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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.07.2015

Unbedingter KinderwunschIm Sog des Machbaren

Stephanie Merckens im Gespräch mit Liane von Billerbeck

In einem Stickstoffbehälter lagern Kassetten mit eingefrorenen Eizellen in einem Labor im Universitätsklinikum in Tübingen. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Die Reproduktionsmedizin bietet inzwischen viele Möglichkeiten, Paaren den Kinderwunsch um jeden Preis zu erfüllen (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Mit 60 schwanger? Kinder mit drei biologischen Eltern? Die Reproduktionsmedizin macht's möglich. Doch über die ethischen und psychischen Nebenwirkungen des Kinderwunsches um jeden Preis wird viel zu wenig gesprochen, kritisiert Stephanie Merckens.

Der Fortschritt der Reproduktionsmedizin beschert vielen Paaren, die ansonsten kinderlos geblieben wären, doch noch Nachwuchs. Aber das hat seinen Preis, meint die Stephanie Merckens, Juristin und Referentin für Bioethik und Lebensschutz am Institut für Ehe und Familie der Österreichischen Bischofskonferenz. Sie fordert eine offene Diskussion über die ethisch-moralischen Kosten sowie die psychischen Folgen des "Sogs des Machbaren".

Das Kind soll perfekt sein 

Dauernd werde uns vorgegaukelt, dass es kein Problem sei, mit über 35 ein Kind zu bekommen, kritisiert Merckens. Dabei wisse man, dass eine Mehrlingsschwangerschaft meistens eine sehr problematische Schwangerschaft sei, die auch mit hohen Risiken für die Kinder verbunden sei. Dieser Aspekt werde in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch meist ausgeblendet. Genauso wenig werde das "Anspruchsdenken" problematisiert, das hinter dem Kind auf Bestellung steckt: "Ich habe mir ein gesundes Kind gewünscht, ich habe alles dafür getan, jetzt bitte, sei auch perfekt."


Das Interview im Wortlaut:  

Liane von Billerbeck: "Um jeden Preis" heißt dieser Film, und darin wird der unbedingte Kinderwunsch thematisiert. Und das ist ja ein Thema, das viele Leute umtreibt, auch die österreichische Juristin Stephanie Merckens. Sie ist Referentin für Bioethik und Lebensschutz am Institut für Ehe und Familie der Österreichischen Bischofskonferenz, zudem Mitglied der Ethikkommission des österreichischen Bundeskanzlers und auch in den Medien zu diesem Thema sehr aktiv. Guten Morgen, Frau Merckens!

Stephanie Merckens: Guten Morgen!

von Billerbeck: Es gibt ja viele Möglichkeiten für ein ungewollt kinderloses Paar, die es ja früher gar nicht gab: künstliche Befruchtung, Reproduktionsmedizin. Und dennoch ist ja so ein Weg kein leichter Weg. Was nimmt denn ein Paar auf sich, das auf diesem Wege ein Kind bekommen will?

Merckens: Da gibt es ziemlich viele verschiedene Wege. Wir sprechen meistens erst über die In-vitro-Fertilisation. Auch im Vorfeld gibt es schon eine meist längere Zeit, wo allein durch Gesprächstherapie, hormonelle Stimulation versucht wird, aus quasi natürlicher Befruchtung ein Kind zu empfangen. Wenn es dann um die Assisted Reproductive Technologies geht, dann braucht es hier immer am Anfang einmal eine hormonelle Stimulation der Frau, um mehr Eizellen zu gewinnen, als normal in einem weiblichen Zyklus reif werden, also normal eine.

Und hier werden möglichst viele, sollen mit einer Punktion, man sagt, richtig geerntet werden. Das können bis zu 20 sein, das ist eine sehr, sehr starke Belastung, allein bei der einfachen Form. Und dann gibt es ganz viele verschiedene Spielarten.

Im "Sog des Machbaren"

von Billerbeck: Meinen Sie denn, dass Paare ihren dringenden Kinderwunsch beiseite legen würden, wenn sie wüssten, was da alles auf sie zukommt?

Merckens: Das ist eine gute Frage. Es ist jedenfalls ein sehr wesentlicher Aspekt, dass es hier oft zu wenig Informationen gibt bei den einzelnen verschiedenen Schritten. Weil alleine dadurch, dass die Befruchtung sozusagen nicht mehr im weiblichen Körper geschieht, ist natürlich der Zugriff groß. Man kann alles mittlerweile auswechseln. Man kann Leihmütter einschalten, man kann Eizellen, fremde, sich nehmen, Samenzelle sich fremde nehmen.

Die medizinisch-technische Information ist wohl gegeben in den meisten Fällen, aber wie groß die psychische Belastung ist für die Frau und die Paare, was das für die Beziehung dieser Paare bedeutet, was das auch durchaus für das Kindeswohl bedeuten kann, das wird sehr oft ausgeblendet. Vielleicht wird es sogar informiert gegeben, aber es gibt nicht die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen ausreichend, oder oft wird sie nicht eingeräumt, und man ist auch – Paare, die schon oft ein Kind verloren haben, sind in einer ganz besonderen Situation. Und da gibt es durchaus auch schon Erkenntnisse, dass man da nicht unbedingt alles hört und wahrnimmt, was einem auch vermittelt wird.

von Billerbeck: Sie sagen ja auch, wir seien nicht ehrlich genug, und wir sollten mehr über die ethischen und moralischen Kosten solches Kinderwunsches reden, also jetzt nicht über das finanzielle, sondern die ethisch-moralischen Kosten. Was meinen Sie damit?

