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Zeitfragen | Beitrag vom 28.11.2019

Umgang mit dem toten KörperDer letzte Weg

Von Martina Keller

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Bochum Hauptfriedhof mit Krematorium. Hier werden Leichen verbrannt und eingeaeschert. Auf einem Gang steht ein Sarg. (imago/biky)
Das Krematorium auf dem Bochumer Hauptfriedhof. (imago/biky)

Wenn ein Angehöriger stirbt, übernimmt oft ein Bestattungsübernehmen. Es gibt keine Totenwacht mehr, die Leichenwaschung übernehmen Fremde. Das liegt auch daran, dass viel Wissen über den Tod verloren gegangen ist.

Der Schattbach-Friedhof in Bochum, ein kleines Areal mit hohen alten Linden. Es gibt Reihengräber mit Blumen, Sträuchern und Gedenksteinen, aber auch Rasengräber, wo nur ein quadratischer Stein mit Inschrift an die Verstorbenen erinnert.

Das Rasengrab meiner Mutter liegt an einem Platz, der nachmittags von der Sonne beschienen ist. Sie hatte sich das so gewünscht, mochte diesen Friedhof, wollte aber auf keinen Fall im ewigen Schatten begraben werden, den es unter den hohen Bäumen auch gibt.

Meine Schwester, mein Freund und ich bringen ihr ein neues Blumengesteck. Aber erst machen wir den Naturstein mit Zahnbürste, Schwamm und ein bisschen Spülmittel sauber. Fast 15 Jahre ist es her, dass meine Mutter hier begraben wurde. In einem hellen Sarg, geschmückt mit Sonnenblumen und Rosen, das hätte sie gemocht. Es war ein Tag im Mai, die Sonne schien; ich weiß noch, wie froh ich darüber war.

Ihr letzter Weg – hier endete er. Jeder hat so einen Weg vor sich. Wie er aussieht – darüber weiß man wenig. Was geschieht mit einem toten Körper, bevor er seinen Frieden findet? 

"Wir wissen es jetzt ja im Moment noch nicht, für welchen Sarg sich eine Familie am Ende entscheidet, deswegen entscheiden wir es jetzt erst mal. Wir haben ja meistens erst die Überführungssituation, und dann die Gespräche mit den Familie. Deswegen nehmen wir erst mal einen schlichten, hellen Pappelholzsarg."

Christian Hillermann leitet das Hamburger Bestattungsunternehmen Trostwerk. An diesem Vormittag fährt er mit einem Kollegen zu einem nahegelegenen Krankenhaus, um den Leichnam einer alten Frau abzuholen.

"So sieht es in einem Sarg aus, da ist eine Matratze drin. Wir haben so einen Naturstoffausschlag und noch so zwei, drei Laken zum Unterlegen und Abdecken der verstorbenen Person während der Einbettung."

Hillermann und seine Kollegen wissen im Vorhinein oft nicht, wann sie los müssen. Deshalb haben sie in ihrem Lager stets einen Sarg bezugsfertig vorbereitet. Sie verladen ihn in einen für diesen Zweck ausgestatteten Transporter. Die Farbe: weinrot. 

"Also, das haben wir von Anfang an so gehabt. Wir wollten uns eben bewusst ja von der Farbe Schwarz ein bisschen lösen. Natürlich steht die geschichtlich für Tod und Trauern, auch nicht nur in unserer Kultur. Aber sozusagen für die Abholung von Zuhause war es uns sehr wichtig, halt so alltäglich wie möglich an die Menschen ranzugehen. Wir haben uns ganz am Anfang für die Farbe Dunkelrot entschieden, eher assoziiert mit Liebe und Leidenschaft. Liebe und Leidenschaft kommt unserem Begriff von Trauer ein Stück weit näher als der reine Fokus auf das, was alles traurig ist oder verloren gegangen ist, was sich vielleicht eher in der Farbe Schwarz ausdrückt. – Jetzt haben wir den Sarg im Auto und spannen ihn noch ein, dass er schön stabil steht. Dann können wir auch losfahren." 

Die Leichen liegen im Keller

Hillermann, der von einem Kollegen begleitet wird, schlängelt sich durch den Verkehr im Stadtteil Eimsbüttel, wo das Haupthaus von Trostwerk angesiedelt ist. Eine Filiale gibt es außerdem. Die Bestattungsfirma, 2003 gegründet, hat 16 Mitarbeiter – und drei Transporter.

