenlegion, um auch mit der Waffe gegen Hitlerdeutschland zu kämpfen. Der Maler war außerordentliches Mitglied der Akademie der Künste, in dieser Ausstellung fehlt sein Beispiel.

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