Merckens: Die künstliche Befruchtung macht etwas mit uns. Es ist ein Sog des Machbaren, dem wir dauernd nachgeben. Der Gesetzgeber reagiert auch meistens nur auf die Marktanforderungen und geht denen nach, den technischen Möglichkeiten. Wir gehen nicht zurück auf die wirklichen Ursachen. Kinderwunsch ist, und vor allem ein frustrierter Kinderwunsch ist etwas sehr, sehr Belastendes.

Natürlich ist es dann schön zu hören, dass es Möglichkeiten gibt oder Versprechen, technische Versprechen gibt. Wir gehen aber nicht auf die wirklichen Ursachen. Warum fällt es immer mehr Paaren schwer, auf natürlichem Wege ein Kind zu empfangen? Und da ist meiner Ansicht nach die öffentliche Hand wirklich gefragt dann, dem nachzugehen, weil da ist kein Gewinn zu erzielen. Es geht da um Dinge wie Umweltbelastungen, um das stetig steigende Alter, wann eine bisher gewollte Kinderlosigkeit in eine ungewollte kippt. Da gibt es ganz viele verschiedene Aspekte, die halt leider keinen Markt versprechen. Und deswegen brauchen wir hier die öffentliche Hand, die da hineinschaut.

Mehr Aufklärung und Bewusstseinsbildung vonnöten

von Billerbeck: Aber ist das nicht das Privateste überhaupt, ob und wann ich ein Kind oder Kinder bekomme, und soll da die öffentliche Hand hineinschauen? Das klingt mir irgendwie gruselig, wenn Sie das sagen.

Merckens: Das braucht Sie gar nicht besorgen. Es geht mir darum, wer übernimmt Verantwortung und wer hat die Mittel, auch Dinge anzuschauen, wo an sich keine Industrie dahinter Interessen hat. Das meine ich damit. Wer ist denn daran interessiert, wirklich zu schauen, was Umweltbelastungen auslösen? Wer ist interessiert daran zu schauen, Forschung zu betreiben, was das hormonelle Überangebot, mit dem wir mittlerweile schon leben, auslöst, was Stress auslöst, was es bedeutet, wenn uns dauernd vorgegaukelt wird, dass es kein Problem ist, mit über 35 ein Kind zu bekommen. Hier braucht es ja Aufklärung und Bewusstseinsbildung, damit diese, wie Sie sagen, private Entscheidung auch wirklich informiert geschieht.

Natürlich ist es die Entscheidung des Paares, wann ein Kind, wann sie bereit sind für ein Kind. Aber dann ist es wieder die Frage, zu welchem Preis, wie es vorher angesprochen worden ist. Und es ist nicht nur die einzelne Frau betroffen oder das Paar betroffen, sondern von dieser Entscheidung sind eben auch die Kinder betroffen. Und da braucht es eine ausgewogene Information, Bewusstseinsbildung und sehr viel mehr Forschung, als wir bisher haben.

von Billerbeck: Nun könnte man ja aber auch sagen, so ein Paar, das sich ganz sehnlich ein Kind wünscht, das ist doch für das Kind, das Sie ja gerade angesprochen haben, etwas sehr Schönes, denn das Kind kommt ja in ein Umfeld, das dieses Kind unbedingt möchte. Es wird also alles für das Kind tun. Das muss Sie doch freuen?

Merckens: Das ist einerseits ein bisschen vereinfacht dargestellt. Nur weil ich mir etwas besonders wünsche, heißt es noch nicht, dass es das beste Umfeld ist für das Kind. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir hier um dieses – es geht mir auch nicht darum, dass ich jetzt Kriterien anstelle, wie toll ein Umfeld ist, in das ein Kind gezeugt wird, sondern – da gibt es wohl gewisse Grenzen in der Jugendwohlfahrt, aber es geht mir darum, dass hier der Wunsch alles erlauben soll. Und zwar egal und vor allem auch den Blick trübt, den Blick dorthin trübt, wo man ja durchaus weiß, dass Probleme sind.

Problematische Aspekte werden ausgeblendet

Wir wissen, dass eine Mehrlingsschwangerschaft meistens eine sehr problematische Schwangerschaft ist, oder mit hohen auch körperlichen Risiken für die Kinder ist, weil die Frühgeburtlichkeit sehr viel höher ist und aus der Frühgeburtlichkeit einige Belastungen für die Kinder und, über die Mehrlingsschwangerschaft, für die Frau sind. Das sind Aspekte, die an sich schon bekannt sind, die aber ausgeblendet werden.

Und daher glaube ich, dass das eine sehr, sehr verschönerte Kurzfassung ist, zu sagen, nur weil sich ein Paar ein Kind wünscht und dieses Kind so erwünscht ist, dass das dann automatisch das beste Umfeld für dieses Kind ist. Da haben wir viele Aspekte ausgeblendet, nämlich gerade diese Belastungen durch die Frühgeburtlichkeit, auch dieses Anspruchsdenken: Ich habe mir ein gesundes Kind gewünscht, ich habe alles dafür getan, jetzt bitte, sei auch perfekt und entspreche auch.

von Billerbeck: Die Meinung der österreichischen Juristin Stephanie Merckens über den Kinderwunsch um jeden Preis. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Merckens: Bitte! Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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