"Das Auto spielt in der Bestatterwelt, Bestatterinnenwelt eine relativ große Rolle. Erkennt man auch daran, dass das Bestattungswesen zum Beispiel in der Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltung organisiert ist. Also nicht, wie man vielleicht denken könnte, was ja tendenziell in unserem Verständnis eher ein sozialer Beruf ist, dass man in entsprechenden Berufsgenossenschaften sich wiederfinden würde. Die Gesellschaft geht offenkundig davon aus, dass Bestattungsunternehmen in erster Linie Auto fahren."

Der Transporter erreicht die Einfahrt zur Tiefgarage des Krankenhauses. 

"Die Pathologien sind meist in den Untergeschossen angesiedelt, daher kommt das Bonmot von den Leichen im Keller."

Hillermann scherzt. Die Redewendung von "der Leiche im Keller" hat andere Wurzeln: Ungetaufte durften früher auf katholischen Friedhöfen nicht bestattet werden. Starb ein Kind, bevor es getauft werden konnte, begruben die Eltern es oft heimlich in ihrem Haus, zum Schutz vor bösen Geistern. Der Keller bot sich an, weil selten ein Fremder dorthin kam. Im Krankenhaus hat die Lagerung der Verstorbenen logistische Gründe. 

"In der Tat ist es offensichtlich Krankenhaus-architektonisch sinnvoll, die pathologischen Abteilungen meistens im Erd- oder Untergeschoss anzusiedeln, da kommen wir dann ins Spiel."

Von der Tiefgarage schieben die beiden Männer einen Rollwagen mit dem Sarg zu dem Raum, in dem das Krankenhaus seine Verstorbenen lagert.

"Hier ist jetzt der Raum mit den Kühlzellen, da gibt es in diesem Fall neun Plätze für neun Verstorbene, und wir müssen jetzt gucken, auf so kleinen Schildchen, wo ist jetzt unsere Person, die wir abholen… ja hier unten, genau."

Der Kühlraum erinnert an ein Setting aus einem Tatortkrimi. Boden und Wände sind weiß gekachelt. Links ein großes stählernes Kühlfach mit Platz für drei Leichen, daneben sechs kleinere. Außen an den Fächern stehen die Namen der Verstorbenen. Die alte Dame, die abgeholt werden soll, hat zusätzlich einen kleinen Zettel an ihrem großen Zeh, wie man das ebenfalls aus Krimis kennt. So ist jede Verwechslung ausgeschlossen. 

"So, dann müssen wir uns jetzt hier, zum Wohle unserer Bandscheiben uns der technischen Hilfsmittel wieder bedienen…"

Mithilfe eines Hublifters befördern die Männer die alte Frau in den Pappelholzsarg. Ein leichtes, kleines Bündel, einhüllt in ihr letztes Bettzeug, um das noch ein Spannbetttuch aus Frottee gewickelt ist. Im Krankenhaus bleibt keine Zeit, eine Verstorbene noch einmal zu waschen und anzukleiden. So geht es zur vorletzten Station auf ihrem Weg, das Abschiedshaus von Trostwerk in Eimsbüttel. 

"Also in absoluten Zahlen sterben mit Abstand die meisten Menschen in Krankenhäusern. Durch unser Profil unseres Betriebes haben wir aber auch viele Menschen, die wir aus Hospizen abholen, weil Menschen, die sich für einen Hospizplatz entscheiden für ihre Sterbeprozesse, manchmal auch eine gewisse Affinität haben dann zu unserer Art der Weiterbegleitung als Bestattungsunternehmen. Und dann gibt es natürlich noch manchmal Menschen, die das tun, was alle wollen,nämlich zuhause sterben, aber das ist den wenigsten vergönnt."

Auch meine Mutter starb seinerzeit in einem Krankenhaus, schlief einfach ein, nachdem sie zuvor noch Besuch von ihrer Schwester aus der Schweiz bekommen hatte. Der Tod kam so leise, dass die Zimmernachbarin ihn nicht bemerkte. Wie lange sie noch in ihrem Bett liegen durfte, bis sie weggebracht wurde, weiß ich nicht.

Gestorben wurde zu Hause

Sterben im Krankenhaus war nicht immer die Regel.

