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Interview | Beitrag vom 30.10.2018

Umgang mit Todespfleger Niels Högel"Die Verantwortlichen befürchteten einen Skandal"

Karl H. Beine im Gespräch mit Dieter Kassel

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30.10.2018, Oldenburg: Der wegen vielfachen Mordes angeklagte Niels Högel kommt in den Gerichtssaal.  (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa Pool/dpa)
Ex-Krankenpfleger Niels Högel: Der Prozess gegen ihn läuft wegen der zahlreichen Teilnehmer in den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg. (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa Pool/dpa)

Es war auffällig: Die Todesfälle in Anwesenheit des Krankenpflegers Niels Högel häuften sich. Und doch schwiegen Kollegen. Dann wurde er weggelobt. Warum? Der Psychiater Karl H. Beine erklärt den Fall des Todespflegers, gegen den ein neuer Prozess läuft.

Es ist der größte Mordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte: Högel, der wegen sechs Morden an Patienten bereits eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, muss sich jetzt wegen 100 Fällen in einer Oldenburger und einer Delmenhorster Klinik verantworten. Es geht um die Jahre 2000-2005. Mehr als 120 Angehörige der Opfer sind bei dem Prozess in Oldenburg anwesend.

Eine Frage der Führung

Dass es zu den mutmaßlichen Taten überhaupt kommen konnte, liege anfangs an langen "Latenzzeiten", sagt Karl H. Beine, der an der Universität Witten/Herdecke Psychiatrie lehrt: Jeder halte es zunächst für unmöglich, dass ein Kollege so etwas tue. "Aber wenn über einen solchen Verdacht offen geredet wird, dann ist es eine Frage der Führung, ob ein solcher Verdacht adäquat bearbeitet wird oder nicht."

Strichlisten in der Klinik

In Högels Fall seien in der Oldenburger Klinik Strichlisten geführt worden, die belegten, dass niemand so häufig bei Todesfällen anwesend war wie der damalige Krankenpfleger. Dennoch wurde er zunächst nur versetzt und dann mit einem guten Zeugnis in eine andere Klinik weggelobt, sagt Beine: 

"Wenn das so zutrifft, dann kann man in diesem Fall davon ausgehen, dass der befürchtete Imageverlust, der befürchtete Skandal höher bewertet wurde als die Patientensicherheit und dass Verantwortliche dort die Ermittlungsbehörden nicht informiert haben, weil sie einen öffentlichen Skandal befürchteten."

Damit rechnen, dass so etwas passiert

Gegen diesen Mechanismus könne man mit standardisierten Überwachungen vorgehen - im Hinblick auf Medikamentenverbrauch, Dienstzeiten und Todeszeitpunkten. Wichtiger sei es jedoch damit zu rechnen, "dass so etwas möglich ist". Man müsse achtsam sein bei Frühwarnzeichen von Mitarbeitern. Und: "Wir müssen mutig sein, solche Fälle dann auch den Ermittlungsbehörden zu übergeben und dann die Ermittlungen zu ertragen." (bth)

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