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Studio 9 | Beitrag vom 03.07.2020

Umstrittenes Bild im Städel MuseumWarum Herolds "Ziegelneger" hängen bleiben sollte

Von Thorsten Jantschek

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Auf Georg Herolds Gemälde "Ziegelneger" werfen Menschen einem Schwarzen Mann einen Ziegelstein an den Kopf. Daneben ist eine grüne Ampel zu sehen. (bpk Berlin / Städel Museum)
Um Georg Herolds Gemälde "Ziegelneger" ist eine Rassismusdebatte entbrannt. (bpk Berlin / Städel Museum)

Ein Bild im Frankurter Städel Museum hat für einen Shitstorm gesorgt - "Ziegelneger" von Georg Herold. Ist es rassistisch und muss abgehängt werden? Oder soll es bleiben? Dafür findet unser Kommentator fünf Gründe.

Erstens: Weil das Museum ein Diskursraum ist und nicht eine Selbstbestätigungskammer politisch korrekter Moralisten. Wenn ernstzunehmende Leute sich streiten, ob ein Bild rassistisch oder antirassistisch gedeutet werden kann, ist das kein Schaden. Nicht für die Kunst, nicht für deren Auslegung, nicht für die Museen und erst recht nicht für die Öffentlichkeit.

Zweitens: Weil Kunstwerke aus ihrer Zeit heraus verstanden werden können. 1981 – zur Entstehung des Bildes – kann man es als eine Provokation gegen die moralgetränkte Kunst der 1968er à la Joseph Beuys lesen. Diese Provokation war mit, wie ich finde, solchen öden Bildern zwar schon damals pubertär. Aber selbst pubertäres Aufbegehren gegen eine zunehmend totalitäre Moral ist heutzutage offenbar nicht die schlechteste Haltung.

Drittens: Weil damit die bigotte Haltung des Städel Museums in Erinnerung bleibt. Das Museum hatte betont, es wolle "niemanden verletzen, provozieren oder triggern". Sind das nicht dieselben Leute, die in jeder zweiten Ausstellungseröffnung sagen, dass Kunst irritiert, verstört, Seh-und Denkgewohnheiten aufbricht? Mannomann!

Viertens: Weil ich die identitätspolitische Emphase der Autorin, die diese Debatte ins Rollen gebracht hat, für grundfalsch halte. Wenn sie schreibt, es kann nicht sein, dass ein weißer Künstler ausgewählt wird, um Rassismus aufzuzeigen, was soll man dann etwa mit den Werken des südafrikanischen Künstlers William Kentridge machen, der wie kaum ein anderer sich mit Kolonialismus und Rassismus auseinandergesetzt hat? Aus den Museen entfernen, weil er Weißer ist? So ein Unsinn.

Fünftens: Weil es dem quietschlebendigen Georg Herold die Möglichkeit gibt, den blöden Titel, der das N-Wort benutzt, zu ändern. Der war auch Anfang der 80er Jahre eine unsinnige Provokation. Die Gegenwartskunst hält dafür das berühmte "o.T." – ohne Titel – bereit. Auf geht’s, Herr Herold, auch Sie sind älter und weiser geworden. Dusselige Fehlleistungen können korrigiert werden, nicht auf dem Bild, aber darunter.

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