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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.12.2017

Unbequemes DenkmalWas passiert mit "Heydrichs Schloss"?

Von Iris Milde

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Panenské Břežany oder Jungfernbreschan in Tschechien (Deutschlandfunk Kultur / Iris Milde)
Schloss in Panenské Břežany oder Jungfernbreschan in Tschechien. (Deutschlandfunk Kultur / Iris Milde)

Über Jahre gehörte das Schloss in Jungfernbreschan in Tschechien dem Wiener Zuckerbaron Ferdinand Bloch, bis es von den Nazis arisiert wurde und 1941 SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich dort einzog. Jetzt soll der Landsitz verkauft werden.

"Heydrich kam mit seiner Frau und seiner Tochter aus dem Haus. Am Nachmittag kam der Stallmeister und ich fragte ihn, was ist los? Und er sagte: ´Es wurde ein Attentat auf den Chef verübt.` Und ich fragte: Ist er tot? Und er: ´Noch nicht.`"

Helena Vovsová war 15, als sie in die Dienste der Familie Heydrich trat. Bis heute lebt sie in dem Ort, wo sich das sogenannte "Heydrich-Schloss" befindet. Panenské Břežany oder Jungfernbreschan ist ein kleines Dorf vor den Toren Prags. Anfang des 18. Jahrhunderts ließen hier Benediktinerinnen eine Annenkapelle und ein Barockschlösschen errichten. Mitte des 19. Jahrhunderts kam ein repräsentativer Landsitz im klassizistischen Stil hinzu. 1909 kaufte beide Anwesen der Wiener Zuckerbaron Ferdinand Bloch.

"Damals war die Zuckerherstellung ein einträgliches Geschäft, sagt Hana Bílková, Direktorin des Heimatmuseums Prag-Ost. Böhmen und Mähren waren zu Habsburger Zeiten die Nr. 1 weltweit im Export von Zucker aus Zuckerrüben und Bloch hatte an dieser Entwicklung einen wesentlichen Anteil."

Ferdinand und Adele Bloch-Bauer waren schillernde Persönlichkeiten der Wiener Kunstszene. Adele förderte den jungen Gustav Klimt und stand ihm auch immer wieder Modell. Die "Frau in Gold" gehört heute zu den teuersten Gemälden weltweit. Die zweite Leidenschaft der "Goldenen Adele", wie sie deshalb auch genannt wurde, galt dem weitläufigen Park um das Untere Schloss in Jungfernbreschan.

"Nach ihrem Einzug begann Adele sofort mit der Rekonstruktion des Landschaftsparks. Schloss und Park gehörten damals zu den schönsten im ganzen Land."

Heute ist der Park verwildert

Heute ist es mit der einstigen Pracht nicht mehr weit her. Der 6,5 Hektar große Park ist verwildert. Fasane fliegen verschreckt aus dem Brombeerdickicht auf. Auf alten Postkarten sind Rabatten und sorgsam geschnittene Zierbäumchen zu sehen, dazwischen verschlungene Wege und Statuen mit Jagdmotiven.

"Dort ist das Schloss und dazu gehörte der Reitstall, weiter unten gibt es ein Schwimmbassin, das sich Lina Heydrich im Krieg von jüdischen Häftlingen bauen ließ. Nach dem Krieg übernahm ein Forschungsinstitut für Metall das Gelände und baute zahlreiche Labore und Werkstätten dazu."

Flucht in die Schweiz

Jan Brahlík kümmert sich heute um die nötigste Instandhaltung des Geländes und der Gebäude. Wir gehen vom Tor auf das Schloss zu. Der repräsentative Haupteingang mit acht Säulen, die einen Balkon tragen, liegt auf Rückseite. 1925 starb die "Goldene Adele". Ihr Mann, der jüdischer Abstammung war, musste mit der Besetzung der Tschechoslowakei in die Schweiz fliehen. Sein Schloss wurde von den Nationalsozialisten arisiert, erzählt Museumsdirektorin Hana Bílková.

"In seinem Schloss lebte dann der Reichsprotektor Konstantin von Neurath und auf ihn folgte im Jahr 1941 Reinhard Heydrich mit seiner Familie. Nach dem Attentat blieben seine Frau und die Kinder auf dem Schloss wohnen und Jungfernbreschan wurde zur Zweigstelle des KZs Flossenbürg erklärt. Die Gefangenen hielten die beiden Schlösser instand, arbeiteten im Garten sowie in den zugehörigen Wäldern."