"Der übliche Sterbeort ist zu Hause gewesen. Natürlich sind Menschen auch anderswo gestorben, aber tatsächlich dieses häusliche Sterben, das ist üblich gewesen, das hat sich natürlich im Laufe der Zeit verlagert…"

Ulrike Neurath ist Kustodin am Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Das Museum widmet sich dem Umgang mit Tod, Bestattung und Trauer heute wie früher.

"Verstorbene sind von ihren Angehörigen versorgt worden, das heißt: Die Organisation eines Begräbnisses, alles was damit dranhängt, das war im Grunde eine Aufgabe der Familie, aber auch der Nachbarn, Nachbarschaftshilfe spielt eine große Rolle. Und damit hat man auch einen Hinweis, dass im Grunde der Beruf des Bestatters, wie wir ihn heute so selbstverständlich kennen, dass es den eben noch nicht seit Jahrhunderten gibt, sonders es ist im Grunde erst eine Erscheinung des ausgehenden 19. Jahrhunderts."

Meine Mutter hat als Kind den Abschied zu Hause noch selbst erlebt. Sie berichtete davon, als ich sie Jahre vor ihrem Tod einmal bat, mir ihr Leben zu erzählen.

Erika Keller: "Als zum Beispiel der Großvater gestorben ist, mein Großvater, in der Nacht, als der starb, das war noch Sitte, dass die Frau Stöhr und noch eine Nachbarin, die haben da Totenwache gehalten. Die waren bei ihm, als er starb, und die haben ihn auch gewaschen und haben ihm das Hemd angezogen. Das war noch so, weißt du? Die Nachbarschaft war noch so, ne."

Die Großmutter war zu der Zeit schon tot. Sonst hätte sie wohl die Totenwache bei ihrem Mann und die Versorgung des Leichnams mit übernommen. Das Hemd, das die Nachbarinnen dem Großvater anzogen, war ein sogenanntes Totenhemd. Aus eigenem Erleben kenne ich so etwas nicht mehr, aber im Museum für Sepulkralkultur ist ein Exemplar hinter Glas ausgestellt.  

Neurath: "Wir haben hier ein historisches Totenhemd, ein Totenhemd aus Leinen. Und das ist ganz schlicht, das ist weiß. Und das einzige, was man noch auffällig sieht, ist oben, dass am Halsausschnitt die Initialen eingestickt sind und auch aus noch aus welcher Zeit das stammt oder angefertigt wurde. Das ist in dem Fall das Jahr 1880. Und kulturhistorisch das Besondere daran ist einfach, dass man so ein Totenhemd früher Menschen geschenkt hat, relativ früh im Leben, zum Beispiel zur Konfirmation. Das haben zum Beispiel Paten dann ihrem Patenkind zur Konfirmation geschenkt."

Ein zusammengefaltetes Totenhemd liegt in einem Sarg. (imago/JOKER/PetraxSteuer )"Das letzte Hemd hat keine Taschen." Ein Totenhemd für eine Erdbestattung. (imago/JOKER/PetraxSteuer )
Mein mittlerweile erwachsenes Patenkind hätte sich schön bedankt, hätte ich ihm seinerzeit zur Konfirmation ein Totenhemd geschenkt. Er bekam, wenn ich mich recht entsinne, einen Lenkdrachen.

Neurath: "Und das zeigt aber sehr deutlich, dass man eben 1880 in dem Fall mit dem Tode noch ganz anders umging. Und das hat etwas damit zu tun, dass in der Zeit ja die Lebenserwartung auch noch nicht so hoch war. Man sollte einfach schon im Leben sein letztes Hemd einfach besitzen."

In bayrischen Dörfern war es Sitte, das letzte Hemd im Kleiderschrank oben auf den Stapel mit Hemden zu legen. So sah man jedes Mal, wenn man etwas Frisches anzog, das Totenhemd – ein Memento Mori, eine Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit. Und an die Tatsache, dass im Tod alle gleich sind.  

Neurath: "Das letzte Hemd hat keine Taschen, weil man ja nichts mitnehmen kann, aber weil man natürlich auch nichts mitnehmen sollte. Jetzt kann man sagen, das widerspricht sich doch ein bisschen –

nicht so ganz: Denn da sind wir wieder beim Thema Aberglaube, Volksglaube. Es gab es in früheren Jahrhunderten (die Überzeugung, MK), dass ein Toter vielleicht nicht wirklich tot ist, sondern gegebenenfalls doch wiederkehren könnte. Und deswegen sollte eben das letzte Hemd auch keine Taschen haben, weil: Er soll nichts mitnehmen können, das heißt, es soll keine Verbindung zu den Lebenden gehen, ja."

