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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.08.2020

Umbenennung der Mohrenstraße in BerlinEnde einer scheinheiligen Debatte

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Das Straßenschild Mohrenstraße ist in Berlin durch Anton-W.-Amo-Straße überklebt worden. (imago images / Christian Spicker)
"Eine Frage des Respekts": Die Mohrenstraße soll umbenannt werden. (imago images / Christian Spicker)

Seit Jahrzehnten wird über die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin gestritten. Jetzt hat die Bezirksverordnetenversammlung Mitte beschlossen, die Straße nach Anton Wilhelm Amo zu nennen. Aber wer war Amo?

Schon lange fordern postkoloniale Initiativen, die Mohrenstraße in Berlin umzubenennen. Der Name sei rassistisch. Nun haben die Bezirksverordneten beschlossen, den Vorgang zur Umbenennung zu starten. "Eine große Zufriedenheit" löse die Entscheidung bei ihm aus, sagt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, künstlerischer Leiter bei Savvy Contemporary.

Anton Wilhelm Amo sei ein "seltener und erleuchtender" Philosoph gewesen, sagt Ndikung. Als Kind wurde Amo um 1707 versklavt und aus dem Gebiet des heutigen Ghana nach Europa verschleppt. Dort wurde er an Anton Ulrich von Braunschweig "verschenkt", der ihn an seinen Sohn August Wilhelm "weitervererbte". Daher die beiden Vornamen. 

Sechs Sprachen, Philosophie und Rechtswissenschaften

Amo wurde getauft und ging zur Schule. Ab 1721 studierte er, erst an der Universität Helmstedt, wo er neben Deutsch auch Französisch, Griechisch, Hebräisch, Niederländisch und Latein lernte. Später war Amo an der Universität Halle in den Fächern Philosophie und Rechtswissenschaften eingeschrieben. "Einer seiner wichtigsten Arbeiten war 'Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa'", sagt Ndikung. Amo habe dort sehr sachlich argumentiert, dass es nicht rechtens sei, Schwarze zu versklaven. 

Der Kurator Bonaventure Ndikung trägt einen grünen Anzug und sitzt mit verschränkten  Armen auf einem Stuhl. (imago images / Eibner)Hat nach der documenta 14 jetzt eine Ausstellung über Anton Wilhelm Amo kuratiert: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. (imago images / Eibner)

Auch nach seiner Promotion 1734 in Wittenberg habe Amo Widerstände zu spüren bekommen, sagt Ndikung: "Es gab ziemlich viel Kontra." So mancher zeitgenössische Philosoph sei rassistisch gewesen. Hegel, Kant oder Hume hätten negativ über Afrikaner geschrieben. 

Ein fiktives Porträt von Amo

Um die Schriften von Amo bekannter zu machen, hat Ndikung eine Ausstellung in Braunschweig kuratiert. 20 Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich in "The Faculty of Sensing" mit Amos Philosophie und wollen "seine Gedanken in der heutigen Zeit situieren", so Ndikung. Akinbode Akinbiyi begibt sich auf die Suche nach Spuren, die Amo in Braunschweig hinterlassen hat, während Theo Eshetu in einer Videoarbeit ein fiktives Porträt von Amo entwirft.  

Die Debatte um die Umbenennung der Mohrenstraße sei "traurig und scheinheilig" gewesen, so Ndikung: "Wenn man bedenkt, dass in Deutschland die Straßennamen von Nazis weggenommen wurden, wenn man bedenkt, dass nach dem Fall der Mauer Straßen umbenannt wurden, verstehe ich nicht, dass es ein großes Problem war, diesen Straßennamen zu ändern." Dass jetzt Anton Wilhelm Amo Namensgeber sei, sei eine Sache des Respekts, sagt Ndikung. 

(beb)

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