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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2011

Unanständige Gedanken

Pierre Michon: "Die Grande Beune", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 103 Seiten

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In der Nähe der berühmten Höhle von Lascaux spielt Pierre Michons Roman (Brown University)
In der Nähe der berühmten Höhle von Lascaux spielt Pierre Michons Roman (Brown University)

Die Grande Beune ist ein Fluss im Südwesten Frankreichs, übrigens nicht so groß, wie der Name verheißt. Pierre Michon, 1945 gar nicht weit davon geboren, schickt einen 20-jährigen Lehrer in diese gottverlassene Gegend. Der junge Mann verliebt sich rettungslos in eine dralle Tabakverkäuferin.

Michon schreibt ganz unvergleichliche Bücher, sie sind zugleich romanhaft und fiktiv, essayistisch und biografisch – ob es nun um "Das Leben des Joseph Roulin" (deutsch 1990) geht, das heißt, van Goghs Briefträger und Modell, oder um "Herr und Diener" (1995), das heißt, die Maler Goya, Watteau und Piero della Francesca, oder um "Das Leben der kleinen Toten" (2004), das heißt, die namenlosen Menschen seiner Heimat, der Creuse. Sein neues kleines Buch erzählt vielleicht von ihm selbst. Es ist kurz, würzig, manchmal obszön – aber nicht vulgär, trotz aller Fleischeslust, die etwas Archaisches, Urwüchsiges und damit auch Unschuldiges hat.

Der Ich-Erzähler, ein junger Lehrer, wird 1961 in das Örtchen Castelnau an der Großen Beune geschickt, in der Nähe von Lascaux, wo die Höhle mit den berühmten urzeitlichen Wandmalereien liegt. Es ist eine Gegend von bestürzender Schönheit und voll erotischer Symbolik, "da gab es tiefe Täler, worin man nur den Himmel und verborgene Plätze unter Buchen sah". Michon schreibt über nichts weniger als den Ursprung der Welt, "L’origine du monde" hieß der Text ursprünglich. Gustave Courbet hat 1866 ein skandalöses Bild gleichen Titels gemalt, die "nackteste Nackte der Welt", die erst 1988 öffentlich gezeigt wurde. Courbets Akte locken mit lebensechten, fleischigen Körpern, sein "Ursprung der Welt" jagt dem Betrachter auf der Stelle "unanständige Gedanken ins Blut".

Das Zitat stammt aus Michons kleinem Roman, der nun "Die Grande Beune" heißt, und bezieht sich auf die Tabakverkäuferin Yvonne, "sie war groß und weiß, Milch. Voll, üppig, ausladend". Ganz wie Courbets Modell, mit einer Ausnahme: Yvonne hat ein Gesicht, allerdings eines, das sofort wieder zum Körper wird: Ihr "Gesicht war nackt wie eine Bauchhaut". Yvonne ist das geschlechtliche Wesen an sich.

Doch Yvonnes Geschlecht bleibt dem jungen Mann verwehrt, er tastet es nicht an. Ihre "Lustkenntnis", die er sofort durchschaut, hat sie von einem andern Mann, sie ist in festen Händen (wortwörtlich übrigens). Umso heftiger sind seine Fantasien von diesem "Prachtweib": sadistisch, fetischistisch, erniedrigend. Nackt und weiß ist auch die Höhle, die der junge Lehrer eines Tages gezeigt bekommt (ausgerechnet von diesem andern Mann, Yvonnes Liebhaber). Und wie die weiße Nacktheit von Yvonnes Gesicht (und sicher auch ihres Körpers) eine Quelle der Fantasien ist, so ist die weiße Nacktheit der Höhlenwand die Voraussetzung der Kunst.

Es regnet hier pausenlos, der Regen lässt die Träume realer werden, als die Welt es ist, er verspricht "die Sättigung unserer Träume hinter diesem grauen Vorhang, wo alles erlaubt ist". Die Grenzübertretung (wenn auch nur im Kopf, denn Yvonnes Fleisch ist ja für den besessenen jungen Mann tabu) ist das Thema dieses Wunderbuchs aus Erotik und Geist von Pierre Michon, dem für mich besten französischen Schriftsteller der Gegenwart.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Pierre Michon: Die Grande Beune
Aus dem Französischen von Katja Massury
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
103 Seiten, 12,90 Euro

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