Meine Mutter, die mit Vornamen Erika hieß, war sieben Jahre alt, als ihr Großvater 1929 starb. Ihr Bruder Erich war fünf.

"Der war aufgebahrt im Haus. Stand sein Sarg und war er aufgebahrt. Und dann standen wir alle da drum rum. Der Pfarrer Kromberg hat eine Rede gehalten und ihn eingesegnet. Und da kam der Erich rein, aus der Küche, und der hatte ein großes Stück Streuselkuchen in der Hand, das hatten sie ihm gegeben. Und der hatte den Streuselkuchen in der Hand (lacht) und stellte sich neben den Sarg, guckte den Opa an, aß Streusel und guckte wieder den Opa an. Manchmal habe ich schon gedacht, der bietet ihm gleich auch noch was an von dem Streuselkuchen. Das war so, und das war irgendwie schön, ne? Das haben alle als schön empfunden, ne? Das war ja sein Opa, ne. Und dass der nun die Augen zu hatte – der schlief einfach, nech."

"Handschuh? Ja Handschuh…"

"Dann öffnen wir jetzt mal den Sarg"

Im Versorgungsraum von Trostwerk bereitet sich Christian Hillermann mit einem Kollegen darauf vor, einen verstorbenen alten Mann zu waschen und anzukleiden.

"Wir schützen uns natürlich ein Stück weit vor potentiellen Infektionsrisiken, die in der Arbeit mit den Körpern anderer Menschen immer drin steckt. Das kennt man aus der Pflege, das kennt man aus dem medizinischen Bereich auch. So ist es ein Bestattungswesen, dass wir ein Stück weit gucken müssen, dass wir uns keine Infektion zuziehen. Gut, bei manchen körperlichen Verunreinigungen ist man ja auch ganz froh, dass man Handschuhe an hat."

Der Versorgungsraum wirkt freundlich, trotz Chromliege und Wasseranschluss dahinter. Der Boden ist rötlich-braun gefliest, die Wände sandfarben gestrichen. Es gibt eine Holzkommode und Bilder an der Wand. Vor neugierigen Blicken von außen schützen Jalousien an den Fenstern. 

"Dann öffnen wir jetzt mal den Sarg."

Der Verstorbene ist unbekleidet, nur von einem Laken bedeckt, wie immer, wenn ein Leichnam aus einem Krankenhaus oder dem rechtsmedizinischen Institut der Universitätsklinik abgeholt wird.

"Hier ist irgendjemand auf die Idee gegangen, dem Verstorbenen für den Transport die Arme zusammen zu binden, zu kleben… Muss man nicht machen."

Der Tote wird per Hublifter vom Sarg auf die Chromliege gehoben, Hillermann und sein Kollege entsorgen die Laken in einem Abfalleimer.

"Das hast du gesehen, löst sich… Ja."

Als Erstes verschaffen sich die beiden Bestatter einen Eindruck vom Zustand des toten Körpers. Das Gesicht halten sie vor mir bedeckt, es sieht nicht mehr gut aus. Der Unterleib wirkt grünlich. Der Mann hatte in seiner Wohnung einige Zeit tot im Bett gelegen, bevor er gefunden wurde. Körperliche Veränderungen nach Eintritt des Todes sind normal.

Das Leben weicht langsam aus dem Körper

"Es gibt natürlich eine große Spannbreite, viele Varianten, kommt immer drauf an, was eventuell für Krankheiten vorgelegen haben. Zum Beispiel beim Darmverschluss gibt es viel schnellere und andere Veränderungen als jetzt beim anderen Tod. Aber im Grunde genommen muss man sagen: Es ist nicht sofort jede Zelle tot, und insofern geht also auch die Veränderung nicht immer geradlinig einher."

Olaf Cordes ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Bremen. 

"Also es gibt zum Beispiel Nerven und Muskelreaktionen, die man auch noch teilweise Stunden nach dem Tod auslösen kann, durch elektrische Reize, zum Beispiel. Das macht man sich dann halt auch bei der Todeszeit-Bestimmung, wenn's halt forensisch relevant wird, von Nutzen."

