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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.12.2005

Umgekehrte Romantikerin

Familienepos "Ein Liebling der Götter"

Rezensiert von Edelgard Abenstein

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Die Atmosphäre vergangener Epochen wird wiedererweckt: das puritanische New England, das alte Rom oder das postviktorianische London.  (AP)
Die Atmosphäre vergangener Epochen wird wiedererweckt: das puritanische New England, das alte Rom oder das postviktorianische London. (AP)

Er zählt zu den berühmten Gesellschaftsromanen des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt von "Ein Liebling der Götter", der in Neuübersetzung erscheint, steht die elegante Constanza. Kultiviert, belesen und sehr eigenständig zählt sie mit ihrer Mutter zu den Paradiesvögeln der Society. Die 94-jährige Autorin Sybille Bedford, die mit Erika und Klaus Mann befreundet war, lebt heute in London.

Man mag es kaum glauben. Da lebt mit 94 Jahren eine Grand Old Lady der Literatur inmitten von London, führte ein Leben, schillernd wie ihre Romane, und die Welt weiß nichts von ihr, zumindest hier zu Lande: Sybille Bedford. Dabei wurde sie 1911 in Berlin geboren als Tochter einer schönen Engländerin aus der Upperclass und eines exzentrischen deutschen Barons, Maximilian von Schoenbeck, verbrachte ihre ersten zehn Jahre zwischen aristokratischen Salons der deutschen Hauptstadt und einem Schloss im Badischen, um Anfang der 20er Jahre mit der Mutter auf und davon zu gehen.

Fortan reisten die beiden zwischen England, Italien und Frankreich hin und her. Ungebunden wuchs sie auf, eine Kosmopolitin, zwischen den Ländern und zwischen den Kriegen. In einer idealen Welt, meinte die Mutter, gebe es keine verschiedenen Nationen, nur verschiedene Orte. Anfang der dreißiger Jahre strandeten die beiden schließlich im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, unter Malern, Dichtern und deutschen Intellektuellen, die ins Exil an die Côte d'Azur geflüchtet waren.

Der Roman "Ein Liebling der Götter" erzählt eine ähnliche Geschichte, eine Geschichte um Mütter und Töchter, um Verbindungen, die für die Ewigkeit zu gelten scheinen und gelöst werden, um Liebe, Rache und Vergebung.

Anna Howland, die Mutter, eine schöne und reiche Amerikanerin, heiratet den italienischen Fürsten Rico, mit dem sie eine Tochter hat, die eigenwillige Constanza, die ebenso freigeistig wie die Mutter erzogen wird. Als sie merkt, dass Rico sie von Anfang an betrogen hat, verlässt sie ihn, auch ihren gemeinsamen Sohn Giorgio und die Villa in Rom und nimmt Constanza mit sich nach London.

Dort leben Mutter und Tochter in Hotels, in wechselnden Wohnungen. Kultiviert, belesen und sehr eigenständig sind sie die Paradiesvögel der Society – bewundert, begehrt und ein wenig verachtet. Den Weltkrieg erleben sie aus der Ferne, den Zug Mussolinis auf Rom und einen Sozialismus, der in nichts dem ähnelt, wie er in den Büchern steht.

Später strandet Constanza mit ihrer Tochter Flavia auf dem Weg von Alassio nach Brüssel in einem kleinen Fischerort. "Wir blieben elf Jahre", so steht es im Prolog, "wie es schien ohne ersichtlichen Grund." Von diesem selbst gewählten Exil aus beginnt Flavia, die Enkelin, das Leben ihrer Mutter und Großmutter nachzuerzählen.

In prachtvollen Bildern lässt Bedford das drei Generationen umspannende Familienepos erstehen. Es vollzieht sich von seiner ersten Etappe zu Ende des 19. Jahrhunderts zwischen römischen Salons, überdimensionierten Hutschachteln, mit denen man auf Reisen ging und einem bigotten, gleichwohl fröhlichen Verwandtschaftsclan, immer getragen von einem sorgfältig angelegten amerikanischen Vermögensfonds, bis zu einem theatralischen Ehebruch und einer vorsätzlich versäumten Heirat.

Die Atmosphäre längst vergangener Epochen wird wiedererweckt: das puritanische New England der Jahrhundertwende, das alte Rom vor den Schwarzhemden, das postviktorianische London. Nur das Beste aus beiden Welten, der alten und der neuen, vereinigt Constanza, dieser Liebling der Götter, auf sich. Das Leben meint es gut mit ihr: schön, reich, umschwärmt, großzügig und sehr klug. Deswegen lässt Bedford sie auch stets die schönsten und geschliffensten Dialoge anzetteln, geistreich, schlagfertig, maliziös und menschenfreundlich.

Bei bestem Wetter nutzt der Roman die malerischsten Kulissen des frühen 20. Jahrhunderts: Rom und das Hinterland von Ravenna, die Adria, Schweizer Kurorte, das Savoy in London, Somerset und Brighton, Frankreichs Atlantikküste und die Còte d’Azur. Eine heile Welt, wie es scheint, doch unter der kunstvoll polierten Oberfläche kündigen sich zuerst die familiären, dann die politischen Katastrophen an.

Psychologisch genau und doch mit elegant leichter Hand schildert Sybille Bedford den Weg aus Konvention und Etikette und sie zeigt, welchen Preis es kostet, sich über den Standeskodex hinwegzusetzen. Denn anders als bei den Schriftstellern der feingesponnenen Gesellschaftspanoramen, Henry James etwa oder E.M.Forster, fehlt bei ihr das Motiv der großen, alles umstürzenden Liebe. Die verweigert sie, und darin offenbart sie sich, wie sie einen vertrauten Freund über ihre Heldin Constanza sagen lässt, als "umgekehrte Romantikerin".

"Ein Liebling der Götter", 1963 erschienen und uns nun in einer erstklassigen Neuübersetzung vorliegend, ist ein opulenter, schwelgerisch schöner Roman, temporeich ironisch, und wie seine Erfinderin, voll von preußisch-britischem Understatement.

Sybille Bedford
Ein Liebling der Götter.
Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier.
SchirmerGraf-Verlag, München 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro

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