Über eine breite, in roten Marmor gefasste Treppe gelangen Jan Brahlík und ich in die Belétage. Vor uns liegt ein stuckverzierter Saal mit Kassettendecke und breiter Fensterfront. Rechts und links gehen lange, dunkle Gänge ab.

"Hier links lebte Heydrich und rechts seine Frau. Jeder lebte sein eigenes Leben."

Jungfernbreschan, ein kleines Dorf vor Prag (Deutschlandfunk Kultur / Iris Milde)Der Eingang zum sogenannten "Heydrich-Schloss" in Panenské Břežany oder Jungfernbreschan, Tschechien. (Deutschlandfunk Kultur / Iris Milde)
Überall türmt sich Müll. Von 1946 bis '89 arbeiteten hier zeitweise bis zu 400 Mitarbeiter an der Erforschung von Metallen. Nach der politischen Wende wirtschafteten zwei Unternehmen auf dem Gelände. Inzwischen sind beide insolvent. Als schließlich Gerüchte durchs Dorf gingen, das Schloss könnte abgerissen und der Park als lukrative Baugrundstücke verkauft werden, klingelten bei Museumsdirektorin Bílková die Alarmglocken.

"Mir war es ganz und gar nicht egal, dass dieses herrliche Anwesen mehr und mehr verfiel. Nachdem ich festgestellt hatte, dass das Schloss nicht unter Denkmalschutz stand, habe ich gemeinsam mit anderen den Antrag gestellt."

Im März dieses Jahres wurde das Untere Schloss von Panenské Břežany zum Denkmal erklärt. Warum dies nicht schon viel früher geschah, kann sich Jan Žižka vom Nationalen Denkmalinstitut auch nicht erklären. Doch bei der Entscheidung für den Denkmalschutz spielten nicht nur architektonische Argumente eine Rolle.

"Das hat der Kulturminister in der Begründung auch ganz klar gemacht: Das Schloss ist auch ein Spiegel der Geschichte des 20. Jahrhunderts."

Schloss steht auf Denkmalliste

Mit der Aufnahme auf die Denkmalliste kann das Schloss nun nicht mehr abgerissen werden. Und es scheint, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Nun soll es definitiv verkauft werden, so Miloš Lenger, Assistent des Insolvenzverwalters.

"Das Auswahlverfahren wird wohl noch in diesem Jahr stattfinden. Interessenten gibt es, alle planen etwas im Bereich Wohnen oder Soziales, aber natürlich verrät niemand etwas Konkretes."

Beim Rundgang durch das Schloss zeigt Lenger auf vier runde Gläser mit einer silbrigen Flüssigkeit.

"Das ist Quecksilber. Der Käufer wird sich auch diesen Hinterlassenschaften des Forschungsinstituts stellen müssen."

Teile des Geländes seien schlichtweg kontaminiert, so die Bürgermeisterin von Panenské Břežany Lucie Fiury. Doch in der Gemeinde ist man guter Hoffnung, dass die lange Geschichte am Ende gut ausgeht.

"Wir wünschen uns natürlich, so Bürgermeisterin Fiury, dass der neue Eigentümer das Schloss in irgendeiner Art öffentlich zugänglich macht, dass der Saal genutzt werden kann oder vielleicht ein Restaurant entsteht. Viele kommen hierher wegen der Geschichte und bisher war das Gelände abgeriegelt und niemand konnte sich das Schloss anschauen."

Aufgearbeitete Schlossgeschichte

Die Geschichte von Jungfernbreschan und seiner beiden Schlösser indes ist bereits aufgearbeitet. Im Frühjahr hat das Heimatmuseum Prag-Ost dazu eine Dauerausstellung im Oberen Schloss eröffnet, wo während der Besatzung Staatssekretär Karl Hermann Frank residierte, faktisch der zweite Mann im Protektorat. Um diese Vorgeschichte scherten sich die Interessenten nicht, so Lenger, aber er gibt zu, dass man natürlich nie wisse, wer tatsächlich hinter einem potentiellen Käufer stehe. Hana Bílková indes findet es ungerechtfertigt, dass das Untere Schloss in Panenenské Břežany gemeinhin als "Heydrich-Schloss" bezeichnet wird.

"Weil Heydrich in diesem Schloss nicht einmal ein Jahr gelebt hat. Tatsächlich war dort seine Frau. Und das ist nur ein Bruchteil der Zeit, die die Familie Bloch-Bauer dort verbracht hat. Für mich ist es deshalb das Bloch-Schloss."

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