Olaf Cordes und seine acht Mitarbeiter führen bei allen Verstorbenen in Bremen eine Leichenschau durch. Bremen ist das einzige Bundesland, wo jeder Tote von einem Rechtsmediziner äußerlich untersucht wird. Das ist seit 2017 gesetzlich so vorgeschrieben, auch eine Reaktion auf die lange unentdeckten Morde des Krankenpflegers Niels Högel. Die meisten Veränderungen haben aber natürliche Ursachen.

"Man kann grob unterscheiden, dass einmal es zu einer Autolyse kommt. Also man kennt ja vielleicht diese Vorsilbe ´auto`, von ´selbst`, das ist im Grunde genommen eine Selbstauflösung. Passiert zum Beispiel insbesondere im Bereich des Magens und der Bauchspeicheldrüse, wo im Grunde genommen die Verdauungssäfte des Körpers dann freigesetzt werden. Schutzmechanismen wie also Schleim zum Beispiel dann halt nicht mehr wirkt und sich der Körper in diesen Bereichen selbst zersetzt. Dagegen gibt es dann noch die, ich sag mal, in Anführungszeichen ‚normale‘ Fäulnis, wo also Bakterien von außen oder halt die schon im Körper sind, im Darm zum Beispiel, dann anfangen, den Körper zu zersetzen."

Bei dem Verstorbenen im Versorgungsraum von Trostwerk sind die Fingernägel bräunlich verfärbt – ein klassisches Zeichen für den eingetretenen Tod. Blutpartikel werden nicht mehr abtransportiert. Die Nägel wirken recht lang. Sind sie nach dem Tod noch gewachsen?

"Auch für Haare und Nägel gilt, dass die Zellen da nicht sofort tot sind, mit dem eigentlichen Todeszeitpunkt. Aber das sind so Gewebe, die per se ja so langsam wachsen, dass man also die Zellteilung nicht mehr mit bloßem Auge sehen würde. Der Effekt, dass man denkt, die Nägel wachsen noch, liegt einfach daran, dass die Haut da drunter vertrocknet durch den Flüssigkeitsverlust und es dadurch dazu kommt, dass also der Abstand zwischen Haut und Nägeln größer wird."

Christian Hillermann wischt die Haut des Verstorbenen mit einem feuchten Tuch ab, das auch desinfizierend wirkt. Sein Kollege Harm Hinz sucht die Kleidung heraus, die dem Verstorbenen von seiner Familie mitgegeben wurde. Hinz hat früher in der Alten- und der Schwerstbehindertenpflege gearbeitet. 

"In der Regel sehe ich persönlich das auch erst mal so als einen pflegerischen Akt. Wir tun das, was wir für nötig halten, was der Sache dienlich ist. Je nach dem, was im Anschluss an die Versorgung noch geplant ist, ob es einen Abschied gibt. Das heißt, waschen, auch medizinische Versorgung, falls das nötig ist, Wundversorgung, aber immer eigentlich erst mal im Sinne einer pflegerischen Tätigkeit."

Bestattung nach DIN-Norm

Der Bundesverband deutscher Bestatter verpflichtet seine Mitglieder, sich an die DIN EN 15017 zu halten, eine Norm für das Bestattungswesen, die unter anderem den Umgang mit Verstorbenen regelt. Sie schreibt vor, dass Körperöffnungen geschlossen werden müssen, etwa durch Tamponaden. Trostwerk ist wie viele alternative Bestatter nicht in dem Berufsverband organisiert. Den Toten zu tamponieren hält Hillermann für meist verzichtbar und mitunter übergriffig. 

"Wir versuchen wirklich, eben so wenig wie möglich und so viel wie gerade nötig zu tun. Und wenn man jetzt weiß: Nachher kommt die Familie zum Abschied, dann gucken wir natürlich, wie kriegen wir das bestmöglich hin, dass der Anblick weitestgehend vertraut sein kann. In anderen Situationen, wo wir wissen, die Familie wird sicher nicht mehr kommen, versuchen wir natürlich auch entsprechend nicht mit allen Tricks, den Verstorbenen noch zurecht zu machen, sondern dann beschränken uns tatsächlich auf eine reine pflegerische Tätigkeit. Wir ziehen die Menschen an, und dann ist auch gut."

Eine Jeans, ein Hemd mit kleinen hellblauen Karos und ein Polohemd liegen zum Anziehen bereit. Hillermann streift dem Toten zunächst die Hose über. Sein Kollege Hinz hebt dazu erst das linke, dann das rechte Bein an. Es wirkt wie das Anziehen einer Schaufensterpuppe. Die Gelenke eines Verstorbenen sind nicht so geschmeidig wie zu Lebzeiten. Dabei hat sich die Leichenstarre, die wenige Stunden nach dem Tod eintritt, bereits wieder gelöst.

Cordes: "Die kann auch so kräftig sein, das man also wirklich die Gelenke auch mit großer Gewalt nicht mehr bewegen kann, und die löst sich so, da hängt es dann stark von der Temperatur ab, so nach zwei, drei Tagen etwa."

Dass es zu einer Leichenstarre kommt, hängt mit der Substanz Adenosintriphosphat zusammen, kurz ATP. 

"Das liegt daran, dass das sogenannte Weichmacher-ATP, was also für die Muskelkontraktion wichtig ist, nach dem Tode zerfällt. Also das heißt, bei der Muskelbewegung geht es ja einmal drum, den Muskel halt zu verkürzen, und aber er muss sich ja auch irgendwo stabil halten. Und um diese stabile Verbindung zu lösen, wird Energie verbraucht, die nach dem Tod dann halt irgendwann zerfällt. Und das heißt, der Muskel erstarrt dann in der Position, in der er sich gerade befindet. Und das Lösen der Starre ist dann schon im Grunde genommen ein Fäulnismerkmal."

Der Tod ist nicht mehr sichtbar

Für Bestatter oder Angehörige, die einen Toten versorgen möchten, heißt das: Entweder bald nach Eintritt des Todes beginnen oder nach zwei, drei Tagen. Als meine Mutter vor fast 15 Jahren starb, kam ich gar nicht auf die Idee, dass meine Schwestern und ich die Totenfürsorge selbst übernehmen könnten. Es schien mir so normal, dass dies die Aufgabe eines Bestatters wäre.  

"Heutzutage ist der Tod für viele Menschen eher unsichtbar geworden."

Ulrike Neurath vom Museum für Sepulkralkultur. 

"Das sieht man nicht nur daran, dass der Tote schnell den Profis übergeben wird, wie Pflegekräfte oder Bestatter, sondern man sieht es auch manchmal daran, dass Menschen einen Verstorbenen vielleicht nicht noch mal sehen möchten und dass das oft begründet wird mit dem Argument: Ich möchte ihn lieber so in Erinnerung behalten, wie ich ihn zuletzt gesehen habe oder so, ja? Man möchte den Tod nicht mehr unbedingt betrachten, weil man vielleicht nicht weiß, wie man damit umgehen soll, weil man es eben auch nicht gewohnt ist, einen Toten zu sehen."

Ein Waldfriedhof in Herten im Ruhrgebiet. Auf einer Bank sitzt eine Frau, davor steht ein Holzkreuz. (imago/biky)"Man isst es eben auch nicht gewohnt, einen Toten zu sehen." (imago/biky)
Sehen wollte ich sie unbedingt. Meine Mutter war in der kleinen Kapelle auf dem Friedhof Schattbachstraße in Bochum aufgebahrt, in einem Seitenraum. Wir bekamen bis zum Tag der Beerdigung den Schlüssel. Ich konnte bei ihr sein, so oft ich wollte. Ging mehrmals am Tag hin, verbrachte Zeit neben ihr, streichelte ihre Hände. Die Haut fühlte sich glatt und kühl an, nicht lebendig. Sie trug eine feine Wolljacke mit Knöpfen, meine Schwester hatte sie ausgesucht. Ihr Haar war wohl noch einmal gewaschen worden. Es lag ungewohnt feierlich um ihr Gesicht, nicht so, wie sie selbst sich frisiert hatte. Ihre Hände hatte man wie zum Gebet ineinander verschränkt. Die Geste passte nicht zu ihr. Als eine gute Freundin mich einmal begleitete, legten wir ihr die Hände schlicht übereinander. Das passte besser.

"Es ist ja erst mal nicht gefährlich, einen Verstorbenen anzufassen. Das sollte man vielleicht sogar tun, wenn man sich von einem Menschen verabschieden muss, wenn man ihn dann wirklich noch mal sieht, wenn man ihn aufgebahrt sieht. Da muss man keine Scheu haben, ihm vielleicht noch mal über die Wange zu streicheln oder vielleicht noch mal die Hände zu drücken. So kann ja diese Abschiednahme, ich sag mal, auch noch, ich sag mal, körperlich erfahrbar werden, ne."

Das Gesicht meiner Mutter schien mir ferne, aber sehr bei sich. Die Augen lagen tief in den Höhlen, sicher von der Krankheit, vielleicht auch schon, weil sich ihr Körper zu verändern begann. Der Mund, die schmale Nase, ihre Fältchen. Das war noch immer sie. Ich wollte dieses Bild von ihr bewahren. Aber fotografieren? Meine Schwester war dagegen, und mir kam es auch nicht richtig vor. Ich nahm Ringbuchblätter und einen Bleistift mit und zeichnete sie. Wir planten die Trauerfeier, gemeinsam mit einer Pastorin. Für mich war es das erste Mal. 

Hillermann: "Die Kunst eine Trauerfeier zu gestalten, besteht darin, zu wissen, dass es nicht eine Trauerfeier gibt. Also wir begehen Trauerfeiern in Stadtteil-Kulturzentren, im Theater, im Kino, im Tennisclub, im Vereinsheim, auf der Barkasse auf der Elbe. Es gibt wenige Orte des Lebens, die man sich so vorstellen kann, wo irgendwie Menschen zusammenkommen können, an denen wir nicht schon als Trostwerk eine Trauerfeier ausgerichtet hätten. Es geht nicht um das Event des Events wegen, sondern es geht eben darum, wie können wir es schaffen, dass die verstorbene Person, das Umfeld sich in dieser Feier bestmöglich wiederfindet."

Jeder Mensch muss in Deutschland beigesetzt werden

Neurath: "Es gibt schon eben einen deutlichen Wandel in der Bestattungskultur. Das wird zum Beispiel daran deutlich, dass manchmal Beisetzungen doch eine sehr persönliche, eine individuelle Note erhalten, indem vielleicht individuelle Rituale einfach praktiziert werden."

Man kann Abschiedsfeiern nach christlichem, jüdischem, muslimischem, buddhistischem Ritus gestalten. Es gibt die Möglichkeit, Trauerredner zu beauftragen, wenn der Verstorbene keiner Religion angehörte. Man kann einen Sarg gemeinsam bemalen, Kerzen anzünden oder Luftballons steigen lassen; selber Abschiedsworte für den Verstorbenen formulieren. Eines ist gleich geblieben: Jeder Mensch in Deutschland muss beigesetzt werden. Das kann auf verschiedene Weise geschehen, im Friedwald zum Beispiel, oder auf See. Voraussetzung vieler neuartiger Bestattungsformen ist die Kremation, also Einäscherung.  

"Das Verhältnis von Erd- zu Feuerbestattung sieht so aus, dass wir ein ausgeprägtes Nord-Südgefälle haben."

Lutz Rehkopf ist Pressesprecher des Ohlsdorfer Friedhofs.

"Während in Kiel und Flensburg etwa 95 Prozent der Angehörigen sich für Einäscherung entscheiden, ist es so, dass wir in dem Süden Deutschlands, in Bayern und der Nähe von Passau, zwischen 15 und 35 Prozent liegen, das ist so die Quote. Es ist aber so, dass die südlichen Länder erheblich aufholen, so dass dort Krematoriumsneubauten in den letzten Jahren fertiggestellt worden sind und für die nächsten Jahre projektiert sind."

Ohlsdorfer Friedhof zu in Hamburg. Zu sehen sind Gräber. (Deutschlandradio / dpa / Angelika Warmuth)Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, der größte Parkfriedhof der Welt. (Deutschlandradio / dpa / Angelika Warmuth)
Die katholische Kirche schrieb lange Zeit vor, dass Verstorbene nach Jesu Vorbild beigesetzt werden sollten, und verbot die Kremation bis 1963. Die DDR-Regierung dagegen förderte sie, auch als Absage an das Christentum. Der aktuelle Trend dürfte dem zunehmend sachlichen Verhältnis zum Leichnam geschuldet sein. Krematorien sind hochtechnisierte, nach Vorschriften des Bundesimmissionsschutzgesetzes ausgelegte Anlagen. In Hamburg entscheiden sich 80 Prozent der Menschen für die Einäscherung. 14.600 Särge werden im Jahr verbrannt, 2500 davon auf dem Ohlsdorfer Friedhof, dem größten Parkfriedhof der Welt.

"Hier stehen wir an den beiden Ofenanlagen. Hier ist die rechte Ofenanlage, wir gehen vor zur linken Ofenanlage. Und das ist der Sarg, der wahrscheinlich als nächstes eingefahren wird. Sie hören also hier schon die Ofengeräusche sozusagen."

Vor der Ofeneinfahrt mit einem Tor aus Edelstahl sind Schienen in den Boden eingelassen, gelb-schwarz markiert, damit niemand versehentlich drauftritt. Die Fläche vor dem Ofen kann rechts durch einen roten Vorhang abgetrennt werden, so dass der Eindruck eines Raums entsteht. Links befindet sich ein Rolltor, auf dessen anderen Seite eine Feier-Halle liegt. 

"Wenn Angehörige hier an der Einfahrt des Sarges teilnehmen wollen, wird das Rolltor natürlich geöffnet. Das technische Licht verschwindet, und Sie sehen hier eingebaute Beleuchtungselemente und eine Kerze, die dann angezündet werden. Dann haben wir also ein etwas gedämpftes Licht, und dann  können Angehörige, vielleicht 20 Personen passen hier herein, zu sehen, wie der Sarg entsprechend eingefahren wird."

Einäscherung ohne Angehörige

Der auf einem Rollwagen bereitstehende Sarg wird eingeäschert, ohne dass Angehörige dabei sind. Ein Krematoriumsmitarbeiter drückt einen der vielen Knöpfe in einem kleinen Metallkasten an der Wand. Die in den Boden eingelassenen Schienen heben sich. Der Mitarbeiter zieht den Rollwagen weg, so dass der Sarg nun auf den Schienen ruht und langsam in Richtung des Ofentors gefahren wird. Das Tor wird angehoben und gibt kurz den Blick ins Innere des Ofens frei: Wände aus Ziegelsteinen, aber keine offene Flamme. Der Sarg wird eingefahren. Das Ofentor schließt sich hinter ihm. In Kürze wird sich der Sarg durch die in den Steinen gespeicherte Hitze selbst entzünden. Die Schienen fahren zurück und senken sich ab.

"Das Geräusch, das Sie gehört haben, war der Unterdruck, der dadurch erzeugt wird: Falls ein Sarg mal mit Lacken oder leicht entzündlichen Stoffen versehen ist oder nicht ganz korrekt lackiert ist sozusagen, kann es sein, dass die Selbstentzündung relativ schnell erfolgt, während die Einfahrt in den Ofen noch geschieht, also im Verlauf dieser Aktivität. Die können Sie ja nicht bremsen. Und dann würden Flammen aus dem Ofen schlagen. Um das zu verhindern, wird im Ofen bei der Einfahrt ein Unterdruck, erzeugt, so dass wie gesagt keine Flammen in diesen Raum hineinschlagen können."

Eine Stunde dauert es nun, bis der Sarg und die menschlichen Überreste darin zu Asche geworden sind. Diese wird später in eine Schütte geladen und in eine Urne gefüllt. Auch Hüft- oder Knieprothesen werden zerkleinert und kommen mit in die Urne. Nach einem Urteil des Landgerichts Hamburg, das der Bundesgerichtshof bestätigte, gehören sie zur Person. 4,3 Liter fasst eine Urne – mehr bleibt nach einer Kremation nicht übrig. Der letzte Weg des Leichnams endet im Erdreich, wie bei der Sargbestattung, oder auf See.  

Wenn wir auf dem Schattbachfriedhof sind, denke ich oft an den Abschied von unserer Mutter. Wir hatten Musik für sie ausgesucht und brachten am Vortag der Beerdigung ihren CD-Player in die kleine Kapelle. Es stellte sich heraus, dass er eine Macke hatte. Beim Probespielen hakte es ein paar Mal, wir mussten auf den Vorlaufknopf drücken. Wenn das während der Trauerfeier passieren würde? Wir trösteten uns damit, dass unsere Mutter sich über so eine technische Panne nie aufgeregt hätte. Sie hätte das mit Humor genommen. Am Tag selbst ging dann alles gut. Auch die Trauerrede der Pastorin war tröstlich, wir erkannten unsere Mutter in ihren Worten wieder. Nach dem Begräbnis übertrug ich meine Skizze von ihr mit Kohlestift auf Papier. Die Zeichnung hängt bei uns im Wohnzimmer. Wenn ich sie ansehe, fühle ich mich ihr nahe.

Autorin: Martina Keller
Sprecherin und Sprecher: Martina Keller und Max Urlacher
Regie: Friederike Wigger
Ton: Ingeborg Görgner
Redaktion: Martin Mair
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019

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